{"id":11965,"date":"2005-04-20T11:11:00","date_gmt":"2005-04-20T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11965"},"modified":"2022-05-10T00:33:18","modified_gmt":"2022-05-09T22:33:18","slug":"crime-school-flauberts-papageien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-flauberts-papageien\/","title":{"rendered":"Crime School: Flauberts Papageien"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3821807415.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Sportschuhe? M\u00fcssen IMMER drei Streifen haben! Gute Musik? Darf NUR &#8222;handgemacht&#8220; sein! Ein Krimi? Muss AUSSCHLIESSLICH im Hier und jetzt spielen!<\/p>\n\n\n\n<p>Willkommen in der Welt der Slogans und Scheuklappen, der Vorurteile und der nachgeplapperten eindimensionialen Weisheiten. Selbst wer sich nicht vorstellen k\u00f6nnte, ein Buch zu schreiben, f\u00e4nde doch, ginge es um die Dummheit der Gemeinpl\u00e4tze, Material genug f\u00fcr einen dicken W\u00e4lzer. Gustave Flaubert, der Romane schreiben konnte, hat es bei einem schmalen B\u00e4ndchen belassen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sein &#8222;W\u00f6rterbuch der gemeinen Phrasen&#8220; ist keine Sammlung scharfz\u00fcngig-lichter Definitionen wie etwa das &#8222;teuflische W\u00f6rterbuch&#8220; von Ambrose Bierce oder gar Sammlung eleganter Aphorismen \u00e0 la Oscar Wilde. Vielmehr hat Flaubert die Gemeinpl\u00e4tze seiner Zeit zusammengetragen, die eingeschliffenen und hohlen Parameter einer kollektiven Weltsicht, s\u00e4mtlich Extrakte, in denen sich das Bild dieser Gesellschaft, dieser Zeit bewahrt hat, als das Bild einer von kreischenden Papageien bev\u00f6lkerten Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei, Achtung!, erwartet uns keine leichte H\u00e4ppchenlekt\u00fcre, kein Betthupferl, keine Witzesammlung.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eH\u00e4ngematte: Besonderheit der Kreolen\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Wie bitte? Da bedarf es schon einer Fu\u00dfnote in diesem von Hans-Horst Henschen vorbildlich herausgegebenen, \u00fcbersetzten und annotierten Buch, um die kryptische Definition auf den Boden der Zeit zu stellen (Napoleons Frau war kreolischer Abstammung).<\/p>\n\n\n\n<p>Anderes hingegen ist zeitlos, etwa wenn unter dem Stichwort \u201ePhantasie\u201c verzeichnet steht:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eImmer \u201alebhaft\u2019 \u2026 Man beargw\u00f6hne sie \u2026 Wenn man selbst keine hat, mache man sie bei anderen herunter \u2026 Um Romane zu schreiben, braucht man nichts weiter als einen Funken Phantasie.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><br \/>Hier sehen wir sie vor uns, die Alt- und Halbklugen beim smalltalk, wenn es \u00fcber Dinge von allgemeiner Bedeutung zu reden gilt, von denen man keine Ahnung hat, \u00fcber die aber geredet werden muss. Da war nicht nur in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts so, als Flauberts \u201eW\u00f6rterbuch\u201c haupts\u00e4chlich entstand, solche Gestalten werden uns heute immer noch dargeboten, ja, millionenfach geklont via Mattscheibe wie geistiger Ramsch feilgeboten.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir hier vorfinden, sind Indizien &#8211; und somit w\u00e4ren wir, wie es der gestrenge Lehrplan der staatlich gef\u00f6rderten Crime School nun einmal vorsieht, doch beim Krimi &#8211; oder nein, noch nicht, sondern erst beim Roman, der keiner ist, aber im Kopf des Lesers einer werden kann, wenn er sich der s\u00fc\u00dfen M\u00fche unterzieht, die Indizien des Gustave Flaubert denen in den Mund zur\u00fcck zu legen, die sie einst in den Salons und Cafes, auf den Stra\u00dfen und Rednertrib\u00fcnen in die Welt geschickt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann das kreuz und quer lesen &#8211; es funktioniert. Und ich frage mich &#8211; vielleicht, nein, ganz sicher &#8211; etwas tollk\u00fchn, ob nicht auch ein Krimi so entstehen k\u00f6nnte? Als W\u00f6rterbuch?<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor man mich bel\u00e4chelt: Dieser Gedanke, dass das Bild einer Gesellschaft quasi en passant gezeichnet wird, aus nicht zwangsl\u00e4ufig chronologischen snapshots zusammengef\u00fcgt, als Gedankenarbeit des Lesers und kreativer Beitrag, den man einem Buch schuldet, dieser Gedanke ist Gegenstand der n\u00e4chsten Lektion. Und nat\u00fcrlich ist es Zufall, dass mir Flauberts Papageien da aus heiterem Himmel entgegengeflogen kommen und, an diesen Gedanken kn\u00fcpfend, mich auf ganz andere Gedanken bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Also ist es m\u00f6glich? Dem bleiben wir auf der Spur, und das wollte ich hier au\u00dfer der Reihe nur einmal kurz gesagt haben, damit auch die Sch\u00fcler eine Ahnung davon kriegen, wie verzwackt es manchmal im Gehirn eines Lehrk\u00f6rpers zugehen kann. It\u2019s no easy life, indeed.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gustave Flaubert: W\u00f6rterbuch der gemeinen Phrasen. Eichborn 2005, 215 S., 16,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sportschuhe? M\u00fcssen IMMER drei Streifen haben! Gute Musik? Darf NUR &#8222;handgemacht&#8220; sein! Ein Krimi? Muss AUSSCHLIESSLICH im Hier und jetzt spielen! Willkommen in der Welt der Slogans und Scheuklappen, der Vorurteile und der nachgeplapperten eindimensionialen Weisheiten. Selbst wer sich nicht vorstellen k\u00f6nnte, ein Buch zu schreiben, f\u00e4nde doch, ginge es um die Dummheit der Gemeinpl\u00e4tze, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2357],"class_list":["post-11965","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-crime-school-flaubert"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11965"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11965\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}