{"id":12058,"date":"1996-10-11T11:11:00","date_gmt":"1996-10-11T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12058"},"modified":"2022-05-31T15:51:54","modified_gmt":"2022-05-31T13:51:54","slug":"musikbuecher-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/10\/musikbuecher-ii\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher II"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Stellt Euch mal vor, ihr geht in eine gutsortierte Buchhandlung und verlangt eine Biografie von Neil Young. Der Buchh\u00e4ndler schaut verst\u00e4ndnislos, wiegt bek\u00fcmmert den Kopf und guckt dann in seinem Verzeichnis lieferbarer B\u00fccher nach. &#8222;Tja&#8220; sagt er schlie\u00dflich, &#8222;Pech gehabt. Gibt es nicht.&#8220; Wie? Unvorstellbar? Habt Ihr doch, wenn Ihr den Kopf leicht nach rechts dreht, gute drei Meter Literatur \u00fcber Neil Young im Visier, und im Regal daneben harren sieben Meter Bob Dylan der Lekt\u00fcre? Schon recht. Aber wieviele B\u00fccher habt Ihr eigentlich \u00fcber Joni Mitchell? Ich will es Euch sagen: H\u00f6chstens eins. Ein schmales B\u00e4ndchen von Leonore Fleischer, 1976 erschienen, mit sch\u00f6nen Bildern, aber einem weniger befriedigenden Text.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/autor4.gif\" alt=\"Der Autor an einer Formulierung arbeitend\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ganze zwanzig Jahre also schwiegen die Chronisten, bis jetzt der Brite Brian Hinton Leben und Werk der genialen Kanadierin erneut, und zum erstenmale gr\u00fcndlich, unter die Feder genommen hat. Ein wahrhaftiger Skandal, und w\u00e4re ich der Zyniker, der ich nat\u00fcrlich bin, w\u00fcrde ich postulieren, dieses merkw\u00fcrdige Ignorieren einer der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten der popul\u00e4ren Musik liege zum einen daran, da\u00df Joni a) nicht tot ist wie z.B. Janis Joplin, \u00fcber die ja teilweise merkw\u00fcrdige &#8222;Biografien&#8220; kursieren, und b) kein Mann wie Dylan und Young, in deren Gewichtsklasse Joni durchaus antreten kann. Man wird auch nicht einwenden k\u00f6nnen, Mitchells Karriere sei recht langweilig gewesen und lohne die Besch\u00e4ftigung nicht. Im Gegenteil. Sowohl privat als auch k\u00fcnstlerisch hat sie s\u00e4mtliche H\u00f6hen und Tiefen mitgemacht, alles erlebt, was einem kurzen Leben hienieden widerfahren kann und ein Werk mit inzwischen 17 Alben vorgelegt, dessen Bedeutung noch immer nicht auch nur ann\u00e4hernd ausgelotet ist. Schweigen wir ganz davon, da\u00df die aktuellen Triumphe weiblicher Singer\/Songwriter wie Morissette\/Crow und Konsorten ohne Joni Mitchell eigentlich undenkbar w\u00e4ren. Sie ist die Pionierin, das Vorbild, die Me\u00dflatte.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Und was macht Hinton nun aus diesem ebenso dankbaren wie schwer zu handhabenden Stoff? Vorweg: Hinton liefert gute, seri\u00f6se Arbeit. Er geh\u00f6rt zu einer in Deutschland sehr seltenen Spezies von Rockbuchautoren, die professionell arbeiten und, obwohl sie durchaus auch Fans sind, nicht in die Kategorie der hierzulande hingebungsvoll werkelnden Fanatiker fallen, die im Hauptberuf ihr Dasein vielleicht als Lehrer oder Bibliothekar fristen und nach Feierabend, bevor sie ihre m\u00fcden H\u00e4upter in &#8222;Elvis&#8220;-Kopfkissen betten, an einer Biografie des Kings herumfeilen (meistens nicht unter 20 Jahren, 200 ablehnenden Verlagsbescheiden, 2.000 Seiten und 20.000 Grammatikfehlern). Was nun Vor- und Nachteile