{"id":12063,"date":"1997-06-28T11:11:00","date_gmt":"1997-06-28T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12063"},"modified":"2022-06-06T01:18:06","modified_gmt":"2022-06-05T23:18:06","slug":"musikbuecher-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/06\/musikbuecher-iii\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher III"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Ihr, die euch die Gnade der sp\u00e4ten Geburt vor so manchem bewahrt hat, werdet euch nicht erinnern k\u00f6nnen. Aber glaubt mir: Es gab eine Zeit, da jeder Rentner, der etwas auf sich hielt, hierzulande beim Anblick eines Langhaarigen sch\u00f6ne Visionen bekam. In ihm dr\u00e4ute dann die 1000j\u00e4hrige Sehnsucht nach einer freundlich im fr\u00fchen Morgenlicht blitzenden Guillotine im propperen Hof eines wohlorganisierten Konzentrationslagers. Und er dachte (meistens still in sich hinein, manchmal laut aus sich heraus): Hei, w\u00e4re das nicht sch\u00f6n, wenn jetzt dieser langhaarige Kopf, der so arg voll ist von verseuchter Beatmusik, unterm Fallbeil=da zu liegen k\u00e4me und &#8211; schwupp &#8211; abgeschlagen w\u00fcrde, auf da\u00df er in ein weiches Auffangnest aus druckfrischen BILD-Zeitungen plumpsete? (Unsere ehemaligen Rentner beherrschten noch den altert\u00fcmlichen Konjunktiv!)<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eh, werdet ihr jetzt rufen, was erz\u00e4hlt uns denn der Alte da? Aversionen gegen Langhaartr\u00e4ger und Liebhaber der Rockmusik? Wo doch in Amerika ein Pr\u00e4sident regiert, der am liebsten bei Bruce Springsteen ins Saxophon tuten w\u00fcrde? Wo dr\u00fcben in Engelland der Premierminister Tony Blair hei\u00dft und Blur h\u00f6rt? Wo doch in Deutschland&#8230; tja, und da sind wir auch schon im Zentrum des Elends, wo sich Dichter und Denker gute Nacht sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich will heute keiner mehr die Freunde einer z\u00fcnftigen Rockmusik k\u00f6pfen. Das n\u00e4mlich setzte die Existenz eines Kopfes voraus, eines Beh\u00e4ltnisses also, in dem gemeinhin gedacht wird. Aber Rockfreunde und denken? Gibt es das \u00fcberhaupt? M\u00fc\u00dfte nicht vielmehr wer denken kann Konstantin Wecker h\u00f6ren? Oder Mozart oder Bach? Oder eine unserer Chansonetten, die fr\u00fcher Zigaretten rauchten wie die Piaf, aber heute Joguretten lutschen wegen der Figur und dem Ozonloch? Ja, m\u00fc\u00dften sie eigentlich. So jedenfalls scheint man in den Lektoraten unserer gro\u00dfen Publikumsverlage zu denken.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/buchkrt2.gif\" alt=\"buchkrt2.gif - 2488,0 K\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich: Dort denkt man. Man h\u00f6rt Wecker und tr\u00e4umt vom Umsatz. Es kommt einem, da\u00df Rockfreunde zwar analphabetisch, t\u00f6richt und schon bei Drei-Wort-S\u00e4tzen \u00fcberfordert sind, aber andererseits Kohle haben, denn die d\u00fcmmsten Bauern haben die besten Jobs. Und h\u00f6ren eben Rock. Also, sagt sich der Lektor, machen wir wieder mal ein Rockbuch. Es mu\u00df, der Zielgruppe angemessen, mit einem unwiderstehlichen, gleich im Titel aufgeblasenen Anspruch daherkommen: &#8222;<strong>Die 100 des Jahrhunderts<\/strong>&#8220; etwa, damit der Leser nicht auf den Gedanken verf\u00e4llt, es g\u00e4be noch etwas anderes daneben. Dann soll ausgew\u00e4hlt werden: Beatles, Stones, Elvis, die m\u00fcssen rein, f\u00fcr die wenigen Intellektuellen unter den Rockfreunden (es gibt sie: Sie haben Mittlere Reife, rauchen Roth H\u00e4ndle und haben ein virulentes Potenzproblem) vielleicht noch die Sex Pistols, Steely Dan, Elvis Costello, Tom Waits und B.B. King. Damit aber das K\u00e4sslein munter klingelt, erkl\u00e4ren wir auch Mariah Carey, die Kelly Family, die Toten Hosen, Take That, Bon Jovi und Joan Baez zu unsterblichen Heroen des Rock, damit auch der gutbetuchte Oberstudienrat, der rotzige Pubertierende, der alternative Sp\u00e4t-68er rasch die 16,90 Mark r\u00fcberreichen. Hat man dann ausgew\u00e4hlt, geht&#8217;s ans