{"id":11967,"date":"2005-04-20T11:12:00","date_gmt":"2005-04-20T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11967"},"modified":"2022-05-10T00:35:50","modified_gmt":"2022-05-09T22:35:50","slug":"die-erste-seite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/die-erste-seite\/","title":{"rendered":"Die erste Seite"},"content":{"rendered":"\n<p>Um die erste Seite eines Romans ranken sich Mythen. Mit ihr packt man den Leser, hier ist alles schon angedeutet, was sp\u00e4ter en detail geschildert wird. Und so weiter. Ich bin da skeptisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon weil jeder Autor wei\u00df, dass die erste Seite die Visitenkarte seines Romans sein wird. Der Lektor liest ihn als erstes, mancher B\u00fccherwurm im Gedr\u00e4nge der Buchhandlung auch. Ja, und was tue ich, wenn ich das wei\u00df? Genau. Ich gebe mir M\u00fche mit der ersten Seite. Mit der zweiten dann schon weniger, schweigen wir ganz von Seite 235. Und die Dramaturgie interessiert auch nicht so, ja, und Sprache ist eh nur ein Kommunikationsmittel.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei: Erste Seite haben was. Deshalb hier eine, die mir heute morgen zugeflogen ist. Ganz ohne Kommentar, aber Kommentare von euch sind hier willkommen. Gef\u00e4llt euch das? Oder nicht? Und warum und warum nicht?<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Schon in der Schule hatte er sich nicht f\u00fcr Biologie interessiert, und so schaute er auf die Leiche seines Vaters wie auf jede andere.<br \/>Ihr Kopf lag in einer Pf\u00fctze Blut, wei\u00dfliche Brocken und Fl\u00f6ckchen darin wie ein Atoll. Aber auch das Gehirn dieses Mannes hatte ihn zeitlebens nicht interessiert. Was der Alte dachte, f\u00fchlte, tat, waren Aktionen aus einer anderen, feindlichen Welt, und dem Sohn war es ratsam erschienen, sich auf die kleine und freundliche in seinem Kopf zu konzentrieren.<br \/>Wer auch immer seinen Vater erschlagen hatte, war von vorne an sein Opfer herangetreten, das von der Wucht nach hinten gerissen worden war und jetzt auf dem R\u00fccken lag.<br \/>Das traf sich gut. Er b\u00fcckte sich und fischte mit spitzen Fingern die Brieftasche aus dem Jackett des Toten. In ihr steckten vier neue 50-Euro-Scheine, er zog sie heraus und lie\u00df das Kleingeld wo es war. Eine subtile Rache f\u00fcr all die Sonntagnachmittage der Jugend, an denen der Vater seinen speckigen Geldbeutel hervorgekramt hatte, um dem Sohn die kupfernen Brosamen in die bittende Hohlhand zu z\u00e4hlen, dabei sich seiner Allmacht als H\u00fcter des Schatzes wohlbewusst.<br \/>Dann erinnerte er sich an die vielen Krimiserien seiner Jugend und wischte mit seinem Taschentuch das Leder sorgf\u00e4ltig ab, bevor er es zur\u00fcck in die Innentasche des Jacketts steckte.<br \/>Er blieb ein paar Sekunden lang ruhig stehen, atmete flach und lauschte. Nichts war zu h\u00f6ren, selbst der Stra\u00dfenverkehr ruhte f\u00fcr den Moment. Er steckte die vier Scheine achtlos in die Hosentasche, drehte sich um und verlie\u00df die Wohnung. Die T\u00fcr lie\u00df er so weit offen, wie er sie vorgefunden hatte.<br \/>Sie zockte ihn ab. In der Kneipe hatte er eine Hand in der Hosentasche gelassen, eine einsame M\u00fcnze solange zwischen Daumen und Zeigefinger gerieben, bis sie hei\u00df war und nass vom Schwei\u00df. Sein Handr\u00fccken war an den Geldscheinen entlang geglitten, und dann war sie aufgetaucht, mit dem Blick einer Professionellen, und pl\u00f6tzlich wusste er, wohin die vier Scheine geh\u00f6rten.<br \/>Ein j\u00e4mmerlicher Orgasmus, wie von der Hand eines angstvollen Kindes gemacht, das damit rechnet, jeden Moment \u00f6ffne sich die T\u00fcr und die Katastrophe strecke in Gestalt des Vaters ihren Kopf ins Zimmer. Er legte die vier Scheine auf die Bettkante und verschwand. Zuhause wusste er nicht, ob er weinen oder kotzen sollte. Also machte er sich ein Brot und schaltete den Fernseher an.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die erste Seite eines Romans ranken sich Mythen. 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