mit sich bringt. Vorteil ist eben, da\u00df Hinton eine schn\u00f6rkellose und ge\u00fcbte Art hat, sein Thema zu formen. Nachteil: Gerade weil er professionell ist und w\u00e4hrend des Schreibens des Mitchell-Buches das n\u00e4chste Projekt schon im Hinterkopf hatte (n\u00e4mlich das f\u00fcr Mai 97 angek\u00fcndigte &#8222;Celtic Crossroads &#8211; The Art Of Van Morrison&#8220;), sind Zeit- und Arbeitsaufwand beschr\u00e4nkt. Hinton arbeitet daher fast ausschlie\u00dflich mit &#8222;Sekund\u00e4rmaterial&#8220;, also den diversen Reportagen, Interviews und Plattenkritiken, die sich in Jonis nun fast drei\u00dfigj\u00e4hriger Karriere angeh\u00e4uft haben. Da\u00df Frau M. selbst nicht zur Mitarbeit bereit war, ist zwar schade, aber verst\u00e4ndlich. Weniger verst\u00e4ndlich, da\u00df Hinton den Biografien-hinter-der-Biografie nicht nachsp\u00fcrt. Man m\u00f6chte als Leser z.B. gerne wissen, was aus Mitchells erstem Mann, dem Liedermacher Chuck Mitchell wurde. Oder N\u00e4heres erfahren \u00fcber die Stimmung im Los Angeles der Endsechzigerjahre, als Joni die Freundin von Graham Nash war und praktisch die gesamte musikalische Elite der Stadt eng zusammenarbeitete. Auch das Ph\u00e4nomen Woodstock (Joni schrieb die gleichnamige Hymne des Festivals, ohne selbst dort aufgetreten zu sein), wird eher en passant abgehakt. Das f\u00fchrt dazu, da\u00df sich bei der Lekt\u00fcre des Buches allm\u00e4hlich so etwas wie ein Erm\u00fcdungseffekt einstellt. Denn Hintons Vorgehensweise ist stets die gleiche: Joni macht eine neue Platte &#8211; die St\u00fccke werden einzeln vorgestellt &#8211; was sagt die Presse dazu? &#8211; was macht Joni anschlie\u00dfend? &#8211; wie l\u00e4ufts privat? Nat\u00fcrlich: Hinton schreibt vor einem Bildungshorizont, der nicht bei Chuck Berry anf\u00e4ngt und den Stones aufh\u00f6rt. Das verleiht seiner Prosa durchaus etwas Unterhaltsames, etwa wenn er lakonisch feststellt, Joni sei beim Schreiben ihrer Songs immer wieder durch \u00fcberraschende Besuche von Freunden in ihrer Konzentration gest\u00f6rt worden, und dann anf\u00fcgt: &#8222;The same thing happened to Coleridge when he was halfway through &#8218;Kubla Khan&#8216;.&#8220;. Oder f\u00fcr alle Nichtanglisten: Das gleiche Ding, das Coleridge passierte, als er halb durch &#8218;Kubla Khan&#8216; war, passierte Goethe, als er noch nicht einmal halb durch &#8218;Faust II&#8216; war. Es gibt einige Indizien, die f\u00fcr Hintons sehr \u00f6konomische, will sagen: manchmal zu routiniert\/mechanische Art des Schreibens sprechen. Er wiederholt sich manchmal fast wortw\u00f6rtlich (d.h. greift das Versatzst\u00fcckchen zweimal aus dem Zettelkasten) und erlaubt sich den running gag, good old Linda Ronstadt notorisch <em>Linda Rondstadt<\/em> zu nennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich will ja nicht \u00fcber Geb\u00fchr herumkritteln. Das Positivste bleibt an Hintons Buch eben doch, da\u00df es \u00fcberhaupt geschrieben und publiziert wurde. Seri\u00f6se und solide Arbeit, wie gesagt, und hoffentlich ein Grundstock f\u00fcr weiterf\u00fchrende Anstrengungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und da wir gerade bei Hinton und Mitchell sind: Brian hat auch (wieder bei Sanctuary) ein lesenswertes Buch \u00fcber die drei &#8222;Isle Of Wight&#8220;-Festivals 1968-1970 abgeliefert. Am letzten hat auch Joni teilgenommen. Etwas f\u00fcr Leute, die gerne wissen m\u00f6chten, worin die Magie jener Gro\u00dfveranstaltungen lag und warum sich das Ganze in seiner urspr\u00fcnglichen Form letztlich \u00fcberlebt hat. Einige k\u00f6stliche Anekdoten w\u00fcrzen das B\u00e4ndchen, andere lassen einen eher erschaudern (etwa die gesammelten Klagen der Anwohner \u00fcber diese &#8222;ungewaschenen S\u00e4ue von Hippies&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>Und da wir immer noch bei Joni Mitchell sind, schnell ein Hinweis auf &#8222;She Bop. The Definitive History Of Women in Rock, Pop And Soul.