{"id":12056,"date":"1996-05-10T11:11:00","date_gmt":"1996-05-10T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12056"},"modified":"2022-05-31T15:51:49","modified_gmt":"2022-05-31T13:51:49","slug":"musikbuecher-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/05\/musikbuecher-i\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher I"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Liebe Freunde des guten Buches, erlaubt einem gefrusteten Rezensenten ein offenes Wort: Der deutsche Literaturmarkt ist degeneriert. Seine Autoren sind&#8217;s schon lange, seine Verleger noch l\u00e4nger, und von den Lektoren, diesen armen W\u00fcrstchen, reden wir gar nicht. Wir, die wir ein gelungenes Buch wie einen zus\u00e4tzlichen Feiertag begr\u00fc\u00dfen, werden uns dieser Umst\u00e4nde immer dann schmerzlich bewu\u00dft, wenn wir \u00fcber die Grenzen schauen: nach Frankreich, nach England, in die USA, dorthin vor allem, wo \u00fcber&#8217;s Jahr so manch h\u00fcbsches Werk, die popul\u00e4re Musik betreffend, erscheint &#8211; und in Deutschland niemals erscheinen wird, weil unsere Herren Verleger sogleich die H\u00e4nde \u00fcber&#8217;m Kopf zusammenschlagen und &#8222;Unverk\u00e4uflich! Zu anspruchsvoll!&#8220; ausrufen, um dann in sich zusammenzusacken und resigniert zu murmeln: &#8222;Denn wei\u00dft du, der deutsche Leser ist derma\u00dfen was von bescheuert und degeneriert, dem mu\u00dft du hundertmal seinen Neil Young geben und f\u00fcnfhundert Biografien der Kelly Familie, dann ist er&#8217;s zufrieden.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/autor.gif\" alt=\"Der Autor bei der Arbeit\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Da nun freut es einen, wenn denn doch einmal ein deutsches Rockmusikbuch erscheint, das gut geschrieben ist, kompetent und mit Hintersinn. Nat\u00fcrlich nicht von einem Deutschen, bewahre!, aber hier geboren ist Peter J. Kraus immerhin, bevor es ihn nach Kalifornien verschlagen hat. Und von Kalifornien handelt auch &#8222;<strong>Rock-Highway<\/strong>&#8222;. Kraus beginnt seine Reise in San Diego, Heimat der &#8222;Stone Temple Pilots&#8220;, f\u00e4hrt sodann den Highway 101 gen Norden und erz\u00e4hlt uns dabei viel von der Gegend und ihren Bands. Das ist zun\u00e4chst einmal wirklich gut geschrieben, wie schon gesagt, und Kraus, Jahrgang 1941, befindet sich nicht auf der nostalgischen Tour, obwohl er sie alle erw\u00e4hnt, die Byrds und die Dead, Jefferson Airplane und Neil Young. Er kennt auch Green Day und eine Reihe hierzulande eher unbekannter Cracks wie Merrell Fankhauser oder John McEuen. Eine rundum feine Sache, dieses Buch, wenn auch bisweilen etwas schludrig lektoriert (&#8222;Montraux&#8220; hei\u00dfen eigentlich &#8222;Montrose&#8220;, Ed Cassidy, der Stiefvater von Randy California, wird pl\u00f6tzlich dessen Schwiegervater. Auch in puncto Kommasetzung sollte man beim C. Links Verlag sich mal zusammensetzen und die Regeln b\u00fcffeln.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wieder also haben wir ein paar neue Namen kennengelernt. Es gibt ja so viele, Tausende, und ungef\u00e4hr Tausend werden in M.C. Strongs ph\u00e4nomenalem Werk &#8222;<strong>The Great Rock Discography<\/strong>&#8220; vorgestellt. Viele von euch werden das Ding schon bei 2001 abgegriffen haben &#8211; gut so. Alte N\u00f6rgler wie ich schauen nat\u00fcrlich zuerst einmal, wer alles nicht darin verzeichnet ist: die Kursaal Flyers, die Nitty Gritty Dirt Band, Oyster Band, Ronnie Lane &#8230; ansonsten sind die Angaben zwar nicht immer komplett, aber zuverl\u00e4ssig, und 39 Mark f\u00fcr fast 1000 Seiten sind mehr als angemessen. Arno Schmidt w\u00fcrde jetzt sagen: &#8222;Ein unver\u00e4chtliches Handwerkszeug f\u00fcr alle, die im Bergwerk der T\u00f6ne nach W\u00f6rtern graben.&#8220; Recht hat er.