{"id":11981,"date":"2005-05-02T11:11:00","date_gmt":"2005-05-02T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=11981"},"modified":"2022-05-10T01:45:11","modified_gmt":"2022-05-09T23:45:11","slug":"crime-school-lektion-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/05\/crime-school-lektion-14\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 14"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Realit\u00e4tskompatibel&#8220;<\/em>&nbsp;sollten Krimis sein. Schl\u00e4gt Bernd jedenfalls vor und \u00fcbersetzt &#8222;kompatibel&#8220; mit &#8222;vertr\u00e4glich&#8220;. Schlecht f\u00fcr alles, was in der Realit\u00e4t nicht vorkommt, \u00dcbersinnliches etwa, weil es sich nicht mit der allgemeinen Vorstellung dessen was wirklich sei, vereinbaren l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem k\u00f6nnte ich zustimmen, wenn ich nicht im vorigen Jahr einen Roman des sehr flei\u00dfigen und guten Boris Akunin gelesen und sogleich mit allerh\u00f6chsten Weihen ausgestattet h\u00e4tte. &#8222;Pelagia und der rote Hahn&#8220; hei\u00dft der Krimi und ist Abschluss einer Trilogie um die detektivische Nonne Pelagia im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die beiden ersten B\u00e4nde des Pelagia-Dreiers sind zweifelsohne \u201erealit\u00e4tskompatibel\u201c, wenn es nicht jemandem in den Sinn k\u00e4me, etwas exzentrische Charaktere als fernab der Wirklichkeit einzuordnen. Nein, in diesen beiden B\u00fcchern hat nicht nur alles seine Ordnung, die Ordnung wird auch hergestellt, die F\u00e4lle werden gel\u00f6st, nichts bleibt uns schleierhaft oder findet seine Erkl\u00e4rung im \u00dcbersinnlich-Phantastischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann aber \u201ePelagia und der rote Hahn\u201c. Ohne jetzt auf den Inhalt eingehen zu wollen (wer will, tue dies \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-forum.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=3060\">hier<\/a>), sei doch eine Szene genannt, die das bedenkliche Infaltenlegen der Stirn des n\u00fcchternen und auf die Allmacht des Faktischen bauenden Lesers provoziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Pelagia, auf M\u00f6rdersuche, erforscht eine abgelegene H\u00f6hle. Kaum unter der Erde, muss sie gewahren, dass irgendein Ereignis (ein nat\u00fcrliches?, ein von b\u00f6ser Hand veranlasstes?) den Eingang der H\u00f6hle zugesch\u00fcttet hat. Pelagia sitzt in der Falle. Doch da der Roman noch einige hundert Seiten vor sich hat, gelingt es unserer Nonne nat\u00fcrlich, einen zweiten Ausgang zu finden, der ihr sogar einen Blick auf den versch\u00fctteten Eingang erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was sie da erblickt, kann nicht sein. Just die Szene n\u00e4mlich, da ein B\u00f6sewicht einen Erdrutsch provoziert, der die Nonne anscheinend unrettbar in der H\u00f6hle gefangen halten wird. Seit diesem Ereignis sind aber nun schon mehrere Stunden vergangen \u2013 wieso also wird die Nonne Zeugin eines Geschehens aus der Vergangenheit?<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in der Bibliothek des Bischofs, findet sie ein Buch, das das Ph\u00e4nomen erkl\u00e4rt. \u201eBesondere H\u00f6hlen\u201c g\u00e4be es, die \u201e<em>die k\u00f6rperliche Welt mit der nicht k\u00f6rperlichen\u201c<\/em>&nbsp;verbinden, und jede Seele gehe zweimal durch sie hindurch: bei Geburt und Tod. Weiter hei\u00dft es, manchmal komme es vor, dass in solche H\u00f6hlen auch Seelen gerieten, die noch nicht zum Sterben vorgesehen sind. Diese seien dann&nbsp;<em>\u201ezwischen den Welten, wo die Zeit nicht flie\u00dft, (in intermundis ubi non est aemanatio temporis), gefangen, und er kann solcherart f\u00fcr alle Ewigkeit verschwinden oder in eine andere Zeit und sogar in eine andere Besondere H\u00f6hle geworfen werden.