{"id":11971,"date":"2005-04-25T11:11:00","date_gmt":"2005-04-25T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11971"},"modified":"2022-05-10T00:46:01","modified_gmt":"2022-05-09T22:46:01","slug":"crime-school-lektion-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/04\/crime-school-lektion-13\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 13"},"content":{"rendered":"\n<p>Setzen wir uns einen Moment bequem zur\u00fcck, atmen durch und rekapitulieren: Bei der Lekt\u00fcre eines Krimis ist der Leser an die Lese-Zeit-Richtung gebunden. Dieses Genre-Merkmal ist eng mit einem anderen verkn\u00fcpft, das ich mit \u201eDas Aufr\u00e4umen einer gro\u00dfen unordentlichen Kiste\u201c bezeichnet habe und den daraus zwingend folgenden Gesetzen der Kausalit\u00e4t, Chronologik und Sinnhaftigkeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Erz\u00e4hlzeit ebenfalls den Gesetzen der Chronologie folgt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gut und sch\u00f6n. Aber ist das alles, was mir einer guter Krimi bieten sollte? Und was hat es mit der \u201eRealit\u00e4tst\u00fcchtigkeit\u201c auf sich, die viele Leser von einem Krimi erwarten? Definiert sie sich gar auch nach den Kriterien Kausalit\u00e4t, Chronologik und Sinnhaftigkeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Das mit der \u201eRealit\u00e4tst\u00fcchtigkeit\u201c ist eine b\u00f6se, b\u00f6se Geschichte, und eigentlich versuche ich seit Jahren, ja, seit Jahrzehnten, diese Klippe zu umschiffen, indem ich einfach behaupte, jeder Roman habe seine Realit\u00e4t und sei somit qua definitionem \u201erealit\u00e4tst\u00fcchtig\u201c und damit basta.<\/p>\n\n\n\n<p>Da habe ich aber die Rechnung ohne meine Sch\u00fcler gemacht. Besonders Ludger hat hier \u2192erhebliche Einw\u00e4nde erhoben. Auch mein sch\u00fcchterner Schlichtungsversuch, man k\u00f6nne sich vielleicht darauf einigen, unter \u201eRealit\u00e4t\u201c allgemein die \u201eAbbildung von Gehirnvorg\u00e4ngen\u201c zu verstehen, stie\u00df auf Unverst\u00e4ndnis. So schreibt Bernd:<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich bedeutet &#8222;Realit\u00e4tst\u00fcchtigkeit&#8220; nicht Abbildung von &#8222;Gehirnvorg\u00e4ngen&#8220; [was sollte das sein ?], sondern tats\u00e4chlich Orientierung an der &#8222;realen Wirklichkeit&#8220;.<br \/>Beginnen wir also die Suche nach der \u201eRealit\u00e4tst\u00fcchtigkeit\u201c beim Wort selbst. Er kann nur bedeuten, dass ein Krimi vor der Realit\u00e4t oder in ihr bestehen muss. Und was hei\u00dft das? Ist er Teil der Realit\u00e4t? Integraler Bestandteil? Ist er nur die Abbildung eines Teils des Realit\u00e4t oder tr\u00e4gt er zu ihrer Erweiterung bei? Und wer billigt einem Krimi zu, vor oder in der Wirklichkeit bestanden zu haben? Und in welcher? In der eigenen oder einer wie auch immer gearteten empirischen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir drohen hier in ein philologisches Gew\u00e4sser zu fallen, in dem wir nur noch eins tun k\u00f6nnen: schwimmen, um schnellstm\u00f6glich wieder ans Ufer und dann \u00fcber alle Berge zu kommen. Vergessen wir also die ganze Rhetorik und bauen praktische Versuchsreihen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich meine Sch\u00fcler richtig verstehe (na sch\u00f6n, welcher Lehrer versteht schon seine Sch\u00fcler richtig\u2026), dann erhalten sie von einem Krimi Informationen, die sie \u201eder\u201c Realit\u00e4t zuordnen k\u00f6nnen. In einigen F\u00e4llen ist das kein Problem, etwa wenn man die aktuelle Diskussion um den Roman \u201e617 Grad Celsius\u201c von Horst Eckert verfolgt, in dem, ach du Schande!, die politische Klasse des Landes Nordrhein-Westfalen vor den dort stattfindenden Wahlen ins Visier genommen werden soll. Doch schon hier ergeben sich aus dem Klarheit die ersten Vagheiten. Ist Eckerts Krimi eine Art Schl\u00fcsselroman oder beschreibt er \u201enur\u201c allgemein-metaphorisch politische Verh\u00e4ltnisse als solche? In beiden F\u00e4llen k\u00f6nnte man zwar das Etikett \u201erealit\u00e4tst\u00fcchtig\u201c auf das Cover kleben (ob so etwas eigentlich verkaufsf\u00f6rdernd w\u00e4re?), aber der erste Lautsprecher, der sein \u201eSo ist das ja gar nich\u2019 bei uns in NRW!\u201c herausklagen w\u00fcrde, stellte die \u201eRealit\u00e4tst\u00fcchtigkeit\u201c gleich wieder in Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zu einem zweiten Beispiel. Der englische Autor Charles Todd hat k\u00fcrzlich einen Roman namens \u201eStumme Geister\u201c geschrieben, den ich im \u2192\u201eTitel-Forum\u201c reichlich euphorisch besprochen habe. Erz\u00e4hl-und milieutechnisch passt \u201eStumme Geister\u201c in die Tradition des englischen Whodunit in bew\u00e4hrter Christie-Tradition. Ein Inspektor ermittelt in einer Mordserie, ein alter Fall kommt ihm zudem noch in die Quere und sorgt f\u00fcr Irritationen und Selbstzweifel. Der Krimi spielt kurz nach dem Ersten Weltkrieg im l\u00e4ndlichen England mit allen Requisiten, die wir seit