{"id":12073,"date":"1998-03-05T11:11:00","date_gmt":"1998-03-05T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12073"},"modified":"2022-06-06T01:36:42","modified_gmt":"2022-06-05T23:36:42","slug":"musikbuecher-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1998\/03\/musikbuecher-v\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher V"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">From the bottom of the ocean to the mountains of the moon: Willkommen zu einer musikliterarischen Reise aus den Niederungen deutscher Beschr\u00e4nktheit hin zu den H\u00f6hen deutschen Weltb\u00fcrgertums, aus dem Elend der Sprache mitten hinein in den Reichtum der Phantasie.<\/p>\n\n\n\n<p>I&#8217;m your captain: denn, Leser, du brauchst einen Lotsen, der dich nicht nur sicher f\u00fchrt, sondern dich auch darauf vorbereitet, welcher ungeheure Druck tief unten im Meer des B\u00fcchermarktes dein Haupt beschweren wird. Eine Gew\u00f6hnungssache. So n\u00e4hern wir uns dem Ort, wo sich dir die geballte Dummheit tonnenschwer auf die Sch\u00e4deldecke legt, ganz allgemach mit einem Zitat:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;<em>Nun aber kamen die Rockr\u00f6hren: Grace Jones, Nina Hagen, Madonna, Sandra, Sade, Kim Wilde, Melanie, Whitney Houston, Cindy Lauper und wie sie alle hei\u00dfen.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Zitatende. Seltsam, nicht wahr? Noch bin ich sprachlos. Also machen wir ganz konventionell mit der Vorstellung unseres ersten Buches weiter.)<\/p>\n\n\n\n<p>Es hei\u00dft &#8222;<em>John Lennon und Yoko Ono. Zwei Rebellen &#8211; eine Poplegende<\/em>&#8222;, wurde von James Woodall, einem in Berlin lebenden Engl\u00e4nder verfa\u00dft und ist in der Buchreihe &#8222;<em>Paare<\/em>&#8220; von Rowohlt Berlin erschienen. Ich gestehe, da\u00df&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; aber nein, tut mir leid, bevor ich weiter rezensiere, mu\u00df ich das erste Zitat vervollst\u00e4ndigen:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<em>In ihrem Schlepptau folgten ein paar von der gem\u00e4\u00dfigten Fakult\u00e4t. Codewort rauh aber herzlich: Barbra Streisand, Shirley Bassey, Dakota Staton, Nancy Wilson, Aretha Franklin, Liza Minelli.<\/em>&#8220; (In dieser Sekunde, da ich das schreibe, zerbricht in mir ein Jahrtausend abendl\u00e4ndischer Kultur. Ein Jahrtausend, von dem wir doch alle dachten, es habe uns die ratio gelehrt und die Kunst der Recherche, die Erkenntnis auch, da\u00df ich nichts zu wissen brauche, da\u00df mich niemand daf\u00fcr zur Verantwortung zieht, solange ich es nicht \u00f6ffentlich verlautbaren lasse. Und nun das: Im Schlepptau von Sandra, unsrem guten saarl\u00e4ndischen M\u00e4del, Barbra Streisand. Gar Aretha Franklin. Wir sehen vor unserem inneren Auge, wie Rockr\u00f6hre Melanie die gem\u00e4\u00dfigte Nancy Wilson durch die Popgeschichte zerrt. Es ist herzzerrei\u00dfend. Wir bilden S\u00e4tze wie: Im Schlepptau von Johann Strau\u00df folgte Mozart, der den Walzer auf eigene, gem\u00e4\u00dfigte Art spielte. Im Schlepptau von Heinz G. Konsalik f\u00fchlte sich auch Goethe ermutigt, zur Feder zu greifen. Im Schlepptau von Nicole, diesem bi\u00dfchen Sangesversuch, wird einst Liz Phair wandeln. Ach, ist das grausam!)