{"id":12081,"date":"2003-05-01T11:11:00","date_gmt":"2003-05-01T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12081"},"modified":"2022-06-06T01:37:00","modified_gmt":"2022-06-05T23:37:00","slug":"musikbuecher-viii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2003\/05\/musikbuecher-viii\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher VIII"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eKomm, Alter, hau mal wieder einen raus!\u201c: Mit diesen (oder ganz anderen) Worten werden mir von Zeit zu Zeit aus wohlmeinender Hand B\u00fccher \u00fcberreicht, und wenn es sich lohnt, lege ich nach der Lekt\u00fcre meine Stirn in Falten und tue das, was man von mir erwartet: Ich haue mal wieder einen raus.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute sind es zwei Neuerscheinungen, die n\u00e4here Betrachtung durchaus verdienen. Ein Roman, der auch ein Sachbuch sein k\u00f6nnte, und ein Sachbuch, das auch ein Roman sein k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/lindquist.jpg\" alt=\"Cover Mark Lindquist\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Hm. Da mir die anfangs erw\u00e4hnten wohlmeinenden H\u00e4nde in den letzten Jahren so manch Machwerk dieser Art \u00fcberreicht haben, bin ich misstrauisch geworden. Und war es auch, als man mir <strong>Mark Lindquists<\/strong> Roman \u201eNever Mind NIRVANA\u201c ans Herz legte. Schon dieser Titel! Und dann erst das Umschlagbild! (Wer die entsprechende Nirvanascheibe kennt, wird sich auch dieses Umschlagbild vorstellen k\u00f6nnen.). Zu erfahren, besagter Lindquist sei jetzt Jurist und habe mal etwas mit einer gewissen Molly Ringwald gehabt (nie geh\u00f6rt den Namen), und das PEOPLE MAGAZINE habe ihn zu einem der hundert begehrtesten Junggesellen der USA gew\u00e4hlt \u2013 dies zu erfahren, war mir fast schon zu viel. Aber dann hab ich das Buch doch gelesen \u2013 und es nicht bereut.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas Grunds\u00e4tzliches dazu vorweg: Leser erwarten von Musikb\u00fcchern die objektive Darstellung von Sachverhalten, die journalistische Aufarbeitung von Ereignissen oder, bei Lexika, den enzyklop\u00e4disch \u2013 analytischen Blick. Eines erwarten sie nicht: Das Haupt des Autors, das sich pl\u00f6tzlich aus all den Fakten und scheinbaren Objektivit\u00e4ten erhebt. Nun ist es aber so, dass bestimmte Themen nicht in diese reine Form einer Abbildungsschablone passen. Bestes und folgenreichstes Beispiel ist Nick Hornbys Roman \u201e<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/buch\/h\/hornby.php\">High Fidelity<\/a>\u201c. Jeder kennt ihn. Es ist ein Roman, der eigentlich auch ein Sachbuch sein k\u00f6nnte, ein Sachbuch zum gro\u00dfen Thema \u201eWie werden Popfans eigentlich mit dem Leben im Allgemeinen und dem \u00c4lterwerden im Besonderen fertig?\u201c. Hornbys gro\u00dfes Verdienst bestand darin, etwas sehr Biografisch-Subjektives verfasst zu haben, das im Kopf und der Erinnerung des Lesers wiederum etwas Biografisch-Subjektives ausl\u00f6st und damit, als Summe der Leserreaktionen, durchaus wieder objektiv wird. Ein ungeschriebenes Sachbuch, sozusagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hornbys Roman hatte Folgen, nicht zuletzt von Hornby selbst, aber auch, und das war in der Regel kein Vergn\u00fcgen, von manch anderem, der hier ein Strickmuster abzukupfern gedachte, mit dem sich locker und leicht so mancher Silberling machen lie\u00df. Das Strickmuster hie\u00df: Ich schreib halt mal auf, was ich so fr\u00fcher f\u00fcr Musik geh\u00f6rt hab und wie ich dabei so M\u00e4dchen flachgelegt hab oder auch nicht. Und wenn ich zum Beispiel den Satz schreibe \u201eBei Canned Heats <em>&#8218;On the road again<\/em>&#8218; haben wir immer Franz\u00f6sischvokabeln gelernt\u201c, dann schreien mindestens 5000 Leser: \u201eWir auch!