{"id":12079,"date":"2001-02-05T11:11:00","date_gmt":"2001-02-05T10:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12079"},"modified":"2022-06-06T01:36:55","modified_gmt":"2022-06-05T23:36:55","slug":"musikbuecher-vii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2001\/02\/musikbuecher-vii\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher VII"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Zu den ersch\u00fctterndsten Erfahrungen meiner verbl\u00fchenden Pubert\u00e4t geh\u00f6rte die Erkenntnis, da\u00df ansonsten intelligente Menschen imstande waren, Dummbeutelmusik zu lieben, w\u00e4hrend personifizierte Dummbeutel durchaus einen akzeptablen Musikgeschmack haben konnten. Diese tiefere Einsicht in die Abgr\u00fcnde des Menschseins ersch\u00fctterte meine Weltanschauung, nach der Musik generell in sogenannte Hirnmusik und ebenfalls sogenannte Hosenmusik einzuteilen war. Erstere lieferte Futter f\u00fcr die Gedanken und ging nur bisweilen voll in die Hose, wenn z.B. The Taste &#8222;What&#8217;s Going On&#8220; fragten und immer f\u00fcr einen veritablen Orgasmus gut waren. Hosenmusik indes diente zur Befriedigung niederster Instinkte wie &#8222;gl\u00fccklich sein wollen&#8220;, &#8222;schunkeln k\u00f6nnen&#8220; und &#8222;mal kurz mit der Kleinen da dr\u00fcben auf der Toilette eine hei\u00dfe Nummer schieben&#8220;. Ins Hirn fra\u00df sich diese Musik nur selten, n\u00e4mlich h\u00f6chstens dann, wenn dort noch die \u00dcberreste dessen dahinvegetierten, was wir Liebhaber von Hirnmusik ein kritisches und waches Bewu\u00dftsein nannten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Warum erz\u00e4hle ich euch das? Nun, weil ich mich soeben durch zwei biografische Werke gearbeitet habe, deren Protogonisten auf exemplarische Weise jene in meiner Sp\u00e4tpubert\u00e4t so arg demolierte Musiktheorie verk\u00f6rperten. Hirnmusik &#8211; das war nat\u00fcrlich vor allem ER: Frank Zappa. F\u00fcr die Hose bevorzugte die reifere Dame etwa zur gleichen Zeit den sogenannten &#8222;Tiger aus Wales&#8220;, Herrn Tom Jones, von dem ich an Gutem nur sagen kann, da\u00df er den Titel &#8222;Delilah&#8220; popul\u00e4r gemacht hat, welcher wiederum von der str\u00e4flich untersch\u00e4tzten und an dieser Stelle ausdr\u00fccklich ans Herz gelegten <strong>Sensational Alex Harvey Band<\/strong> gecovert und bis in die englische Top Ten gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Bringen wir es also hinter uns und beginnen mit &#8222;Tom Jones &#8211; Der Tiger aus Wales&#8220;, einer Biografie der beiden Damen Lucy Ellis und Bryony Sutherland (Hannibal Verlag), deren Erstling &#8222;The Complete Guide to the Music of George Michael and WHAM!&#8220; hei\u00dft und schon erahnen l\u00e4\u00dft, in welche Abgr\u00fcnde kritischen Journalismus die Ausbreitung der Tom Jones-Vita f\u00fchren wird. Zitat: &#8222;Eine der unvergesslichsten Episoden (&#8230;) war, als der dreizehnj\u00e4hrige Mark (der Sohn von Tom Jones), der immer noch mit viel Babyspeck zu k\u00e4mpfen hatte, w\u00e4hrend einer Party mit einem Satz vom Trampolin sprang.&#8220; Bereits die Zurkenntnisnahme dieses in der Tat unverge\u00dflichen Erlebnisses macht deutlich, in welchen Gefilden sich das Buch \u00fcber knappe 400 Seiten bewegt: Belanglosigkeiten, K\u00fcchensozialpsychologie (&#8222;Zweifelsohne ist Tom mit seinem unglaublichen Ruhm auf eine Art und Weise umgegangen, die seine Eltern aus der Arbeiterklasse stolz machen w\u00fcrde.