Schreiben, was die leichteste \u00dcbung ist. Oberste Regel: Einjeder der Helden bekommt zwei Seiten zugewiesen. Das ist ordentlich-deutsch und \u00fcberfordert die Autoren keineswegs. Ach ja, die Autoren. Drei sind&#8217;s, einer Dr. gar, versteckt stehen sie ganz vorne im Buch, doch dereinst, wenn es hei\u00dft &#8222;die 100 besten Rockschreiber des Jahrhunderts&#8220;, wird ihr Licht hell erstrahlen. Vorausgesetzt, das Buch erscheint im Rowohlt-Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rowohlt-Verlag. Wir wollen ihm zugutehalten, da\u00df es auch einmal Zeiten gab, in denen aus dem Reinbeker Haus Erfreuliches in Sachen Rock kam. Das &#8222;Rocklexikon&#8220; etwa, ein verdienstvoller Tropfen, der in den Siebzigern in die Rockw\u00fcste Deutschland fiel. Man durfte dem manchmal arg plakativen Stil der Autoren Schmidt-Joos und Graves gewi\u00df nachsagen, er laboriere noch im Zustand des Sensationspressehaften &#8211; tat er, verdienstvoll war das Projekt dennoch. Ebenso die Reihe &#8222;Rock Session&#8220;, die uns zwar sehr soziologisch kam, aber auch Au\u00dfenseiter und aktuelle Trends vorstellte. So lange, bis die Verkaufszahlen nicht mehr stimmten.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach begann die Trag\u00f6die &#8211; und schweigen wir dar\u00fcber. Rockmusik in Buchform wurde eine Herzensangelegenheit einiger weniger Idealisten, die zumeist in Kleinverlagen die Fahne hochhielten. Sie hatten keinen &#8222;Apparat&#8220;, sie hatten keine Erfahrung, sie fielen auch auf manchen Schrott herein &#8211; aber sie waren die einzigen, denen man abnahm, sie interessierten sich \u00fcberhaupt f\u00fcr Rockmusik und n\u00e4hmen ihre Klientele ernst. Auch 2001 gab und gibt es weiterhin. Dort vertreibt man die Werke von Greil Marcus und manch andere Edelsteine, und wer Greil Marcus liest und dann besagte &#8222;100 des Jahrhunderts&#8220; durchbl\u00e4ttert &#8211; ihm kommt die Galle hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich: Jede Auswahl ist subjektiv. Und nicht jede Information, die uns das B\u00fcchlein pr\u00e4sentiert, ist falsch. Nein, die meisten stimmen sogar. Man kennt sie aber. Im Grunde nichtssagendes Faktenh\u00e4ufeln und Raunen, nicht selten bemitleidenswert hilflos pr\u00e4sentiert. Da wird etwa Bob Dylan zum &#8222;F\u00f6rderer&#8220; der Byrds, was ja suggeriert, der gro\u00dfe Meister habe stets ein wohlwollend Aug auf die Jungs von der Westk\u00fcste geworfen und ihnen so manchen h\u00fcbschen Song auf die Stimmb\u00e4nder geschrieben. Was die Autoren meinen, wissen wir: Die Byrds haben von Dylan profitiert. Gef\u00f6rdert worden sind sie von ihm nicht, denn das setzte eine aktive Rolle Dylans voraus. Oder lesen wir kurz in den Hendrix-Artikel: Hendrix fixt und nimmt Tabletten. Sch\u00f6n. Es hei\u00dft nun: &#8222;Nachdem er 1968 unter Drogeneinwirkung ein schwedisches Hotelzimmer verw\u00fcstet hatte, wurde Hendrix&#8216; Verhalten in der Folgezeit immer -&#8220; Ja, was wurde es? &#8222;Ma\u00dfloser&#8220; nat\u00fcrlich. Man ermesse die Flachheit des Ausdrucks! Hendrix&#8216; Verhalten wurde ma\u00dfloser! Welches Ma\u00df wird da zugrundegelegt? Vielleicht das Ma\u00df der Ausbeutung, sowohl musikalisch als auch finanziell, dem Hendrix zeitlebens ausgesetzt war? Oder doch eher das Ma\u00df der beschr\u00e4nkten Wortsch\u00e4tze unserer drei Autoren?<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, lassen wir es dabei. Vielleicht bin ich hier \u00fcberkorrekt. Richtig \u00e4rgerlich wird es jedoch, wenn man auf den knappen zwei Seiten, die man zur Verf\u00fcgung hat, anf\u00e4ngt, wirklich voll in die Niederungen des Boulevards zu steigen. Was etwa g\u00e4be es nicht alles \u00fcber Joni Mitchell zu berichten! Was f\u00fcr eine K\u00fcnstlerin! Was f\u00fcr eine Entwicklung! Was aber schreiben unsere drei Autoren? &#8222;Im selben Jahr (1990) schickte sie eine Ausstellung mit ihren Bildern quer durch Europa. In den 90er Jahren setzte sich Mitchell f\u00fcr die Aidshilfe ein und ver\u00f6ffentlichte mit &#8222;Turbulen Indigo&#8220; (1994) und der Retrospektive &#8222;Hits &amp; Misses&#8220; (1996) weitere Alben.