\u201c. Und schon habe ich Identit\u00e4t gestiftet und rein generationsromantechnisch unsere Meriten erworben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei fast allen guten Romanen ist auch bei Lindquists Buch die Handlung rasch erz\u00e4hlt: Pete, der Held, lebt in Seattle und hat in einer \u2013 ratet mal \u2013 Grungeband gespielt. Die hat eine einzige CD zustande gebracht und ist dann auseinander gebrochen. Pete studierte Jura und arbeitet zum Zeitpunkt der Handlung als stellvertretender Staatsanwalt. Sein aktueller Fall ist prek\u00e4r: Ein Bekannter aus alten Tagen (den \u201ebad old days\u201c), ebenfalls Grungebandmitglied, ist wegen Vergewaltigung angeklagt, und Pete soll das Verfahren durchziehen. Daneben \u2013 und eigentlich ist das die Haupthandlung \u2013 verbringt Pete seine Freizeit in diversen Clubs, organisiert One-Night-Stands, h\u00e4lt sich eine \u00fcberschaubare Menge verf\u00fcgbarer Freundinnen und m\u00f6chte ganz gern erwachsen werden, das hei\u00dft: endlich heiraten. Wenn man blo\u00df w\u00fcsste wen. Das Ende des Romans bleibt in jeder Hinsicht offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich dieses Buch aus dem Blickwinkel des Musikbuchkritikers betrachte, bezieht es seinen Reiz aus der Schilderung des Postgrunge-Seattle. Es werden auch gen\u00fcgend Namen renommierter Bands genannt, und ein Liebhaber des Genres kommt auf seine Kosten, keine Frage.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Blick des Romankritikers ist ein anderer. Lindquists Werk ist vom Erz\u00e4hlerischen her ein sehr schnelles, sprachlich asketisches. Das hat Vorteile, weil es sich damit auch schnell liest. Doch gelingt es dem Autor, dieses nat\u00fcrliche Ph\u00e4nomen in eine Sogwirkung umzum\u00fcnzen? Oder, anders: Haut hier einer nur ganz hektisch in die Saiten seiner Gitarre \u2013 oder rei\u00dft es mich mit?<\/p>\n\n\n\n<p>Letzteres. Lundquist braucht keine drei\u00dfig Seiten, um die Person des Pete zu zeichnen. Noch schneller ist er bei dem reichlich vorhandenen Nebenpersonal. Da gelingt es ihm manchmal, Schicksale auf einer halben Seite abzuhandeln, ohne dass man denkt, etwas sei ungesagt geblieben. Dies kann nur gelingen, weil sich das so beschriebene Personal in unseren lesenden Gehirnen quasi von seinem engen Grungekontext verabschiedet und sich andere Wirtsumgebungen sucht. Mir jedenfalls kommen all diese Personen irgendwo zwischen Alternativbleiben und B\u00fcrgerlichwerden, zwischen \u201eMit 18 King Crimson geh\u00f6rt\u201c und \u201eMit 40 ein Phil Collins \u2013 Konzert besucht\u201c, ebenso furchtbar bekannt vor wie all die gescheiterten Existenzen und Verdr\u00e4nger, von denen es in Lindquists Roman nur so wimmelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Pete selbst ist keine gescheiterte Existenz. Ein erfolgreicher Jurist auf der einen, ein ziemlich irrlichternder Junge auf der anderen Seite. Spannend ist es, die \u00dcbergange zu beobachten. Dieser Pete ist der Prototyp des Rockliebhabers: fr\u00fcher automatisch antib\u00fcrgerlich, heute, genauso automatisch, im Fahrwasser einer angepassten Existenz. Dar\u00fcber h\u00e4tte man auch ein Sachbuch schreiben k\u00f6nnen; sch\u00f6n, dass Lindquist es nicht getan hat.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/mcdonnell.jpg\" alt=\"Cover Bj\u00f6rk-Bio\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das zweite Werk, an dem wir ein genrem\u00e4\u00dfiges Crossover feststellen k\u00f6nnen, stammt aus dem r\u00fchrigen und noch jungen Verlag \u201eorange press\u201c und ist die deutsche \u00dcbersetzung des urspr\u00fcnglich als e-book ver\u00f6ffentlichten Buches \u201e<em>Bj\u00f6rk<\/em>\u201c von <strong>Evelyn McDonnell<\/strong>. Mit der isl\u00e4ndischen Elfe als Thema kann man eigentlich nichts falsch machen; man kann aber von einem Klischee ins andere h\u00fcpfen. Das Bild von der \u201eisl\u00e4ndischen Elfe\u201c ist nur eines davon. McDonnell, Mitherausgeberin der an dieser Stelle wohlwollend aufgenommenen Anthologie \u201e<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/musikbuch1.php\">Rock She Wrote<\/a>\u201c und renommierte Musikkritikerin, tappt erfreulich selten in solche Fallen. Dies vor allem, weil Bj\u00f6rk f\u00fcr sie ein Ph\u00e4nomen ist, das erst durch die Brechung in der eigenen Biografie entsteht. Wenn McDonnell Bj\u00f6rk analysiert, analysiert sie immer auch sich selbst \u2013 und umgekehrt. Damit entwirft sie ein zwar nicht v\u00f6llig neues, aber doch in wesentlichen Nuancen anderes Bild des \u2013 Achtung, Klischee \u2013 Vulkans aus Reykavik. Zum Buch geh\u00f6rt auch ein l\u00e4ngeres, zweisprachig wiedergegebenes Interview mit Bj\u00f6rk. Manchmal sprudelt dabei der \u2013 na? \u2013 Geysir der modernen Musik a bisserl zu versponnen, aber insgesamt mit Gewinn zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>So; und jetzt noch ein paar Kleinigkeiten, frei nach dem Motto: Was mir sonst noch so zulief.