<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gestehe also, da\u00df mich der Untertitel von den &#8222;<em>Rebellen<\/em>&#8220; ein entsprechend oberfl\u00e4chliches Werk bef\u00fcrchten lie\u00df. Ist doch heutzutage nichts spie\u00dfiger als ein aufgepapptes &#8222;Rebellentum&#8220;, und die Vorstellung, wie da Herr Lennon und Frau Ono, beide im wei\u00dfen Rolls champagnerschl\u00fcrfend unterwegs, z\u00fcnftig rebellierten, diese Vorstellung ist mir fast so unangenehm wie unser Herr Bundespr\u00e4sident, der einen &#8222;Ruck&#8220; fordert und dabei einer Tausendschaft saturierter Manager ins Angesicht starrt, die sich gerade ein z\u00fcnftiges Steuerschlupfloch vorstellen. Na ja, la\u00df gut sein, Alter.<\/p>\n\n\n\n<p>Woodalls Buch war dann doch nicht so schlecht wie bef\u00fcrchtet. Seine Arbeitshypothese ist es erkennbar, das festgef\u00fcgte Bild von Lennon\/Ono zu revidieren. In Kreisen eingefleischter Beatlesfans gilt Frau Ono nach wie vor als die Ursache des Beatles-Splits 1970; als Produzentin beknackter Kreischmusik desgleichen und Domina diabela, der es gelang, den armen John von vielen musikalischen Meisterwerken abzuhalten, auf da\u00df er lieber mit ihr im Bett liege, ein Kind zeuge und dieses wickle, w\u00e4hrend Yoko sich um die Vermehrung des Verm\u00f6gens k\u00fcmmern konnte. Das war nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn. Die Beatles gab es schon seit 1967 nicht mehr &#8222;richtig&#8220;, sie hatten 1969 mit &#8222;Abbey Road&#8220; noch einmal ein Meisterwerk abgeliefert &#8211; mit letzter Kraft, sozusagen (es macht mir Woodall sympathisch, da\u00df er &#8222;Abbey Road&#8220; AUCH \u00fcber den doch recht juvenilen Serganten Pepper stellt). Yoko Ono ihrerseits war eine K\u00fcnstlerin im Stil der Zeit: etwas provozierend, etwas genial, etwas scharlatan\u00f6s, auf alle F\u00e4lle hip. Ihre Musik mu\u00dfte man nicht m\u00f6gen, und man mu\u00df es bis heute nicht, wo die fr\u00fcheren Urteile allenthalben nichts mehr gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Beatles-Fan operiert Woodall ganz aus der Perspektive dessen, der beweisen m\u00f6chte, die Partnerschaft von John und Yoko sei ein weiteres, entscheidendes St\u00fcck auf dem Weg der Selbstfindung Lennons gewesen. Da\u00df er den k\u00fcnstlerischen Werdegang Onos dabei nicht v\u00f6llig in den Dienst der Beatles-Forschung stellt, ehrt ihn zwar, doch wirkt die kleine Japanerin auch bei ihm als eine Art Erf\u00fcllungsgehilfin des gro\u00dfen Mannes. Es ist aber auch tats\u00e4chlich mehr als nur schwierig, einer Frau gerecht zu werden, die zeitlebens als &#8222;Exotin&#8220; so v\u00f6llig fehl am (Pop-)Platz gewirkt hat. Eine Japanerin, die dem Sch\u00f6nheitsideal der Zeit ebenso wenig entsprach wie den Ansichten \u00fcber die Rolle einer Gef\u00e4hrtin, die zudem eine Musik machte, deren Akzeptanz auch heute noch minimal ist. Das ist eine ganze Menge Stoff, der sich der Deutung entzieht, jedenfalls dann, wenn man von der m\u00e4nnlichen H\u00e4lfte des Paares herkommt. Es w\u00e4re nobel gewesen, h\u00e4tte man sich beim Verlag dazu durchringen k\u00f6nnen, zwei Autoren f\u00fcr dieses Buch zu verpflichten: hier Woodall mit seiner Lennon-Zentriertheit, dort ein Autor X, der die ganze Chose auf die Hauptperson Yoko Ono zuschneidet. Schon m\u00f6glich, da\u00df letzterer zu dem Schlu\u00df gekommen w\u00e4re, die Beatles bes\u00e4\u00dfen lediglich als Appendix der Frau Ono einige historische Berechtigung. Ein Paradigma gegenseitiger Intoleranz w\u00e4re wohl allemal dabei herausgekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; Unterbrechung. Wieder zwingt es mich zu zitieren: &#8222;<em>Nach, mit und neben den Rolling Stones \u00fcberschwemmten Zehntausende von Beatles-Epigonen den Globus mit ihrem musikalischen M\u00fcll. (&#8230;) Die Supergruppen des Pop hei\u00dfen f\u00fcr mich &lt;Blood, Sweat and Tears&gt; (&#8230;) und &lt;Chicago&gt; (&#8230;).