{"id":12040,"date":"2005-05-16T11:11:00","date_gmt":"2005-05-16T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12040"},"modified":"2022-05-10T20:05:33","modified_gmt":"2022-05-10T18:05:33","slug":"crime-school-lektion-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/05\/crime-school-lektion-16\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 16"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Kann man in Kriminalromanen leben? Sie wie eine interessante Landschaft durchwandern? Mit dem Personal reden, ihm Worte entlocken, die es eigentlich schwarz auf wei\u00df gar nicht sagt? Verfolgen sie einen vielleicht auch dann, wenn man die Wirklichkeit des Romans schon l\u00e4ngst wieder verlassen hat?<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Angst, wir sind nicht in einem typischen Jasper-Fforde-Roman. Von \u201eatmosph\u00e4rischer Dichte\u201c war in der letzten Lektion die Rede, einem bei Lesern scheinbar sehr beliebten Zustand, von dem wir jedoch anzweifelten, er sei per se f\u00fcr das Wohlbefinden bek\u00f6mmlich. Austariert solle sie sein in ihrer Zusammensetzung, die Atmosph\u00e4re, und was Dichte anbelange, so sei ein Zuviel genauso ungesund wie ein Zuwenig.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Worin besteht aber nun das Atmosph\u00e4rische bei B\u00fcchern? Zun\u00e4chst: Das Vorhandensein einer Atmosph\u00e4re verweist auf das Vorhandensein eines Raums, denn im Zweidimensionalen kann keine Atmosph\u00e4re existieren. Nichts gegen Krimis, \u00fcber deren Flachsinn ich als Leser husche. Manchmal brauche ich das, manchmal habe ich weder Zeit noch Lust, tiefer in ein Werk einzudringen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4rgerlich nur, wenn ein Roman mit allen Mitteln versucht, mir R\u00e4umlichkeit vorzugaukeln, eine R\u00e4umlichkeit, die sich \u2013 man braucht gar nicht scharf genug hinzuschauen \u2013 als eine Ansammlung von Pappkameraden, Potemkinschen Kulissen und geistiger Untiefe entpuppt. Solche B\u00fccher bleiben flach \u2013 schlecht flach, gewisserma\u00dfen, und dann greife ich lieber zu Krimis, die \u00fcberhaupt nicht vorgeben, ich f\u00e4nde in ihnen mehr als das altbekannte Whodunit-R\u00e4tsel.<\/p>\n\n\n\n<p>Atmosph\u00e4re ist also dort, wo Raum ist. Und Raum ist dort, wo es Atmosph\u00e4re gibt. Wie geht nun ein Autor vor? Schafft er zuerst den Raum \u2013 oder zuerst die Atmosph\u00e4re? Die Frage scheint \u00fcberfl\u00fcssig, aber sie ist es nicht. Betrachten wir uns einige Beispiele.<\/p>\n\n\n\n<p>R\u00e4ume in Romanen sind Abbildungen von Welten, und dies den Lesern schmackhaft zu machen, gelingt scheinbar am Leichtesten mit dem Nachbau einer vergangenen Welt. Willkommen im Reich der \u201ehistorischen Krimis\u201c. Du musst nicht besonders gut schreiben k\u00f6nnen, dein Plot braucht nicht der beste zu sein \u2013 sobald du \u201eHistorischer Krimi\u201c unter den Haupttitel deines Romans setzt, greift die Kundenhand automatisch nach deinem Werklein auf dem Novit\u00e4tentisch der Buchhandlung. \u201eEintauchen in l\u00e4ngst versunkene Epochen\u201c, \u201eHautnah erleben, wie das so war im finsteren Mittelalter\u201c und so weiter. Der Raum gestaltet sich wie von selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich es richtig sehe (korrigiert mich, wenn ich mich irre), war Robert van Gulik einer der ersten, dessen Krimis man als \u201ehistorisch\u201c bezeichnen konnte, spielten sie doch im alten, im sehr alten China. Davon verstand van Gulik eine Menge, und sein Talent offenbarte sich immer dort, wo es galt, uns fremde Sitten und Gebr\u00e4uche, Ansichten und Handlungsweisen n\u00e4herzubringen. Die Abenteuer des Richters Di und seiner Gehilfen zu verfolgen, lie\u00df einen also in eine dieser versunkenen, noch dazu exotischen Welten eintauchen. Aber, pardon, war van Gulik deswegen schon ein guter Autor?