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/wanda.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nennen wir zuv\u00f6rderst <strong>J\u00fcrgen Wandas<\/strong> schwergewichtiges \u201e<em>Musiklexikon zur Gegenwart der Stars von gestern\u201c, \u201eYesterday\u2019s Hero \u2013 2001<\/em>\u201c betitelt. Es geht, wie in den meisten Ver\u00f6ffentlichungen des Starcluster Verlags, besonders um Diskografisches, so dass man keine gro\u00dfen Textleistungen erwarten darf. Wer sich aber daf\u00fcr interessiert, was Mouth &amp; McNeal, Fleetwood Mac oder \u2013 \u00e4chz \u2013 The Wombles heute so produzieren, wird hier gut bedient.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Schluss noch zwei Erzeugnisse aus der gro\u00dfen Rubrik \u201eEin runder Geburtstag ist das beste Verkaufsargument\u201c. Ja, tats\u00e4chlich, stimmt: Jimi Hendrix w\u00e4re am 27. November 2002 60 Jahre alt geworden. Grund f\u00fcr den Hannibal Verlag, die Neuauflage der ultimativen Hendrix \u2013 Biografie in Deutsch zug\u00e4nglich zu machen. <strong>Charles Shaar Murray<\/strong> hei\u00dft der Autor von \u201e<em>Jimi Hendrix \u2013 Sein Leben, seine Musik, sein Verm\u00e4chtnis<\/em>\u201c. Uneingeschr\u00e4nkt empfehlenswert, auch und gerade, weil Murray sehr weit ausholt und Hendrix \u00fcber lange Strecken gar nicht vorkommt. Wir erfahren viel \u00fcber Blues, Soul, die Sechziger etc., und wenn wir schon glauben, im falschen Buch zu sein, kommt er doch wieder, der Meister der Stratocaster, und wir merken pl\u00f6tzlich, dass er eigentlich die ganze Zeit da war. Ein wohltuendes Werk.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/schaefer.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Auch nicht schlecht: \u201e<em>A Tribute To Jimi Hendrix<\/em>\u201c, herausgegeben von <strong>Frank Sch\u00e4fer<\/strong>. Altes und Neues zum Geburtstagskind, manches knapp journalistisch, anderes ausf\u00fchrlicher fiktiv. Tendenz auch hier: Welche Rolle hat Jimi in meinem Leben gespielt? Wie war das doch damals, als wir auf der Schultoilette usw usf. F\u00fcr Fans ein Muss. Enth\u00e4lt \u00fcbrigens einen h\u00fcbschen Beitrag von Matthias Penzel. Den erw\u00e4hne ich hier besonders gerne, weil Penzel auch das Lektorat bei Lindquists Roman besorgt hat und ihm jene wohlmeinenden H\u00e4nde geh\u00f6ren, die mir das B\u00fcchlein haben zukommen lassen. Irgendwann schlie\u00dft sich jeder Kreis.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bibliografie:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Mark Lindquist: Never Mind NIRVANA. Braunschweig (German Publishing) 2003, 280 Seiten, \u20ac11,80<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Evelyn McDonnell: Bj\u00f6rk. Freiburg (orange press) 2002, 155 Seiten, \u20ac15<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">J\u00fcrgen Wanda: Yesterday\u2019s Hero. Das Musiklexikon zur Gegenwart der Stars von gestern. Balve (StarCluster) 2002, 292 Seiten, Preis \u2013 \u00e4h, hab ich verschlampt; so \u20ac29,90, glaub ich.<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Charles Shaar Murray: Jimi Hendrix. Sein Leben, seine Musik, sein Verm\u00e4chtnis. H\u00f6fen (Hannibal) 2003, 407 Seiten, \u20ac24,90<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Frank Sch\u00e4fer (Hrg.): A Tribute to Jimi Hendrix. Berlin (Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf) 2002, 255 Seiten, \u20ac12,90<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKomm, Alter, hau mal wieder einen raus!\u201c: Mit diesen (oder ganz anderen) Worten werden mir von Zeit zu Zeit aus wohlmeinender Hand B\u00fccher \u00fcberreicht, und wenn es sich lohnt, lege ich nach der Lekt\u00fcre meine Stirn in Falten und tue das, was man von mir erwartet: Ich haue mal wieder einen raus. 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