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleiben wir noch ein Weilchen auf der Insel. Wem schon das Haar grau und der R\u00fccken von ehrlicher Arbeit krumm geworden ist, der erinnert sich vielleicht noch an die Gruppe Man, den ganzen Stolz der Waliser. Anfang der Siebziger standen die Jungs kurz vor dem Durchbruch, schafften ihn aber nie, obwohl sie es musikalisch allemal verdient gehabt h\u00e4tten. Wohl bei keiner anderen Band drehte sich das Personalkarussel so rasant, lagen die Joints und Amphetamine in solch reichlicher Menge neben den Verst\u00e4rkern und Instrumenten. Aber irgendwie haben sich Man \u00fcber die Jahre gerettet und noch bis vor kurzem Konzerte gegeben: auf dem Kontinent zumeist (denn auf der Insel hat man sie kaum mehr beachtet) und durchaus noch mit dem Feuer ihrer Glanztage. Vor wenigen Wochen nun hat Deke Leonard, S\u00e4nger, Gitarrist und Keyboarder, einen Schlaganfall erlitten, was den Fortbestand von Man nat\u00fcrlich gef\u00e4hrdet. Das ber\u00fchrt mich aus zwei Gr\u00fcnden besonders: Erstens, weil ich Man noch Anfang August live erleben durfte, zweitens, weil ich bei dieser Gelegenheit ein von eben diesem Deke Leonard verfa\u00dftes Buch erstanden habe, das den Titel tr\u00e4gt: &#8222;<strong>Rhinos, Winos &amp; Lunatics. The Story Of MAN, A Rock&#8217;n&#8217;Roll Band<\/strong>&#8222;. Und das Ding liest sich, wenn das Englisch einigerma\u00dfen ist, wirklich sehr fl\u00fcssig. Nat\u00fcrlich darf man nicht alles auf die Goldwaage legen. Manchmal opfert Deke die Wahrheit f\u00fcr einen guten Gag, und wenn du, lieber Leser, soeben von deinen morgentlichen Exerzitien in der Klosterkapelle kommst, dann meide dieses Buch oder ertr\u00e4nke es in Weihwasser. Denn Leonard nimmt kein Blatt vor den Mund und beschreibt deftig, was ihm au\u00dfer Musik und Drogen am meisten Spa\u00df gemacht hat. Wer wissen m\u00f6chte, wie sie so waren, die Siebziger mit ihrer unglaublichen Drogennaivit\u00e4t und ihren Weltbildern, der findet bei Leonard ein gelungenes St\u00fcck Augenzeugenbericht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeitdokument sind auch Robert Cantwells Betrachtungen zum amerikanischen Folkrevival Ende der 50er Jahre. &#8222;<strong>When We Were Good<\/strong>&#8220; besch\u00e4ftigt sich quasi mit den Wurzeln dessen, was sp\u00e4ter die popul\u00e4re Musik in Person von Bob Dylan, den Byrds und anderen revolutioniert hat. Ein Werk von wissenschaftlicher Gr\u00fcndlichkeit, in dem man vielleicht eben diese &#8222;Revoluzzer&#8220; des Folk etwas vermi\u00dft. Au\u00dfer zwei l\u00e4ngeren Einlassungen zu Dylan und viel zu vielen zu Joan Baez, der Krampfhenne des Protestsongs, finden sich leider kaum Hinweise. Dennoch: Wen&#8217;s interessiert, der liest&#8217;s mit Gewinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschlu\u00df unserer heutigen kleinen B\u00fccherlese seien noch drei Werke zum Thema &#8222;Frauen und Rockmusik&#8220; ans Herz gelegt. Es ist schon seltsam, wieviele gelungene B\u00fccher gerade zu diesem Gegenstand in den letzten Jahren erschienen sind. Noch seltsamer aber ist, da\u00df unsere werte Verlegerschaft (die degenerierte halt) mit geradezu traumwandlerischer Sicherheit das mit Abstand schw\u00e4chste herausgepickt und dem deutschen Leser vor die Augen geworfen hat. Ich spreche von &#8222;<strong>Rebellinnen<\/strong>&#8222;, einem Buch, das schon im Titel verr\u00e4t, da\u00df seine Autorin Gillian G. Gaar mit einer Meinungsschablone an die Arbeit gegangen ist. Da\u00df musikmachende Frauen selbst zuallererst einmal als musikmachende Frauen verstanden werden wollen, bleibt in diesem Buch Marginalie und macht es ergo reichlich \u00fcberfl\u00fcssig, so \u00fcberfl\u00fcssig, da\u00df seine bibliografischen Daten hiermit verschwiegen seien.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber das Selbstverst\u00e4ndnis von Musikerinnen informiert &#8222;<strong>Rock She Wrote. Women Write About Rock, Pop, and Rap<\/strong>&#8222;, herausgegeben von Evelyn McDonnell und Ann Powers. Ja, eigentlich sagt der Untertitel schon ausreichend, um was es geht. Aber nicht nur Journalistinnen lassen sich hier \u00fcber Musikerinnen aus, nein, etliche von diesen haben selbst zur Feder gegriffen, Patti Smith beispielsweise, die sich in einem &#8222;Creem&#8220;-Artikel \u00fcber Bob Dylans &#8222;Planet Waves&#8220; ausl\u00e4\u00dft, oder Kim Gordon mit einem &#8222;Sonic Youth&#8220;- Tagebuchauszug. Und wer erinnert sich noch an Cherie Currie, die S\u00e4ngerin der &#8222;Runaways&#8220;, jener einstmals k\u00fcnstlich gezeugten weiblichen Rockband, deren Output dann doch nicht ganz so schauderhaft war wie ihr Image? Sie schreibt hier ebenso wie nat\u00fcrlich Marianne Faithfull, aus deren