&#8220;) und Vorlieben des Meisters (&#8222;Ich liebe das traditionelle walisische Lammessen, aber ich gebe zu, dass mein internationales Leibgericht, das ich jederzeit essen kann, rohe Austern und Muscheln sind, und mein Lieblingsfleischgericht ist Pfeffersteak&#8230; und au\u00dferdem habe ich f\u00fcr Brains Beer, ein einheimisches walisches Bier, eine Schw\u00e4che.&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>So weit so schlecht. Warum ich aber von der Lekt\u00fcre des Werkes dennoch nicht g\u00e4nzlich abrate, liegt in jenem unvergleichlichen Gruselkabinett von Spie\u00dfern, Beutelschneidern, Schleimlingen und sonstigen &#8211; wie wir in der Musikbuchkritikbranche sagen &#8211; assholes begr\u00fcndet, das sich dem Leser nach und nach erschlie\u00dft. Wir werden Zeugen, wie Musiker (etwa Gilbert O&#8217;Sullivan, der bei Jones&#8216; Manager unter Vertrag war) betrogen werden, erfahren, da\u00df Jones die Frau nur als Heimchen am Herd oder Geliebte akzeptiert und geraten schlie\u00dflich an das biggest assface of all: einen Typen namens Engelbert Humperdinck, dessen Visage allein drei Eimer bis zum Rand mit Erbrochenem zu f\u00fcllen vermag, zu schweigen von seiner Musik, die sich in den Siebzigern unerkl\u00e4rlicherweise gut verkaufte. Wer wie wir in der wunderbaren, progressiven, intellektuellen Hinternet-Welt zu Hause ist, sollte die Chance, auch einmal eine solche Gegenwelt zu sehen, nicht verpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Gegenwelt zu Tom Jones und seiner Biografie zeichnet Carl-Ludwig Reichert in seinem Werk &#8222;Frank Zappa&#8220;, erschienen als dtv-Taschenbuch zum Preis von 16,50 DM. Reichert, als Journalist und Radiomensch nicht ohne Verdienste, hat gerade einmal 160 Seiten zur Verf\u00fcgung, um eines der m\u00e4chtigsten Oeuvres der Popgeschichte abzuhandeln &#8211; das mu\u00df schiefgehen, denkt man. Und nach den ersten Seiten ist man sogar \u00fcberzeugt, da\u00df es nicht nur schiefgeht, sondern so krachend katastrophal endet, wie es eines Menschen Kopf sich nur vorzustellen mag. So erfahren wir auf Seite 16 folgendes aus Zappas Jugendzeit: &#8222;Er fing 1956 an, mit der Kamera seines Vaters Schmalfilme zu drehen. Sein Erstlingswerk &gt;Motion&lt; war ein Experimentalfilm in der Art eines Werner Nekes.&#8220; In einer Fu\u00dfnote erfahren wir nun, wer dieser Werner Nekes war &#8211; wogegen nichts zu sagen w\u00e4re, h\u00e4tte der Autor 500 Seiten zur Verf\u00fcgung. Hat er aber nicht, und der Leser \u00e4rgert sich \u00fcber diese Platzvergeudung, zumal er nach der Werner Nekes &#8211; Fu\u00dfnote immer noch nicht wei\u00df, was er mit dieser Querverbindung anfangen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das legt sich. Reichert arbeitet ausgiebig mit solchen Fu\u00dfnoten und bietet nach jedem Kapitel ein bis zwei Seiten &#8222;Materialien&#8220;, auf denen er alles M\u00f6gliche und Unm\u00f6gliche zum Zappa-Umfeld ausbreitet. Und irgendwann erkennt man, da\u00df genau diese Vorgehensweise dem Gegenstand Zappa angemessen ist. Zappa selbst war ein Eklektiker, einer, der sich \u00fcberall bediente, dessen Assoziationsradius nicht begrenzt war. Und Reichert gelingt das gro\u00dfe Kunstst\u00fcck, so zu schreiben, wie Zappa zu komponieren pflegte. Auch genauso subjektiv-ehrlich. Wen Reichert f\u00fcr ein asshole h\u00e4lt, hei\u00dft bei ihm auch so.