den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Gen\u00fcge kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oberfl\u00e4chlich betrachtet, spiegelt \u201eStumme Geister\u201c eine historische Wirklichkeit wieder, n\u00e4mlich das England unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg, etwas tiefer geschaut erlaubt uns die Analyse des Personals Einblicke in menschliche Charakteristika und Seelenlagen, die wir durchaus in unsere individuelle Jetztzeit transponieren k\u00f6nnen, was sie wiederum zu \u201ezeitloser\u201c Realit\u00e4t werden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ein weiteres Moment kommt hinzu. Todds Protagonist Ian Rudledge ermittelt nicht allein. Ihm zur Seite steht ein Geist namens Hamish, die ruhelose untote Seele eines Soldaten, den Rudledge w\u00e4hrend seiner Zeit in den franz\u00f6sischen Sch\u00fctzengr\u00e4ben zum Tode verurteilt hat. Diese Stimme namens Hamish gemahnt Rudledge permanent an eine andere Zeit, die des 1. Weltkrieges. Zugleich ist er aber auch in die Realit\u00e4t der Jetztzeit involviert, da er als Ratgeber des Inspektors fungiert, ein etwas anderer Dr. Watson also.<\/p>\n\n\n\n<p>Das macht die Sache komplex. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass mancher Leser allein durch die Tatsache der Existenz dieses Hamish von der Lekt\u00fcre des Romans abgeschreckt wird, weil er dahinter \u201e\u00fcbernat\u00fcrliche Ph\u00e4nomene\u201c vermutet, die in einem Krimi nichts zu suchen haben, der ja \u201erealit\u00e4tstauglich\u201c sein soll. Andere wiederum akzeptieren Hamishs Dasein als Ausdruck einer psychischen Realit\u00e4t und tolerieren \u201eWirklichkeit\u201c als das subjektive Empfinden eines Menschen, dessen Gehirnvorg\u00e4nge abgebildet werden und eben \u201edie\u201c Realit\u00e4t konstituieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch ein dritter Fall. James Ellroys \u201eBlood on the Moon\u201c (danke f\u00fcr den Tipp, Bernd!) f\u00fchrt uns zwei M\u00e4nner vor, die beide in ihrer Jugend vom gleichen traumatischen Ereignis (einer Vergewaltigung) aus der Bahn geworfen wurden. Fortan versucht jeder f\u00fcr sich \u201edie Unschuld zu retten\u201c. Der eine, indem er Frauen t\u00f6tet, der andere, indem er als Polizist einen bis zur Psychose gereiften Krieg gegen alle Feinde der Unschuld f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich besteht das Faszinierende dieses Romans darin, dass Ellroy aus einer identischen psychischen Grundkonstante (wir k\u00f6nnen sie \u201eGehirnvorg\u00e4nge\u201c nennen) zwei Realit\u00e4ten entwickelt, wie sie sich diametraler zueinander kaum verhalten k\u00f6nnten. Die beiden Figuren sind Interpretationen EINER Wirklichkeit, und sie entstehen in sich als Interpretationen eines moralischen Begriffs von \u201eUnschuld\u201c. Damit wird aber \u201eWirklichkeit\u201c als etwas wenigstens in seinem Ansatz objektives glattweg negiert. Sie ist hier tats\u00e4chlich nichts anderes als die Wirklichkeit des Romans selbst. Zwei traumatisierte Kinder sitzen sich selbst \u00fcberlassenin der Zeit, und spinnen Geschichten aus der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschichten, die nat\u00fcrlich wieder den Gesetzen der Chronologik und Sinnhaftigkeit folgen, eine h\u00f6here Stufe der Realit\u00e4t, aus dem Versagen der \u201ebiografischen Wirklichkeit\u201c geboren. Das erinnert in der Technik durchaus an Nabokovs \u201eLolita\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sind wir jetzt schlauer? Ich muss gestehen: Eher nicht. Aber ich habe nie etwas anderes erwartet. Alle drei Beispiele definieren Wirklichkeit anders, und z\u00f6ge man die Grenzen dieser Wirklichkeit, es l\u00e4ge zwischen Empirie und Phantasiegespinst so ziemlich alles darin. Und was soll ICH mit dieser Wirklichkeit anfangen? Tangieren mich die Traumata vergewaltigter Kinder oder eines auf ewig in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben verbleibenden Inspektors? Ja, sie tangieren mich, wenn ich sie als M\u00f6glichkeiten der Realit\u00e4t ansehe, als eine Abstraktion, die in MEINER Wirklichkeit hilfreich sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten Lektion greifen wir dieses Thema noch einmal auf und wollen sehen, wie der Leser das, was ihm \u201erealit\u00e4tst\u00fcchtig\u201c ist, zu seiner Realit\u00e4t macht. Bis dahin: Hier k\u00f6nnen wie immer Kommentare abgegeben werden. Und denkt an die 3. Ebene! Ich l\u00fcfte das Geheimnis in den n\u00e4chsten Tagen und w\u00fcrde mich \u00fcber Sch\u00fclerarbeiten freuen! Bislang schweigt noch die baffe Schar, aber vielleicht gebe ich euch \u00fcbermorgen noch einen Tipp. Was tut man nicht alles, damit die Blase einen guten Start ins Berufsleben bekommt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Setzen wir uns einen Moment bequem zur\u00fcck, atmen durch und rekapitulieren: Bei der Lekt\u00fcre eines Krimis ist der Leser an die Lese-Zeit-Richtung gebunden. 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