{"id":12066,"date":"1997-09-05T11:11:00","date_gmt":"1997-09-05T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12066"},"modified":"2022-05-31T15:27:44","modified_gmt":"2022-05-31T13:27:44","slug":"musikbuecher-iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1997\/09\/musikbuecher-iv\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher IV"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Sechs mehr-oder-weniger-Neuerscheinungen gilt es euch heute n\u00e4herzubringen. Beginnen wir mit dem von mir sehnlichst erwarteten Werk &#8222;Lyrics And Poems&#8220; von <strong>Joni Mitchell<\/strong>, erster von drei angek\u00fcndigten B\u00e4nden, deren beiden noch ausstehenden den &#8222;Malereien&#8220; respektive &#8222;Autobiografischem&#8220; gewidmet sein sollen. Nun sch\u00f6n. Es freut mich nat\u00fcrlich, endlich s\u00e4mtliche Songtexte der gro\u00dfen Joni zwischen zwei St\u00fcckern Pappdeckel im Regal zu haben &#8211; von mir aus h\u00e4tt&#8217;s auch Hardcover sein k\u00f6nnen, da bin ich ganz bibliophiler Snob und scheue die Extram\u00e4rker nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>Aber na gut, dann halt Broschur. Nur: K\u00fcndet der Titel nicht von &#8222;Lyrics AND Poems&#8220;, dem also, was unsereiner landl\u00e4ufig &#8222;Gedichte&#8220; nennt und von denen in Jonis Schublade garantiert noch mancher Versuch ruht? K\u00fcndet er. Wird aber nicht gebracht. Blo\u00df Songtexte. Und der Verlag entschuldigt sich auf einem beigelegten Papierstreifen auch noch daf\u00fcr, da\u00df leiderleider die Texte der f\u00fcr Februar 1998 erwarteten 18. Mitchell-Platte, &#8222;Taming The Tiger&#8220;, nicht haben abgedruckt werden k\u00f6nnen &#8211; &#8222;due to circumstances beyond our control&#8220;, ja, ja, das sagt Herr R\u00fche auch gerade. Als gro\u00dfer Verehrer der Kanadierin will ich aber mal nicht so sein. Haben wir halt nur die Songtexte und ein erl\u00e4uterndes Vorwort nebst Anmerkungen, denn es gibt ja soviel zu schreiben \u00fcber diese &#8222;lyrics&#8220;, diese Juwelen unter all dem Schrott herk\u00f6mmlichen Popgereimes. Ha! Nichts da! Kein Vorwort! Keine Anmerkungen! Nur eine Seite k\u00fcmmerlichste Diskografie am Schlu\u00df des Buchs! In mir breitet sich eine gro\u00dfe Traurigkeit aus, und w\u00e4re mir zum Weinen zumute, ich w\u00fcrde es gewi\u00df tun. Bist du dran schuld, Joni? Oder der knickrige Verlag? Apropos Verlag: Wo ist der deutsche Verlag, der mich die Texte ins Deutsche \u00fcbertragen l\u00e4\u00dft? Mit Vorwort! Mit Anmerkungen! Wir werden die Literaturpreise nur so abr\u00e4umen, meine Damen und Herren Verleger! Sie werden in den Parnass aufsteigen, bei Desinteresse aber weiter in der H\u00f6lle der 698. Dylan-Biografie schmoren! Nur Mut! Melden!<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zu zwei recht ansprechenden Werken \u00fcber die englischen Folkrockpioniere <strong>Fairport Convention<\/strong>, zun\u00e4chst zu einer aktualisierten Neuauflage des bereits 1972 erschienenen &#8222;Meet On The Ledge. Fairport Convention &#8211; The Classic Years&#8220;. In den reichlich d\u00fcsteren Jahren der britischen Popmusik zwischen etwa 1970 und 1976, also dem Split der Beatles und dem Siegeszug des Punk, kam akustischer Trost in erster Linie aus den Gefilden des Folkrock. Den hatten die Briten keineswegs erfunden, wie uns manchein oberfl\u00e4chlich recherchierender Journalist gerne weismachen m\u00f6chte, und es war auch nicht so, da\u00df die Erleuchtung, altes englisches Liedgut mit modernen Rockt\u00f6nen zu verbinden, \u00fcber Nacht gekommen