<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Wo waren wir stehengeblieben? Bei der Intoleranz. Der, die einst Beatlesfans dazu veranla\u00dfte, Yoko Ono zu diffamieren, und der, die &#8211; und jetzt kommen wir endlich zu unserer Zitatenquelle &#8211; einen gewissen Herrn Evers dazu bringt, sich geh\u00f6rig zu blamieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauer: Der Mann hei\u00dft John Evers, was reichlich angloamerikanisch klingt. Geboren ist er in Wien, aber was und wie er schreibt, macht ihn zum Deutschen ehrenhalber. Sein Buch &#8222;Gl\u00fcck in Scheiben. Ein Buch f\u00fcr Schallplattensammler&#8220; ist bereits 1990 erschienen und mir anl\u00e4\u00dflich einer Ramschaktion des Versenders &#8222;Medium&#8220; zugelaufen, und das war gut so. Endlich besitze ich ein Werk &#8222;<em>mit einem Vorwort von Max Schautzer<\/em>&#8220; &#8211; was aber noch bedeutender ist: Ich besitze ein Werk, das im Kleinen die gesamte Degeneriertheit unserer Nation der Dichter und Denker illustriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Evers besitzt ca. 10.000 Platten, das meiste davon Jazz und Klassik. H\u00e4tte er sich darauf beschr\u00e4nkt, auf diesen beiden Gebieten schriftstellerisch t\u00e4tig zu werden, wir h\u00e4tten den Kasus unseren diesbez\u00fcglichen Zunftkollegen zur Abstrafung \u00fcberlassen, aber nein: Evers \u00e4u\u00dfert sich auch zur Popmusik, von der er nun so wenig versteht, da\u00df die Behauptung, er verstehe davon sehr wenig, bereits unangemessen euphemistisch w\u00e4re. Nun geh\u00f6re ich zu den Menschen, die es ihren Zeitgenossen nicht \u00fcbelnehmen, wenn sie nichts von Popmusik verstehen. Ich verstehe ja auch nichts von der sogenannten <em>ernsten<\/em> Musik. Aber schreibe ich vielleicht dar\u00fcber? Da n\u00e4mlich wird es peinlich. W\u00fcrde ich aber \u00fcber <em>ernste<\/em> Musik schreiben, t\u00e4te ich es gewi\u00df nicht nach den Richtlinien der Popschreiber. Ich w\u00fcrde mich also h\u00fcten, S\u00e4tze wie etwa die folgenden abzulassen: Von Karajan lie\u00df auf der B\u00fchne jene Show vermissen, die unseraller Joe Cocker so meisterlich beherrscht. Arnold Sch\u00f6nberg erwies sich als unf\u00e4hig, einen Gitarrenriff a la Keith Richards zu schreiben. Mozart hatte leider nicht die Power von Prince. Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Stil aber schreibt Herr Evers. Er hat keine Ahnung. Wenn er einen Akkord der Rolling Stones nicht in seinen Lehrb\u00fcchern der klassischen Musik findet, schimpft er ihn <em>falsch<\/em>. Wenn ein S\u00e4nger nicht zum hohen C kommt, kann er nicht singen. F\u00fcr ihn ist gute Popmusik die Fortsetzung von Jazz und Klassik mit anderen Mitteln, aber dem gleichen \u00fcberkandidelten Ethos der akademischen Perfektion, was auch seine fatale Vorliebe f\u00fcr Blood, Sweat And Tears und Chicago erkl\u00e4rt. (Von letzteren schreibt er, sie h\u00e4tten fr\u00fcher &#8222;Chicago Transit&#8220; gehei\u00dfen. Aha; soso; sch\u00f6n zu erfahren. Und von Emerson, Lake und Palmer, die er nat\u00fcrlich auch sch\u00e4tzt, behauptet er, sie h\u00e4tten nie einen Singlehit gehabt. Aha; soso. Da \u00f6ffnet sich eine zus\u00e4tzliche, dunkle Dimension: Ich habe nicht nur keine Ahnung, ich kann auch nicht recherchieren, bin also hinreichend kompetent.)