&#8220; der Engl\u00e4nderin Lucy O&#8217;Brien. 1995 bei &#8218;Penguin&#8216; erschienen, bietet es tats\u00e4chlich ein guten \u00dcberblick \u00fcber die Leistungen von Frauen in der popul\u00e4ren Musik, von Bessie Smith bis Bj\u00f6rk. Auch gesellschaftliche und kommerzielle Aspekte werden zumindestens angerissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Klar, so <em>definitive<\/em> wie ausgelobt, ist auch &#8222;She Bop&#8220; nicht. Wo z.B. ist &#8222;unsere&#8220; Nina Hagen? Welcher Teufel ritt Frau O&#8217;Brien, die g\u00f6ttliche Emmylou Harris nur ein einziges Mal kurz zu erw\u00e4hnen? Und die m\u00f6glicherweise noch g\u00f6ttlichere Sandy Denny \u00fcberhaupt nicht! (von June Tabor spreche ich erst gar nicht; es ist schon traurig!) Warum wird Carole King recht kurz abgefertigt, Patti Smith aber penetrant umfangreich portr\u00e4tiert? Nichts gegen Frau Smith, aber Carole Kings Stellung in der Musikgeschichte d\u00fcrfte die weitaus gewichtigere sein. Sie hat sich aber nicht so spektakul\u00e4r in Szene gesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch: Lucy O&#8217;Brien versucht, den portr\u00e4tierten Frauen vor allem als K\u00fcnstlerinnen gerecht zu werden, ohne dabei zu verschweigen, da\u00df sie mit Problemen zu k\u00e4mpfen haben, die M\u00e4nnern meistens unbekannt sind. Als reader gleicherma\u00dfen wie als Nachschlagewerk empfehlenswert, trotz der im Endeffekt kleinen Schw\u00e4chen (\u00fcber die man sich aber herrlich aufregen kann).<\/p>\n\n\n\n<p>Da wir jetzt leider nicht mehr bei Joni Mitchell sind, noch ein g\u00e4nzlich anders gearteter Tip: Euch an dieser Stelle das Buch &#8222;Happy Boys Happy&#8220;, die Geschichte der Small Faces und ihrer diversen Ableger, zu empfehlen, w\u00fcrde bedeuten, BSE nach Gro\u00dfbritannien zu tragen. Jeder, der sich auch nur im Entferntesten f\u00fcr die Geschichte der Popmusik interessiert, hat es l\u00e4ngst als vielumhegten Mittelpunkt in seiner Bibliothek stehen (f\u00fcr Neueinsteiger: das Ding ist beim Sonnentanz Verlag Augsburg erschienen und kostet l\u00e4cherliche 39,80 DM). Hochgelobt vom &#8222;Literarischen Quartett&#8220; (Reich-Ranicki: &#8222;Geiles Teil!&#8220;, Karasek: &#8222;Aber echt!&#8220;, L\u00f6ffler: &#8222;H\u00e4?&#8220;) und sogar in der b\u00fcrgerlichen Wochenpresse hymnisch rezensiert (&#8222;Die Zeit&#8220;: &#8222;Ende des 18. Jahrhunderts trafen sich Goethe und Schiller, um die &#8222;Xenien&#8220; zu schreiben. Ende des 20. setzten sich Roland Schmitt und Uli Twelker zusammen und schrieben &#8222;Happy Boys Happy&#8220;.), scheiterte die verdiente Zuerkennung des Literaturnobelpreises wohl nur an dem mi\u00dflichen Umstand, da\u00df &#8222;Happy Boys Happy&#8220; lediglich in einer deutschen Ausgabe verf\u00fcgbar war, das gesamte befreundete Ausland ergo in einem Zustand &#8222;unverschuldeter Dummheit&#8220; (Kant) dahinvegetieren mu\u00dfte. Das aber \u00e4ndert sich jetzt!