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende der 160 Seiten sp\u00fcrt man zwar, dass mancher Aspekt der Zappa-Vita etwas ausf\u00fchrlicher h\u00e4tte behandelt werden m\u00fcssen, doch, was viel wichtiger ist, man hat \u00fcber den Aufbau des Textes Zugang zu Zappa selbst erhalten. Das ist selten, das ist ein Kunstst\u00fcck, das wollen wir loben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zu meiner eingangs preisgegebenen pubert\u00e4ren Gedankenwelt. Ich liebte die Musik, und ich ha\u00dfte alle, die sich an ihr vergingen. Ich wei\u00df noch, da\u00df die erste Platte, die ich mir von eigenem Geld kaufte, eine LP mit Beatles-Hits war. Ich habe diese Platte geliebt. Ich habe ALLE meine Platten geliebt. Einmal bekam ich eines der legend\u00e4ren Schallplattenaufbewahrungsalben aus Plastik samt Inhalt geschenkt. Es befanden sich darin u.a. Werke von Jos\u00e9 Feliciano (&#8222;Light my fire&#8220;), der 1910 Fruitgum Company und Heino, und ich habe sogar Heino geliebt, weil ich eben eine Platte von ihm hatte. Und nat\u00fcrlich habe ich mich bei der Lekt\u00fcre von Nick Hornbys &#8222;High Fidelity&#8220; genau daran erinnert und konnte nachempfinden, wie sich der Held f\u00fchlte, dem diese wunderbare Welt abhanden gekommen ist, obwohl er immer noch glaubt, er lebe in ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Genauso mu\u00df es Sky Nonhoff ergangen sein. Und als dann der dtv-Verlag in seiner Reihe &#8222;Kleine Philosophie der Passionen&#8220; sich auch der &#8222;Schallplatten&#8220; entsann, hat sich Herr Nonhoff gedacht, man k\u00f6nne doch auch einmal schreiben, wie das so war, als man zum erstenmal eine Platte von Suzi Quatro gekauft hat. Und wie dann eben alles sich so entwickelt hat. Wie Suzi Quatro pl\u00f6tzlich Velvet Underground hie\u00df. Und Glamrock pl\u00f6tzlich Punk. Und was man so gedacht hat dabei. Und so gef\u00fchlt. Das alles beschreibt Herr Nonhoff ganz nett, und am Ende \u00fcberrascht er uns mit der unvermeidlichen Liste seiner Lieblingsplatten. Und wir lesen das nicht ohne Wohlwollen. Und legen das Buch aus der Hand und denken uns: Sch\u00f6n. Aber das hab ich alles schon vorher gewu\u00dft. Ist uns n\u00e4mlich allen so ergangen. M\u00fcssen wir es tats\u00e4chlich nachlesen? Bei Hornby war es lustig und tragisch zugleich, und es packte uns. Bei Nonhoff ist es artifiziell verbr\u00e4mter Aufgu\u00df &#8211; nicht schlecht gemacht, aber eben, wie wir ebenfalls in der Musikbuchkritikbranche zu sagen pflegen, nichts weiter als blanker Lesezeitvertreib ohne bleibende Sch\u00e4den im Gehirn. Hosenliteratur also. Irgendwie.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem philosophischen Ausklang verabschiede ich mich bis zum n\u00e4chstenmal, wenn es wieder hei\u00dft: Auch ich war einmal jung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den ersch\u00fctterndsten Erfahrungen meiner verbl\u00fchenden Pubert\u00e4t geh\u00f6rte die Erkenntnis, da\u00df ansonsten intelligente Menschen imstande waren, Dummbeutelmusik zu lieben, w\u00e4hrend personifizierte Dummbeutel durchaus einen akzeptablen Musikgeschmack haben konnten. Diese tiefere Einsicht in die Abgr\u00fcnde des Menschseins ersch\u00fctterte meine Weltanschauung, nach der Musik generell in sogenannte Hirnmusik und ebenfalls sogenannte Hosenmusik einzuteilen war. 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