&#8220; Schweigen wir ganz von der monotonen Syntax (Erst macht sie das. Punkt. Dann macht sie das. Punkt. Dann kriegt sie davon. Punkt.), die symptomatisch ist. Schweigen wir auch davon, da\u00df die Retrospektive &lt;Hits &amp; Misses&gt; nicht, wie suggeriert wird, EIN Album ist, sondern deren zwei, &lt;Hits&gt; und &lt;Misses&gt; n\u00e4mlich. Nein, \u00fcberlegen wir uns, ob es bei knappen zwei Seiten wirklich angebracht ist, auf eine Bilderausstellung einzugehen und ein Aids-Engagement. Wenn sie zwanzig Seiten zur Verf\u00fcgung gehabt h\u00e4tten &#8211; bittesch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Am \u00c4rgerlichsten aber sind die teilweise aus Unkenntnis, teilweise aus sprachlicher Schludrigkeit geborenen Unwahrheiten dieses Buches. Trauriger H\u00f6hepunkt ist ausgerechnet der Steely Dan-Artikel. Es ehrt euch, Freunde, da\u00df ihr meine Lieblinge \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt. Aber la\u00dft euch gesagt sein: &#8222;Steely Dan war stets eher ein Konzept als eine feste Musikgruppe.&#8220;, das stimmt nicht. Bis 1974 waren Steely Dan eine Band, die Platten machte und Konzerte gab. &#8222;F\u00fcr die Plattenaufnahmen holte Steely Dan stets Gastmusiker ins Studio.&#8220; ist ja nicht falsch, aber &#8222;zu den konstant Mitwirkenden geh\u00f6rten die Gitarristen Jeff &#8222;<em>Skunk<\/em>&#8220; Baxter und Denny Dias sowie der Schlagzeuger Jim Nodder&#8220; eben nicht, sondern sie geh\u00f6rten zur bis 1974 bestehenden Band. Richtig ist auch, da\u00df &#8222;anschlie\u00dfend&#8220; (d.h. nach 1981) &#8222;die beiden Musiker (Fagen &amp; Becker) Steely Dan auf Eis legten (d.h. eigentlich hat man das Projekt beendet; aber sei&#8217;s drum)&#8220; und &#8222;Fagen als Solok\u00fcnstler erfolgreicher war&#8220;. Aber nicht, weil &#8222;Beckers Solover\u00f6ffentlichungen (&#8230;) gegen\u00fcber seiner Arbeit als Produzent zur\u00fcck(standen)&#8220;, sondern weil Becker \u00fcberhaupt keine Soloalben ver\u00f6ffentlichte, bis zu seinem Wunderwerk &#8222;11 Tracks Of Whack&#8220; 1994, das in dem Artikel gar nicht erw\u00e4hnt wird. Auch wie ihr, Autoren, auf &#8222;neun Steely-Dan-LPs&#8220; kommt, bleibt ein R\u00e4tsel. Sollte die \u00fcbrige Fachwelt zwei \u00fcbersehen haben? \u00c4rgerlich, am \u00c4rgerlichsten. Aber am alleraller \u00c4rgerlichsten: Wo, um alles in der Welt, sind in diesem B\u00fcchlein Creedence Clearwater Revival? Wo ist The Band? Ist der Beitrag von Supertramp zur Historie des Rock wirklich h\u00f6her zu bewerten als der von, sagen wir: Gram Parsons?<\/p>\n\n\n\n<p>Am alleraller \u00c4rgerlichsten. Aber am alleralleraller \u00c4rgerlichsten: Da\u00df so etwas erscheint. Bei Rowohlt. Einem gro\u00dfen deutschen Publikumsverlag. Da\u00df es auf den Krabbeltischen jeder Dorfbuchhandlung herumliegt und &#8222;Kauf mich!&#8220; schreit. Da\u00df manch argloser Liebhaber der Rockmusik zugreift. W\u00e4hrend irgendwo unter einem Ladentisch Peter J. Kraus&#8216; nun wirklich gelungener &#8222;<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/musikbuch1.php#rockhighway\">Rock-Highway<\/a>&#8220; verstaubt (Chr. Links Verlag). Da\u00df du, willst du einem Lektor ein Rockbuch schmackhaft machen, einen Konstantin Wecker-Button am Revers tragen und beteuern mu\u00dft, nicht schreiben zu k\u00f6nnen, keine Ahnung von der Sache zu haben (das aber profund) und es dir eh wurscht ist, was das mit der Rockmusik wird oder war oder ist. Eh blo\u00df U-Musik. Armes Deutschland, selber schuld. Stinkefinger\/Abgang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr, die euch die Gnade der sp\u00e4ten Geburt vor so manchem bewahrt hat, werdet euch nicht erinnern k\u00f6nnen. Aber glaubt mir: Es gab eine Zeit, da jeder Rentner, der etwas auf sich hielt, hierzulande beim Anblick eines Langhaarigen sch\u00f6ne Visionen bekam. 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