w\u00e4re. Nein, das Licht leuchtete von Amerika her, vom Folkrevival der Fr\u00fchsechziger, dem Countryblues, von Woody Guthrie, Tom Paxton, Pete Seeger und, er darf nat\u00fcrlich nicht fehlen, vor allem Bob Dylan. Die Byrds schlie\u00dflich machten vor, wie sich Folk und Rock verb\u00fcnden konnten (nebenbei sei bemerkt, da\u00df sie vom englischen Genius profitierten, den Beatles n\u00e4mlich), die Insulaner machten es nach. Fairport Convention, 1967 vom umtriebigen Ashley Hutchings gegr\u00fcndet (er zeichnete auch f\u00fcr das Inslebenkommen von Steeleye Span und der Albion Country Band verantwortlich), begn\u00fcgten sich auf ihrem Deb\u00fctalbum noch mit Joni Mitchell-Covern und ersten Eigenkompositionen, die den amerikanischen Vorbildern huldigten. Zwei Ereignisse \u00e4nderten das: Zun\u00e4chst der Beitritt von Sandy Denny (sie kam f\u00fcr Judy Dyble, die singende Bibliothekarin), dann mit dem wachsenden Selbstbewu\u00dftsein des milchgesichtigen Gitarristen Richard Thompson, der fortan als Komponist gl\u00e4nzte. Beide stellten sich in der Folgezeit nicht nur als treibende Kr\u00e4fte von FC heraus, sondern wurden auch die herausragenden englischen Singer\/Songwriter der Siebziger. Thompson ist bis heute an der Spitze geblieben, Sandy Denny fiel 1978 eine Treppe runter und war tot, aber leben wird sie immerdar. 1969 brachte man mit &#8222;Liege &amp; Lief&#8220; das erste britische Folkrock-Album heraus, und es strahlt bis heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere zweite FC-relevante Neuvorstellung hei\u00dft &#8222;Fairportfolio&#8220;, stammt von Kingsley Abbott, einem Jugendfreund der Band, und bietet auf ca. 60 Seiten Einblicke in die Anfangsphase, mit seltenen Fotos und Zeitungsschnipseln, r\u00fchrend unprofessionell abgedruckt, aber eben mit Liebe, wie es einer im Eigenverlag erschienenen Publikation frommt. Kostet st\u00fccker 30 Mark, ist beim Autor erh\u00e4ltlich (Adresse siehe unten) und nur etwas f\u00fcr ausgemachte Liebhaber der Band.<\/p>\n\n\n\n<p>Das n\u00e4chste<a><\/a> Buch, das ich euch ans Herz legen will, behandelt ein amerikanisches Thema, ist allerdings auch von einem Engl\u00e4nder geschrieben worden (na, und so ganz neu ist es auch nicht: 1996. Aber wann soll ich denn den ganzen Kram lesen?!): &#8222;Waiting For The Sun. The Story Of The Los Angeles Music Scene&#8220;. Barney Hoskyns hei\u00dft der Autor, hat lange in L.A. gelebt, schreibt heute f\u00fcr verschiedene Zeitschriften, u.a. f\u00fcr MOJO, und so wie wir keine Zeitschrift hierzulande haben, die an MOJO heranreicht (schleicht&#8217;s euch, Rolling Stone-Schreiber! Nur da\u00df sie &#8222;Happy Boys Happy&#8220;, den fulminanten Schmitt\/Twelker-Happen \u00fcber die Small Faces, etwas unterk\u00fchlt-britisch besprochen haben, ist den Mojo-Mannen anzulasten. Typisch angels\u00e4chsischer Neid, klar, und au\u00dferdem geh\u00f6rt das gar nicht hierher, verwirrt nur die Leser, die darauf warten, da\u00df ich die Klammer endlich zumache. Mach ich&#8217;s also. Es geht also jetzt (nach der Klammer) damit weiter, da\u00df ich gesagt habe, es g\u00e4be keine Zeitschrift wie MOJO hierzulande (danach kommt besagte Klammer, die ihr aber ignorieren k\u00f6nnt, weil ihr gerade mittendrin seit, d.h. eigentlich habe ich sie ja zugemacht) (nein, nicht DIE Klammer! Das ist eine Klammer in der Klammer, und die mache ich jetzt zu. So:), und jetzt mu\u00df ich weiterfahren, da\u00df es selbstverst\u00e4ndlich auch kein solches Buch \u00fcber die L.A.Szene hierzulande gibt. Ergo:), so haben wir selbstverst\u00e4ndlich auch kein solches Buch \u00fcber die L.A.