<\/p>\n\n\n\n<p>Der nie genug zu lobende englische Verlag Sanctuary (siehe oben) bringt &#8222;Happy Boys Happy&#8220; auch f\u00fcr alle Angelsachsen, Amerikaner und sonstigen der englischen Sprache M\u00e4chtigen auf den Markt. Ganze 9,99 Pfund (also nicht einmal 5 Kilo!) mu\u00df abdr\u00fccken, wer endlich erfahren m\u00f6chte, &#8222;wie es wirklich war&#8220; (Ludwig Harig). Deshalb hier ausnahmsweise eine dringende Empfehlung f\u00fcr alle, die der deutschen Sprache nicht m\u00e4chtig sind, aus unerfindlichen Gr\u00fcnden aber dennoch mit Gewinn im HINTERNET st\u00f6bern:<\/p>\n\n\n\n<p>Dear English-speaking reader! What? You call yourself a specialist in pop history without having read &#8222;Happy Boys Happy&#8220;, The story of The Small Faces by Roland Schmitt and Uli Twelker? Forget it! Little does you know! Your life has been an empty room filled with illusions! But listen: There&#8217;s a chance now for you to become a real &#8222;connaisseur&#8220;. Sanctuary will publish an English translation of this trendsetting book quite soon. 9,99 pounds for that masterwork? It&#8217;s ridiculous, but it&#8217;s true. Twelker and Schmitt have been critically acclaimed &#8222;Germany&#8217;s finest contemporary writers ever&#8220;. Twelker is what we call a &#8222;high animal&#8220; in the education system, bringing light in the lightless lives of young people by reading extracts from the book. Schmitt, a charming and very good looking man, is well known both as &#8222;grandmaster of books&#8220; and &#8222;Germany&#8217;s answer to Ronnie Lane&#8220;, because he also plays the bass guitar. So it&#8217;s no surprise, that &#8222;Happy Boys Happy&#8220; is a marvellous work, only to compare with Coleridge when he was totally through &#8218;Kubla Khan&#8216;. So look out for &#8222;Happy Boys Happy&#8220; and don&#8217;t forget: If you don&#8217;t buy the book, Twelker and Schmitt will stop eating your crazy cows!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem dramatischen Appell an den Intellekt unserer englischsprechenden Leser schlie\u00dfen wir f\u00fcr heute unsere Musikb\u00fccherecke.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Zum Mitschreiben noch einmal die bibliografischen Details:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Brian Hinton: \"Joni Mitchell - Both Sides Now\", London (Sanctuary) 1996, 304 Ss., 15 Fotos (verdammt wenig!), 12,99 \u00a3<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Brian Hinton: \"Message To Love - The Isle Of Wight Festival 1968 - 1969 - 1970\", London (Sanctuary) 1995, 190 S., Fototeil, 9,99 \u00a3<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Lucy O'Brien: \"She Bop - The Definitive History Of Women In Rock, Pop And Soul\", London (Penguin) 1995, 464 Seiten, viele Fotos im Text, 12,50 \u00a3<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Uli Twelker &amp; Roland Schmitt: \"Happy Boys Happy. A Rock History of The Small Faces &amp; Humble Pie\", London (Sanctuary) 1997, unglaublich viele Seiten und unglaublich sch\u00f6ne Fotos f\u00fcr fast unfa\u00dfbare 9,99\u00a3<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellt Euch mal vor, ihr geht in eine gutsortierte Buchhandlung und verlangt eine Biografie von Neil Young. Der Buchh\u00e4ndler schaut verst\u00e4ndnislos, wiegt bek\u00fcmmert den Kopf und guckt dann in seinem Verzeichnis lieferbarer B\u00fccher nach. &#8222;Tja&#8220; sagt er schlie\u00dflich, &#8222;Pech gehabt. Gibt es nicht.&#8220; Wie? Unvorstellbar? 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