{"id":12083,"date":"2003-05-27T11:11:00","date_gmt":"2003-05-27T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12083"},"modified":"2022-06-06T01:36:36","modified_gmt":"2022-06-05T23:36:36","slug":"musikbuecher-ix","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2003\/05\/musikbuecher-ix\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher IX"},"content":{"rendered":"\n<p>Erfreulich. Zur Zeit werde ich mit deutschen Produkten aus der gro\u00dfen Familie Rockliteratur beinahe zugeworfen. Und weil ich manchmal bei all dem Beschuss mal zur\u00fcck schie\u00dfen muss, gibt\u2019s hier eine Auswahl besonders lesenswerter Neuerscheinungen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit Bj\u00f6rk. Yep, alles klar; die hatten wir erst letztes Mal. Scheint aber in Deutschland so langsam Kult zu werden (yo, alles wird Kult; sogar M\u00dcLLER MILCH). Nachdem an dieser Stelle schon <a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/musikbuch8.php#bjoerk\">Evelyn McDonnalls Bj\u00f6rk-Werk<\/a> empfohlen wurde, geht es nun um \u201e<em>Human Behaviour<\/em>\u201c von <strong>Ian Gittins<\/strong>, ein Buch, dessen Untertitel \u201eDie Story zu jedem Song\u201c Auskunft \u00fcber die Machart des Textes gibt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/gittins.jpg\" alt=\"Buch-Cover Evelyn McDonnall - Human Behaviour\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Tja, und eigentlich mag ich solche B\u00fccher nicht. Besonders im englischsprachigen Raum sind sie weit verbreitet und kranken zumeist an dem Umstand, dass Vollst\u00e4ndigkeit Pflicht ist. F\u00e4llt dir also zu einem Song partout nix ein (vielleicht weil es objektiv nichts Nennenswertes dazu zu sagen gibt), musst du dennoch ein paar Zeilen absondern. Ziemliche Dr\u00f6gheit ist die unausweichliche Folge, etwas auch, das unsere Vorfahren eine \u201everdammt l\u00e4ngliche Lekt\u00fcre\u201c zu nennen pflegten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfreulicherweise hebt sich \u201eHuman Behaviour\u201c von diesen eher missvergn\u00fcglichen Flei\u00dfarbeiten ab. Der Autor beginnt mit dem Jugendwerk der quirligen Isl\u00e4nderin (aufgenommen im zarten Alter von 11), begutachtet das Oeuvre der Sugarcubes nebst anderer Bands, die sich die Bj\u00f6rkschen Dienste gesichert hatten, und gelangt schlie\u00dflich zum eigentlichen Bj\u00f6rk-Katalog, der auch seltene B-Seiten und alternative Songversionen nicht ausschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kommt alles sch\u00f6n sachlich und korrekt daher, ist nie geschw\u00e4tzig, nie pseudopsychologisch und, ganz nebenbei, h\u00fcbsch faktisch. So macht das \u201eSong f\u00fcr Song\u201c \u2013 Prinzip Sinn. Dar\u00fcber hinaus bietet das gro\u00dfformatige Buch reizende Fotoansichten der mit 190.000 isl\u00e4ndischen Kronen skandal\u00f6s unterbewerteten K\u00fcnstlerin (Wer diese Wertangabe nicht versteht, der behalte sie bitte im Hinterkopf und lese wacker weiter.). So ist der Preis von 24,90 gerechtfertigt. Dem verantwortlichen Verlag \u201erockbuch\u201c, der \u00c4hnliches auch schon f\u00fcr die Stones, Beatles und andere geleistet hat, kann man f\u00fcr die Zukunft nur weiterhin ein gl\u00fcckliches H\u00e4ndchen w\u00fcnschen. Ich brauche kaum zu erw\u00e4hnen, dass, sollte man einmal Joni Mitchell oder Steely Dan einer genaueren Songanalyse f\u00fcr w\u00fcrdig befinden, es aus den Tiefen der HINTERNET-Redaktionsb\u00fcros laut \u201eDas schreib aber ich!\u201c rufen wird.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/moby-replay.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Weniger geeignet sehe ich mich dagegen zur Analyse von Leben und Schaffen des Herrn Moby, so dass mir <strong>Martin James<\/strong> mit &#8222;<em>Moby Replay<\/em>&#8222;diese Arbeit abgenommen hat. Der Nachfahre Herman Melvilles (\u201eMoby Dick\u201c) und Busenfeind Eminems z\u00e4hlt zu den angenehmeren Erscheinungen der Dance- und Technoszene, weil man bei ihm stets merkt, dass hinter allen Beats, Loops und wei\u00df der Geier, wie das alles noch hei\u00dft, ein denkender Kopf steckt, nicht nur ein rotierendes Becken (das sicher auch).<\/p>\n\n\n\n<p>James arbeitet nach dem traditionellen Bio-Prinzip: Chronologisch, viele Zitate, die sich aus l\u00e4ngeren Gespr\u00e4chen mit dem Gegenstand der Bioarbeit destillieren lie\u00dfen. Ist nichts dagegen einzuwenden. Manch tiefere Einsicht in das Gesch\u00e4ft Dance\/Techno l\u00e4sst sich dabei gewinnen, und die Ansichten des Herrn Moby sind so dumm nicht, wenn auch gelegentlich eine Spur zu schwerphilosophisch. F\u00fcr Freunde des Genres eine Pflichtlekt\u00fcre.