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In eine Zeitmaschine ist die gute Nonne also geraten, und das klingt nicht nur schwer SF-m\u00e4\u00dfig, sondern ist, selbst wenn das erkl\u00e4rende Buch tats\u00e4chlich existieren sollte (wird wohl), ein ziemlich unrealistischer Schwurbel \u2013 nicht kompatibel mit allem, was uns unsere Schulweisheit einfl\u00fcstert.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne zu viel zu verraten, sei erw\u00e4hnt, dass der Schluss des Romans wiederum mit einer \u201eBesonderen H\u00f6hle\u201c zu tun hat und derart b\u00f6se ins Mystisch-Christliche abschwurbelt, dass bekennende Agnostiker wie ich das Ding normalerweise w\u00fctend gegen die Wand werfen. \u2013 Was ich aber nicht getan habe. Und das hat seinen Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht h\u00e4tte ich dieses Abdriften ins Mythisch-\u00dcbersinnliche auch blo\u00df wegen der fulminanten Erz\u00e4hlkunst Akunins akzeptiert. Thema des Romans ist die Sekteninflation im Russland des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts, das Sich-Fl\u00fcchten in religi\u00f6se Heilswelten und die sehr reale Heilswelt des \u201eGelobten Landes\u201c, in das auch Pelagia aufbricht, um ihren Fall zu l\u00f6sen. Sie ist in bester Gesellschaft. Die ersten Kibbuzim sind schon dort, auch eine Gruppe Homosexueller, die dort eine Stadt namens Sodom gr\u00fcnden wollen, um in Ruhe leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer solchen Atmosph\u00e4re findet das \u201enicht Realit\u00e4tskompatible\u201c pl\u00f6tzlich eine Schnittstelle zur Wirklichkeit. Es verdichtet diese Atmosph\u00e4re zu einem Bild, auf dem all das zu sehen ist, was an seelischer Grundstimmung sonst nicht zu beschreiben ist \u2013 oder als Beschreibung einfach nicht in die Dramaturgie des Romans passen w\u00fcrde. Das Schicksal der Pelagia, welches sich durchaus auf eine von n\u00fcchternen Ist-Menschen unakzeptable Weise erf\u00fcllt, macht Sinn vor dem Hintergrund ihrer psychischen Verfassung, ihrem Schwanken zwischen der Einmischung in die Welth\u00e4ndel und ihrer eigentlichen Bestimmung, die nicht von dieser Welt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit haben wir es mit einem merkw\u00fcrdigen Tatbestand zu tun: Etwas zun\u00e4chst nicht mit der Realit\u00e4t zu Vereinbarendes wird im Laufe der Handlung doch mit dieser Realit\u00e4t kompatibel. Die Handlung entwickelt eine Logik, an der selbst das Unlogische andocken kann. Beide Teile interagieren wie ein Computer und ein mit ihm kompatibler Drucker. Zwei Welten \u2013 eine Aufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Akunins Entscheidung f\u00fcr den Einsatz realit\u00e4tsferner Motive ist eine rein k\u00fcnstlerische. Sie negiert die Diktatur der Physik zu Gunsten der Erfordernisse eines literarischen Werks. Daran wollen wir in der n\u00e4chsten Lektion ankn\u00fcpfen. Bis dahin: Seid flei\u00dfig (3. Ebene!) und mailt&nbsp;<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de?subject=Lektion%2014\">hier<\/a>&nbsp;, was immer euch auf dem Herzen liegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Realit\u00e4tskompatibel&#8220;&nbsp;sollten Krimis sein. Schl\u00e4gt Bernd jedenfalls vor und \u00fcbersetzt &#8222;kompatibel&#8220; mit &#8222;vertr\u00e4glich&#8220;. Schlecht f\u00fcr alles, was in der Realit\u00e4t nicht vorkommt, \u00dcbersinnliches etwa, weil es sich nicht mit der allgemeinen Vorstellung dessen was wirklich sei, vereinbaren l\u00e4sst. 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