Autobiografie zitiert wird. \u00dcberhaupt: Wirklich neu f\u00fcr dieses Buch wurde eigentlich nichts geschrieben. Die beiden Herausgeberinnen haben gesammelt und liefern ein wirklich kompetentes Bild der letzten Jahrzehnte, in denen sich Frauen mit Erfolg angeschickt haben, die bessere H\u00e4lfte des Rockhimmels zu besetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<strong>In Their Own Words<\/strong>&#8220; (Untertitel) \u00e4u\u00dfern sich Musikerinnen auch \u00fcber &#8222;Women, Sex And Rock&#8217;N&#8217;Roll&#8220; im gleichnamigen Buch von Liz Evans. Zu jedem Artikel gibt es eine kleine Einf\u00fchrung, die Texte selbst schildern zumeist den Werdegang mehr oder weniger ber\u00fchmter Rockfrauen in ihrer eigenen Schreibe. Auch hier sto\u00dfen wir auf Kim Gordon und Marianne Faithfull, daneben Dolores O&#8217;Riordan, die eigentlich wenig zu sagen hat, Bj\u00f6rk, Tori Amos mit \u00fcblichen Kindheitstraumasexpsychologie-Reflexionen, aber auch Frauen etwas au\u00dferhalb des Starrampenlichts kommen zu Wort: Emma Anderson (Lush), Siobhan Fahey (Shakespears Sister) und Toni Halliday (Curve) beispielsweise.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber ein Ph\u00e4nomen der 90er, das der selbstbewu\u00dften &#8222;<strong>Grrrls<\/strong>&#8220; (kein Tipfehler) informiert das Buch von Amy Raphael. Sie ist Journalistin und hat eine Reihe dieser Frauen interviewt &#8211; selbstredend auch wieder Kim Gordon, Bj\u00f6rk, aber auch Liz Phair, Kristin Hersh oder Courtney Love, deren beinentbl\u00f6\u00dftes Foto hormonanregend den Umschlag ziert. Das Ganze ist manchmal etwas zu &#8222;feuilletonistisch&#8220;, womit dem Connaisseur zu verstehen gegeben wird, da\u00df die Tiefen doch etwas unausgelotet bleiben. Dem ungeachtet wird aber (gerade im Beispiel von Courtney Love) so manches schiefe Medienbild geradeger\u00fcckt, und daher auch f\u00fcr dieses Werk eine Empfehlung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Bibliografie:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Peter J. Kraus: Rock-Highway. Berlin (Ch. Links Verlag) 1996 (34 DM)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">M.C. Strong: The Great Rock Discography. Frankfurt (Zweitausendeins) 1996 (39 DM)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Deke Leonard: Rhinos, Winos &amp; Lunatics. London (Northdown Publishing) 1996 (24,90 DM)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Robert Cantwell: When We Were Good. The Folk Revival. Cambridge (Harvard University Press) 1996 (48 DM)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Evelyn McDonnell, Ann Powers: Rock She Wrote. Women Write About Rock, Pop, and Rap. London (Plexus) 1995 (39,80 DM)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Liz Evans: Women, Sex And Rock'n'Roll. In Their Own Words. San Francisco (Pandora) 1994 (29,80)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Amy Raphael: Grrrls. Viva Rock Divas. New York (St.Martin's Griffin) 1996 (28 DM)<\/pre>\n\n\n\n<p>So. Beim n\u00e4chstenmal hoffe ich, die neue Joni Mitchell &#8211; Bio besprechen zu k\u00f6nnen (sollte Ende Oktober erscheinen, ist aber schon wiederholt verschoben worden), sowie die Buchausgabe der legend\u00e4ren Rock File Reader aus den 70er Jahren (hab ich schon; aber noch nicht gelesen). Sollte mir bis dahin wiede ein gutes deutsches Rockbuch \u00fcber den Weg laufen, sei es desgleichen lauthals gepriesen. Die Chancen hierf\u00fcr stehen aber verdammt schlecht, und deshalb mu\u00df der Leser wohl noch so lange warten, bis ich mein eigenes Werklein abgeschlossen habe, das ich dann nat\u00fcrlich noch sehr viel lauthalser preisen werde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens: Die angegebenen DM-Preise beziehen sich auf die Angebote von Medium (Rosenstr. 5-6, 48143 M\u00fcnster) und Soundhouse Mailorder (Postfach 1363, 33028 Brakel) f\u00fcr das Buch von Deke Leonard.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Freunde des guten Buches, erlaubt einem gefrusteten Rezensenten ein offenes Wort: Der deutsche Literaturmarkt ist degeneriert. Seine Autoren sind&#8217;s schon lange, seine Verleger noch l\u00e4nger, und von den Lektoren, diesen armen W\u00fcrstchen, reden wir gar nicht. 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