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen das Buch trotzdem empfehlen (es wird, wie schon erw\u00e4hnt, gerade f\u00fcr 16 Mark 80 verramscht), denn sein Unterhaltungswert ist ebenso unbestritten wie sein Lehrwert. Greifen wir noch ein Zitat heraus:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<em>Schon wenn sie politisch werden, sind die Liedermacher die reinsten Niedermacher. Aber wenn sie den gro\u00dfen Weltschmerz rauslassen, werden sie unertr\u00e4glich. Joan Baez und Bob Dylan d\u00fcrften damit begonnen haben. In Deutschland die Knef.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind solche S\u00e4tze, die uns den Wert klassischer Bildung auf das Ges\u00fcndeste relativieren. Da hockt man jahrzehntelang in h\u00f6heren Schulen herum, haut noch ein Studium raus, l\u00fcmmelt in Konzerts\u00e4len, bei Dichterlesungen, cocktailt und talkt bei der Intelligentsia der metallverarbeitenden Industrie &#8211; und dann so etwas: Joan Baez und Bob Dylan verbreiten Weltschmerz. In Deutschland die Knef. Als die Ziehv\u00e4ter- resp. m\u00fctter von Konstantin Wecker und Bettina Wegener obendrein. Sind so kleine Hirne, m\u00fcssen immer denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Evers&#8216; OEuvre f\u00fchrt mitten in die uns bis dato ebenso unbekannte wie r\u00e4tselhafte Welt derer, die den peinlichen Versuch des Wagnertenors Hoffmann, Rocksongs zu singen, f\u00fcr den H\u00f6hepunkt popul\u00e4rer Kultur halten, f\u00fcr die Heimholung des verlorenen Sohnes in den Scho\u00df hoher Kunst. Es ist das bizarre Universum all der &#8222;Klassikhits&#8220;, zu denen man bei Bildungsb\u00fcrgers zu b\u00fcgeln pflegt, weil einem dann das Eisen besser \u00fcbers Hemd rutscht. Es ist aber auch der Schwurbelkosmos unserer Verlagslandschaft, wo, wenn du Mozart mit &lt;h&gt; schreibst, dir dein Lektor sofort die rote Karte zeigt und <em>Skandal<\/em> murmelt, es aber gar nicht merkt, wenn du dich seitenlang zum Richter \u00fcber eine Sache aufschwingst, von der du partout nichts begreifst. Wir sitzen in unseren Raumschiffen und durchqueren diese Gegend der schwarzen L\u00f6cher des Unwissens, der wei\u00dfen Riesen der Ignoranz und der roten Zwerge der Integrit\u00e4t &#8211; unser Ingenieur br\u00fcllt &#8222;<em>Beam me up!<\/em>&#8222;, der Langohrige murmelt blo\u00df &#8222;<em>Aber wohin?<\/em>&#8222;, und endlich hat der Captain die rettende Idee: &#8222;<em>Da! Ein lebensfreundlicher Planet inmitten all des Horrors! Eine kleine Insel im Meer des Schreckens! Der Ch.Links Verlag, Berlin! Die Lektorin dort! Eben macht sie einen Briefumschlag auf! Sie entnimmt ihm ein Manuskript aus Amerika! Kalifornien! Endlich! Rettung! Es ist von Peter J. Kraus! Er hat wieder ein Buch beschrieben!