-Szene. Wie denn auch! Das Ding ist in Leinen gebunden! Wiegt ungef\u00e4hr so viel wie ein Pfund Kaffee (ich hab&#8217;s ausprobiert; es war entkoffeinierter)! Ist in einer Sprache geschrieben, die mehr als den Grundwortschatz ben\u00f6tigt! Enth\u00e4lt kein einzig Sterbensw\u00f6rtlein \u00fcber die Kelly Family! Ist also in Deutschland unverk\u00e4uflich! Und ein Standardwerk!<\/p>\n\n\n\n<p>Hoskyns entwickelt die Geschichte des musikalischen L.A. chronologisch, beginnt etwa in der Nachkriegszeit und endet im Hier und Jetzt. Was man erwarten konnte. Aber da betet nicht nur einer Daten runter, sondern er hat seine Gr\u00fctze beim Schreiben stets dabei, was man ja nicht von allen sagen kann, die schreiben. Das Ganze ein &#8222;Sittenbild&#8220; zu nennen, w\u00e4re nicht falsch. Schwerpunkt des Buches ist nat\u00fcrlich die Mitt- bis Endsechziger-Phase der Canyon-Schickeria, als sich von Zappa bis zu den Eagles alles in den diversen T\u00e4lern tummelte. Hoskyns beschreibt, wie sich der anf\u00e4ngliche Idealismus der friedlichen und kreativen Gemeinschaft allm\u00e4hlich zum blanken Horrorszenario wandelt. Man hat sich von der Au\u00dfenwelt abgekoppelt, schnupft, spritzt, raucht, was nur irgendeinen Kick verspricht, und wird in Gestalt von Charles Manson und seiner Family schlie\u00dflich mit dem Entsetzen konfrontiert. Was einige ern\u00fcchtert, andere nur resigniert ins n\u00e4chste Refugium weiterziehen l\u00e4\u00dft. Hoskyns arbeitet bei der Beschreibung jener Jahre vor allem mit Gruppen- und Solistenportr\u00e4ts &#8211; was ein kleines Manko ist, denn dabei kommt ihm manchmal der analytische Verstand abhanden. Aber nur kurzzeitig, er findet ihn schnell wieder. Alles in allem liefert er den Beweis, da\u00df Musikjournalismus weder reine Starparade noch soziologisch-tiefgr\u00fcndelndes Gew\u00e4sch sein mu\u00df. Man kann auch erz\u00e4hlen, sich an Anekdoten delektieren und, wie erw\u00e4hnt, das Hirn als kongenialen Partner der Schreibhand akzeptieren. Vielleicht auch bald in Deutschland? Wo sich ein Verlag findet, der eine \u00dcbersetzung finanziert? D\u00fcrfte auch Paperback sein. Auf holzhaltigem Papier. Wunschtraum eines ewig Unbelehrbaren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber &#8222;Frauen im Rock&#8220; (selten d\u00e4mlicher Begriff!) ist in den letzten Jahren eine wahre Flut von Publikationen geschwappt, einige auch an dieser Stelle besprochen und doch artig gelobt. &#8222;Trouble Girls. The Rolling Stone Book Of Women In Rock&#8220;, herausgegeben von Barbara O&#8217;Dair ist nun der bislang kompetenteste Reader zum Thema. Zwar kein Lexikon im eigentlichen Sinne, aber ein Nachschlagewerk erster G\u00fcte, was vor allem daran liegt, da\u00df a) wirklich f\u00e4hige Autorinnen (und Fotografinnen!) mitwirken und b) der \u00fcbliche US-Zentrismus amerikanischer Publikationen hier erfreulicherweise etwas abgemildert wurde. Man findet z.B. einige sch\u00f6ne Seiten \u00fcber Sandy Denny, und selbst June Tabor wird wenigstens zweimal namentlich erw\u00e4hnt. Da\u00df ich das noch erleben darf! Sch\u00f6n auch, da\u00df man sich endlich einmal des Themas &#8222;Groupies&#8220; ohne den moralischen Zeigefinger angenommen hat. Der Janis Joplin-Beitrag ist herrlich ironisch, die Karen Carpenter-Story analytisch erhellend. Und so weiter. Selbst Gillian G. Garr, Autorin eines m\u00e4\u00dfigen Rockfrauenbuches, das gerade bei 2001 verramscht wird, wei\u00df zu Laurie Anderson Erbauliches zu schreiben, was ich ihr, ehrlich gesagt, nicht mehr zugetraut h\u00e4tte. Nat\u00fcrlich: Auch dieses Werk kann das gro\u00dfe Dilemma nicht \u00fcberwinden, da\u00df man beim Thema &#8222;Frauen und Rockmusik&#8220; stets auch die gesellschaftliche Seite ber\u00fccksichtigen mu\u00df, dabei aber fast zwangsl\u00e4ufig die reine k\u00fcnstlerische Leistung in den Hintergrund r\u00fcckt. Aber so ist das halt: Die Geschichte der Rockfrauen ist vor allem die Geschichte ihrer Diskriminierung &#8211; und die Geschichte ihrer Emanzipation.