<\/p>\n\n\n\n<p>Simple Whodunits mit einer allwissenden Detektiv, recht h\u00f6lzern agierendes Stammpersonal, jeder Fall logisch aufzudr\u00f6seln \u2013 aber nur, wenn man alle Indizien kennt, und die kennt nur Richter Di pers\u00f6nlich, nicht aber der Leser.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem lese ich die Dinger ganz gerne, weil sie einen kontrollierten Einstieg in einen \u201eRaum\u201c erlauben, dessen \u201eAtmosph\u00e4re\u201c darin besteht, dass dieser Raum historisch korrekt und architektonisch nicht ungeschickt hochgemauert wurde. Nicht mehr, nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein umgekehrter Fall sind die Paris-Krimis von Leo Malet. Sicher, auch das Paris der 50er Jahre, in dem die Geschichten spielen, ist \u201ehistorisch\u201c, und dass jeder Fall in einem anderen Arrondissement der franz\u00f6sischen Hauptstadt angesiedelt ist, l\u00e4sst vermuten, es handele sich auch hier um eine Raumkonstruktion. Aber nicht ganz. Die Aktivit\u00e4ten des Nestor Burma vollziehen sich nicht in der Stadt, sondern in der Atmosph\u00e4re Paris oder, genauer, der Atmosph\u00e4re seiner Arrondissements. Wichtig ist dabei der Charakter des F\u00fchrers Burma, der ja, wie die Helden der amerikanischen Klassiker, eine Mischung aus Zynismus und Mitleid in Hirn und Herz mit sich herumtragen muss. Und das war schon bei Chandler eine Garantie daf\u00fcr, dass man das Wesen einer Geschichte einatmen konnte. Atmosph\u00e4re eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Vor-Pariser-Krimis Malets besitzen diese besondere, genau austarierte Atmosph\u00e4re, und das ist schon ein Fingerzeig, dass es nicht der topografische Ort sein kann, der, einmal geschaffen, automatisch Atmosph\u00e4re verstr\u00f6mt. Manchmal ist es eben umgekehrt, und die Geisteshaltung des Personals schafft erst den Ort, den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>Ansonsten? Sprache? Plot? Also: Ich kenne keinen Detektiv, der so sehr von Kommissar Zufall an die Hand genommen wird wie diesen Nestor Burma. Da gibt es wirklich Besseres auf dem Krimiweltmarkt. Aber auch Atmosph\u00e4rischeres?<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders bei Wolf Haas. Atmosph\u00e4re entsteht hier durch die Sprache des Erz\u00e4hlers, der selbst in nichts weiter existiert als seiner Sprache. Auch sie ist ein Raum, weil sie die subjektive Beschaffenheit der Handlung bestimmt, die gleicherma\u00dfen das Mobiliar des Textes ist. Entn\u00e4hme man dieses Mobiliar dem Sprach-Raum, es w\u00e4re weder originell noch spannend.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder James Ellroy. Hier entsteht der Raum durch die Befindlichkeit der Personen. Aus ihnen w\u00e4chst die Handlung, wachsen Topografie und Dramaturgie.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir zu Raum und Atmosph\u00e4re gesagt haben, gilt f\u00fcr Literatur allgemein. Nun besitzen Krimis aber etwas ganz Besonderes (oder sollten es zumindest): Spannung. Sie ist entscheidend f\u00fcr die \u201eDichte der Atmosph\u00e4re\u201c, und damit wollen wir uns in der n\u00e4chsten Lektion besch\u00e4ftigen. Bis dahin gibt es&nbsp;<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de?subject=Lektion%2016\">Hier<\/a>&nbsp;wieder Gelegenheit, den eigenen Senf dazuzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man in Kriminalromanen leben? Sie wie eine interessante Landschaft durchwandern? Mit dem Personal reden, ihm Worte entlocken, die es eigentlich schwarz auf wei\u00df gar nicht sagt? 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