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/cody.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>So. Und jetzt noch schnell zwei Werke der erz\u00e4hlenden Literatur. Zun\u00e4chst <strong>Liza Cody<\/strong>s Roman \u201e<em>Gimme More<\/em>\u201c. Hier gibt es nur eins: Sofort kaufen, sofort lesen. Ein extrem vielschichtiges Buch f\u00fcr Leute, die beim Lesen gerne denken. So vielschichtig, dass ich hier nur kurz auf das Rockrelevante eingehen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Heldin Birdie Walker ist eine Rockwitwe im Stile Courtney Loves und Yoko Onos. Gehasst und ge\u00e4chtet, l\u00e4cherlich gemacht: Dabei war sie ihrem Mann und Superstar Jack stets mehr als nur Muse. Viele der Jacksongs hat sie initiiert oder zu Ende geschrieben, ohne daf\u00fcr die verdienten credits zu erhalten. Jetzt geht es Birdie reichlich dreckig. Sie arbeitet als Talentscout und macht manch englisches Pfund nebenbei mit kleinen Betr\u00fcgereien (deren Schilderung alleine schon ihr Geld wert sind).<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich Jacks Todestag wieder einmal gesch\u00e4ftstr\u00e4chtig rundet, tauchen die Aasgeier der Branche bei Birdie auf, um ihr ein legend\u00e4res Video und bislang unver\u00f6ffentlichtes Tonmaterial abzuluchsen. Ja, und damit beginnt der Reigen. Wir tauchen ein in die dreckige Welt des Business, betrachten uns angeekelt die \u00dcberlebenden fr\u00fcherer Rockherrlichkeit \u2013 und werden mit einem ebenso \u00fcberraschenden wie doch logischen Schluss belohnt. Also lesen, lesen, lesen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><a href=\"#helgason\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/helgason.jpg\" alt=\"Cover 101 Reykjavik\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Und weil wir schon einmal dabei sind: Lesen, lesen, lesen: Das gilt nach wie vor f\u00fcr <strong>Hallgrimur Helgasons<\/strong> Roman \u201e<em>101 Reykjavik<\/em>\u201c. Dessen deutsche \u00dcbersetzung stammt aus dem Vorjahr und wurde euch von mir ja schon als passendes Weihnachtsgeschenk ans Herz gelegt. Jetzt, beim Wiederlesen, ist mir der Rockbezug dieses Romans erst so richtig aufgefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Held, ein, wie sagt man doch?, Tunichtgut, verbringt seine Zeit auf gut Isl\u00e4ndisch mit Feiern, Kiffen, V\u00f6geln und Saufen. Auch taxiert er Frauen in isl\u00e4ndischer W\u00e4hrung (jetzt kommt der Bezug zu Bj\u00f6rk, siehe oben). Eine Nacht mit Camilla Parker Bowles w\u00e4re ihm 2500 isl\u00e4ndische Kronen wert, eine mit Bj\u00f6rk die schon erw\u00e4hnten 190.000. Die Fragw\u00fcrdigkeit der ganzen Geschichte geht einem aber erst auf, wenn man liest, dass es Pamela Anderson auf sehr stolze 4.700.000 bringt, 200.000 mehr als Madonna und die Jungfrau Maria. Ein h\u00fcbsches S\u00fcmmchen, f\u00fcr das man auf Island mehrere Pizzas essen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Und immer wieder Rockmusik: \u201eEin dreiundzwanzig Jahre altes Gitarrensolo fetzt durch den Raum&#8230;\u201c \u2013 \u201eAus den Lautsprechern Rockmusik vom vorigen Jahrhundert, abgenutzte Kl\u00e4nge, als h\u00e4tte man die Platten bei arch\u00e4ologischen Grabungen gefunden: Black Sabbath, Deep Purple, Led Zeppelin.\u201c Undsoweiter. Durchg\u00e4ngig. Da ich gerade wieder geh\u00f6rt habe, uns erwarte heute \u201eSchwerregen\u201c, m\u00f6chte ich f\u00fcr \u201e101 Reykjavik\u201c halt auch eine Schwerempfehlung abgeben. Und nun lest mal sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bibliografie:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ian Gittins: Bj\u00f6rk. Human Behaviour. Die Story zu jedem Song. Schl\u00fcchtern (rockbuch) 2003, 144 Seiten mit zahlreichen Farbabb., Gro\u00dfformat, \u20ac24,90<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Martin James: Moby Replay. Sein Leben und Schaffen. H\u00f6fen (Hannibal) 2003, 236 Seiten, \u20ac17,90<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Liza Cody: Gimme More. Z\u00fcrich (Unionsverlag) 2003, 380 Seiten, \u20ac19,90<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Hallgrimur Helgason: 101 Reykjavik. Stuttgart (Klett Cotta) 2002, 440 Seiten, \u20ac22,-<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfreulich. Zur Zeit werde ich mit deutschen Produkten aus der gro\u00dfen Familie Rockliteratur beinahe zugeworfen. 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