<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so ist es wirklich. Peter J. Kraus hat wieder ein Buch geschrieben. &#8222;<em>Route 66 &#8211; Geschichten und Musik entlang des Higways<\/em>&#8220; hei\u00dft der zweite Band einer Trilogie, deren Er\u00f6ffnungswerk &#8222;<em><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/musikbuch1.php#rockhighway\">Rock Highway &#8211; Kalifornien und seine Musik-Legenden<\/a><\/em>&#8220; an dieser Stelle hoch gelobt worden ist, und deren abschlie\u00dfendes, das den Autor gen S\u00fcden und Blues f\u00fchren wird, bald erscheinen soll und wahrscheinlich nicht weniger enthusiastisch besprochen werden d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der inzwischen nicht mehr existenten Route 66 f\u00e4hrt uns Kraus von Chicago nach Los Angeles, \u00fcber die Kernstationen Memphis, Oklahoma, Santa Fe und Flagstaff. Wieder erz\u00e4hlt er uns seine Anekdoten und widmet den jeweiligen Hauptmusikern der Gegenden biografische Kapitel: Willie Dixon, Ike Turner, J.J. Cale, Stevie Ray Vaughan, Willie Nelson, Gram Parsons und schlie\u00dflich jenem Bobby Troup, dessen Hit &#8222;<em>Route 66<\/em>&#8220; die Strecke zu Popgeschichte hat werden lassen. Es f\u00e4llt auf, da\u00df anders als in &#8222;<em>Rock-Highway<\/em>&#8220; nun die Orte und ihre Menschen im Vordergrund stehen, der Anteil der Musik zur\u00fcckgefahren worden ist und eigentlich nur noch in den Bio-Kapiteln vorkommt. Was nat\u00fcrlich ein Nachteil sein k\u00f6nnte, sich aber gerade f\u00fcr Freunde des musikalischen Buches als ein Vorteil herausstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da\u00df Kraus Ahnung hat (zugeh\u00f6rt, Herr Evers!), Humor dazu und eine putzmuntere Feder anscheinend von Geburt, hatte ja schon der Rock-Highway hinl\u00e4nglich bewiesen. Jetzt, da die zur\u00fcckgelegte Strecke l\u00e4nger, die klimatischen und geografischen Unterschiede krasser sind, offenbart er auch, was f\u00fcr ein soziologisch geschultes B\u00fcrschlein er doch ist. Wobei ich nicht einmal wei\u00df, ob ER das wei\u00df. Aber wie hier Personenschilderungen und Landschaftsbeschreibungen einander durchdringen, sich gegenseitig kommentieren und dabei selbst neue Facetten gewinnen, das hat was. Etwa, wenn wir die Kuratorin eines Stripteasemuseums kennenlernen, bevor es in die Mojavew\u00fcste geht, bei deren Durchquerung einem alten Countryrocker wie mir nat\u00fcrlich gleich Gram Parsons in den Sinn kommt &#8211; und dem Autor Kraus auch. Eine aus der Form gekommene Ex-Ausziehk\u00fcnstlerin und der jedwedem Hedonismus holde Millionenerbe, dem es von der magischen amerikanischen Musik tr\u00e4umte &#8211; und beide zieht es in die Einsamkeit einer extremen Landschaft, wo sie als Verwalterin schl\u00fcpfriger Fotos respektive Setzer eines goldenen Schusses ihr Leben beschlie\u00dfen &#8211; so wie uns Kraus diese Geschichten erz\u00e4hlt, werden sie schl\u00fcssig. \u00dcberhaupt das Geschichtenerz\u00e4hlen, die biografische Skizze. Da lauern Fallen. Die beispielsweise, ein \u00e4lteres Ehepaar, das einen Tanzschuppen gebaut hat, mitleidig zu bel\u00e4cheln, oder auch, den schrulligen &#8222;General Bob&#8220;, der im &#8222;Bagdad Caf\u00e9&#8220; jedem erz\u00e4hlt, er habe die CIA gegr\u00fcndet, h\u00e4misch als eine Jahrmarktsensation vorzuf\u00fchren. An beiden Gruben &#8211; und s\u00e4mtlichen anderen &#8211; t\u00e4nzelt Kraus souver\u00e4n vorbei. Der Mann empfindet einfach Sympathie: mit den Menschen, den Landschaften, der Musik, der Stra\u00dfe &#8211; und schlie\u00dflich mit dem Schreiben selbst. Das \u00fcbertr\u00e4gt sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sagt ja, das Beste, was der Autor von Reiseb\u00fcchern leisten k\u00f6nne, sei es, seine Leser mit auf die Reise