<\/p>\n\n\n\n<p>Emanzipation ist auch ein gutes Stichwort f\u00fcr unsere letztes Werk: Es hei\u00dft &#8222;Bj\u00f6rk. Bj\u00f6rkgraphy&#8220;, wurde von Herrn Martin Aston geschrieben und handelt nat\u00fcrlich von Leben und Wirken jener seltsamen Frau Gudmundsdottir aus dem hohen Norden. Wie fast alle ihre Kolleginnen ist auch Bj\u00f6rk inzwischen das Objekt sogenannter &#8222;illustrated biographies&#8220; geworden, also gemeinhin stark bebilderter Brosch\u00fcren, deren Textteil wohl nur aus Versehen mit hineingerutscht ist. Nicht so dieses Buch, das auf satten 336 Seiten die Stationen der Karriere Bj\u00f6rks Revue passieren l\u00e4\u00dft. Tappi Tikarass, Kukl, Sugarcubes, endlich die blendenden Solover\u00f6ffentlichungen &#8211; nichts wird \u00fcbergangen, aber das kann man schlie\u00dflich von einer Bio erwarten. Nicht unbedingt zum Standard geh\u00f6rt es, sich auch \u00fcber das gesellschaftliche Umfeld schlau zu machen, zumal es sich im Falle Bj\u00f6rks um das exotische der Insel Island handelt. Aber Aston gelingt auch dies, man merkt, er war dort und hat sich umgeschaut, hat einiges Merkw\u00fcrdige beobachtet und gibt es im einleitenden Kapitel seines Buches preis. Da\u00df auf den 336 Seiten manches zu ersch\u00f6pfend behandelt wird und gewisse Erm\u00fcdungen beim Leser nicht ausbleiben k\u00f6nnen, ist selbstverst\u00e4ndlich. Aber noch ertr\u00e4glich. F\u00fcr alle Fans ein Mu\u00df, auch wenn die aktuelle Entwicklung (&#8222;Homogenic&#8220;, das letzte Album, das S\u00e4ureattentat usw.) in diesem 96er Werk naturgem\u00e4\u00df fehlen.<\/p>\n\n\n\n<p>* * * * *<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle, denen es wieder einmal viel zu schnell gegangen ist, hier noch einmal Titel, Autoren, Verlage, Preise:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Joni Mitchell: The Complete Poems And Lyrics. London (Chatto &amp; Windus) 1997, Preis: 14 Pfund 99<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Patrick Humphries: Meet On The Ledge. Fairport Convention - The Classic Years. London (Virgin Books) 1997, 176 Ss. Preis: 9 Pfund 99<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Kingsley Abbott: Fairportfolio. Personal Recollections of FAIRPORT CONVENTION from the 1967-1969 era. North Lopham 1997 (zu beziehen \u00fcber: Kingsley Abbott, \"Hollycot\", High Common, North Lopham, Diss, Norfolk, IP22 2HS), Preis: ca. 10 Pfund<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Barney Hoskyns: Waiting For The Sun. The Story Of The Los Angeles Music Scene. London (Viking\/Penguin) 1996, 356 Ss. Preis: 20 Pfund, die sich lohnen.<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Barbara O'Dair: Trouble Girls. The Rolling Stone Book Of Women In Rock. New York (Random House) 1997, Preis: 25 $<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Martin Aston: Bj\u00f6rk - Bj\u00f6rkgraphy. London (Simon &amp; Schuster) 1996, Preis: 10 Pfund 99<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sechs mehr-oder-weniger-Neuerscheinungen gilt es euch heute n\u00e4herzubringen. 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