{"id":12020,"date":"2005-05-11T11:11:00","date_gmt":"2005-05-11T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12020"},"modified":"2022-05-10T10:25:05","modified_gmt":"2022-05-10T08:25:05","slug":"crime-school-materialien-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/05\/crime-school-materialien-1\/","title":{"rendered":"Crime School: Materialien 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Toll. Die Realismusdebatte hat nun auch den Kriminalroman entdeckt. Wirklich toll? Ja und nein. Ja, weil man auch dar\u00fcber mal reden sollte, nein, weil da ein Fass aufgemacht wird, das du nicht mehr zukriegst. Aber was solls. Im Folgenden ein paar Originalzitate zum Problemkreis \u201eKrimi und Realit\u00e4t\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Begonnen sei mit einem Auszug aus einem \u2192<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/data\/2005\/03\/18\/612381.html?s=2\">&nbsp;\u201eWelt\u201c-Artikel<\/a>&nbsp;von&nbsp;<strong>Anne Chaplet<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eLiteratur bildet nicht Wirklichkeit ab, sonst w\u00e4re sie Kolportage. Sie verdichtet Realit\u00e4t, h\u00f6chstens. Vor allem kennt sie keinen Herrn &#8211; weshalb mir scheint, der Verweis auf die Realit\u00e4tsn\u00e4he eines Krimis ist nichts als der g\u00e4ngige Vorwand f\u00fcr den verklemmten Krimileser. Das Genre selbst hat ihn nicht n\u00f6tig.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Ein guter Roman mit Spannungsbogen kann alles sein, was uns als Literatur seit dem Gilgamesh-Epos ber\u00fchrt. Er ist eine Versuchsanordnung, in der es um das Beste und die Bestie im Menschen geht: man setze sie existentiellem Stre\u00df aus &#8211; Krieg, Mord und Totschlag &#8211; und schaue, wer den Stoff zum Helden hat und wer sich als Schurke entpuppt. Entgegen dem Verkaufsargument einiger Krimiautoren leben wir, verglichen mit fr\u00fcheren Jahrhunderten, in au\u00dferordentlich friedlichen Zeiten. Dabei brauchen wir den existentiellen Konflikt, der uns den anderen erkennen l\u00e4\u00dft &#8211; und sei es in der Literatur. In diesem Sinn kann ein Krimi in der Tat der Gesellschaftsroman der Gegenwart sein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Horst Eckert<\/strong>, mit seinem angeblichen \u201eSchl\u00fcsselroman\u201c \u201e617 Grad Celsius\u201c in die Kritik geraten, postuliert in einem \u2192<a href=\"http:\/\/www.das-syndikat.com\/real.htm\">Aufsatz<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Die Maxime von Kriminalliteratur lautet: Die Handlung ist zwar frei erfunden, k\u00f6nnte sich aber so zutragen. Diese Art von Wahrhaftigkeit tr\u00e4gt zur Qualit\u00e4t des Krimis bei. Fantasy und Science Fiction d\u00fcrfen verr\u00fcckte Visionen entwerfen, Horror darf Tote aufwecken. Der Krimi hat auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Seine Figuren m\u00fcssen glaubhaft sein und der Plot nicht nur in sich nachvollziehbar, sondern auch dem Vergleich mit der Wirklichkeit standhaltend. Dass die Leser dies erwarten, liegt in der Definition des Genres begr\u00fcndet.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Nat\u00fcrlich hat Anne Chaplet Recht: Kriminalschriftsteller bilden die Wirklichkeit nicht ab, sondern schaffen ihre eigene. Die Dramaturgie ihrer Erz\u00e4hlungen folgt nicht den Vorschriften der Strafprozessordnung. Die Charakterisierung der T\u00e4ter nicht der Sozialstatistik. Doch die Schilderung bliebe schablonenhaft, wenn sie auf die Authentizit\u00e4t wesentlicher Handlungselemente und die Glaubw\u00fcrdigkeit der Charaktere verzichtete. Zwangsl\u00e4ufig erfahren die Leser Kriminalliteratur als Kommentar auf das Leben. Als Autoren von Gesellschaftsliteratur bedienen wir diese Erwartung. Realismus ist unser Metier.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Stichwort \u201eWahrhaftigkeit\u201c. Wohl, da sind sich Chaplet und Eckert einig, Fiktion, aber mit der Realit\u00e4t in Einklang zu bringen. \u00c4hnlich hat schon&nbsp;<strong>Friedrich Ani&nbsp;<\/strong>2004 in einer \u2192<a href=\"http:\/\/www.alligatorpapiere.de\/befragungani-friedrich.html\">Befragung<\/a>&nbsp;geantwortet:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eIch bediene mich auf dem Marktplatz Gegenwart, daheim mache ich Fiktion darauf. Aber die Figuren sollten schon in einer wahrhaftigen Welt existieren, auf die man allerdings keine reale Stra\u00dfenkarte legen kann.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Interessant scheint mir bei Chaplets und Eckerts \u00c4u\u00dferungen vor allem die Motivation zu sein, das Thema \u00fcberhaupt anzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Chaplet beklagt in ihrem Artikel die fehlende Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr den Krimi als solchen, sowohl bei der Literaturkritik als auch bei den Lesern. Diese \u201eVerklemmtheit\u201c korrespondiere mit einer Verklemmtheit bei den Autoren, die in der Belehrung ihr Heil suchen und sich deshalb dem \u201esozialkritischen\u201c Feld zuwenden. \u201eRealismus\u201c als Bonbon f\u00fcr ignorante Kritiker und Leser also.<\/p>\n\n\n\n<p>Eckert hingegen hat seinen Aufsatz aus aktuellem Anlass geschrieben, denn sein Roman \u201e617 Grad Celsius\u201c wird, wie gesagt, von einigen anderen \u201eVerklemmten\u201c als \u201eSchl\u00fcsselroman\u201c passend zum derzeitigen Wahlkampf in NRW gelesen. Er relativiert den in der Tat naiven Begriff \u201eWirklichkeit\u201c, der solchen Spekulationen zu Grunde liegt.&nbsp;<em>\u201eDie Handlung ist zwar frei erfunden, k\u00f6nnte sich aber so zutragen.\u201c<\/em>: \u201erealit\u00e4tskompatibel\u201c sei sie ergo, wobei es Aufgabe des Lesers sein muss, diese Vertr\u00e4glichkeit zu verifizieren, indem er die Fiktion mit seinem eigenen Leben vergleicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Denkt mal dr\u00fcber nach. Weitere Materialien folgen, wenn sie vorliegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toll. Die Realismusdebatte hat nun auch den Kriminalroman entdeckt. Wirklich toll? Ja und nein. Ja, weil man auch dar\u00fcber mal reden sollte, nein, weil da ein Fass aufgemacht wird, das du nicht mehr zukriegst. Aber was solls. Im Folgenden ein paar Originalzitate zum Problemkreis \u201eKrimi und Realit\u00e4t\u201c. Begonnen sei mit einem Auszug aus einem \u2192&nbsp;\u201eWelt\u201c-Artikel&nbsp;von&nbsp;Anne [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2379,474,2378],"class_list":["post-12020","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-anne-chaplet","tag-krimi","tag-realismus"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12020","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12020"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12020\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12020"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12020"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12020"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}