zu nehmen, so da\u00df, wer endlich das Buch aus der Hand legt, schw\u00f6rt, wirklich von einer gro\u00dfen Tour zur\u00fcckzukommen. Das ist nicht ganz vollst\u00e4ndig. Noch besser n\u00e4mlich ist es, auf dieser Tour individuelle Eindr\u00fccke zu sammeln, selbst zu denken, gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge herzustellen. Wie so etwas funktioniert, studiere man getrost bei Peter J. Kraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Also southward ho!, Autor! Wie man geh\u00f6rt hat, will er danach nicht mehr reisen. Im April aber doch, nach Deutschland n\u00e4mlich, zum Vorlesen. Da\u00df es mir kein Konsument des Hinternet vers\u00e4umt, sich bei dieser Gelegenheit sein &#8222;<em>Route 66<\/em>&#8222;-Exemplar signieren zu lassen!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gelegenheit nutzend, sei ein weiteres, schon etwas \u00e4lteres Rockreisebuch erw\u00e4hnt. Es stammt von Mick Brown, hei\u00dft &#8222;<em>American Heartbeat<\/em>&#8220; und verr\u00e4t im Untertitel, wovon es handelt: &#8222;<em>Travels from Woodstock To San Jose By Song Title<\/em>&#8222;. Brown f\u00e4hrt also an Orte, die in Songtiteln verewigt worden sind: nach Woodstock, Chattanooga, Memphis, St Louis, Tulsa, El Paso, Phoenix, San Jose, Baltimore und Nashville. Es ist aber eigentlich kein Tour-, sondern ein St\u00e4dtebuch, informativ, manchmal etwas spr\u00f6de und eine Spur zu sachlich. Lesen kann man es dennoch mit Gewinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Und bevor wir f\u00fcr heute schlie\u00dfen (is&#8216; lang geworden!), noch ein Nachtrag zum in der letzten Ausgabe vorgestellten &#8222;<em>Rolling Stone Book Of Women In Rock<\/em>&#8222;: das &#8222;<em>Rock Stone Book Of Respect<\/em>&#8222;. Zitate von Rockfrauen zu Gott &amp; Welt im Format 8,4&#215;7 cm, gebunden mit Schutzumschlag, macht 4 Dollar 95. 128 Seiten, die man auf 7 oder 8 Din A4 &#8211; Bl\u00e4tter gekriegt h\u00e4tte, aber was soll&#8217;s. Kurios halt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bibliografie:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">James Woodall: John Lennon \/ Yoko Ono. Zwei Rebellen - eine Poplegende. Hamburg (Rowohlt Berlin) 1997, 215 S., 32 DM<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">John Evers: Gl\u00fcck in Scheiben. Ein Buch f\u00fcr Schallplattensammler. VORWORT VON MAX SCHAUTZER!!! M\u00fcnchen (Langen M\u00fcller) 1990, 395 S., 36 DM (warten, bis man's f\u00fcr 'nen Heiermann in der B\u00fccherkiste findet)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Peter J. Kraus: Route 66. Geschichten und Musik entlang des Highways. Berlin (Ch. Links) 1997, 320 S., 36 Mark<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Mick Brown: American Heartbeat. Travels From Woodstock To San Jose By Song Title. London (Penguin) 1993, 246 S., 15 Pfund 99<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Rolling Stone: The Rolling Stone Book Of Respect. Philadelphia\/London (Running Press) 1996, 128 S., 4 Dollar 95<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>From the bottom of the ocean to the mountains of the moon: Willkommen zu einer musikliterarischen Reise aus den Niederungen deutscher Beschr\u00e4nktheit hin zu den H\u00f6hen deutschen Weltb\u00fcrgertums, aus dem Elend der Sprache mitten hinein in den Reichtum der Phantasie. 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