{"id":12086,"date":"2002-09-17T11:11:00","date_gmt":"2002-09-17T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12086"},"modified":"2022-06-06T01:36:12","modified_gmt":"2022-06-05T23:36:12","slug":"musikbuecher-x","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/09\/musikbuecher-x\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher X"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Das eine: gew\u00f6hnliche Broschur mit Klebebindung, handliches Format, 255 Seiten auf normalem Papier.<\/p>\n\n\n\n<p>Das andere: volumin\u00f6se Schwarte in Leinen mit Leseb\u00e4ndchen, Gigantenformat und nur von einem Gewichtheber unfallfrei nach Hause zu tragen, 625 Seiten auf dickstem Papier.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass mir beide B\u00e4nde akkurat zur selben Zeit zugeflattert sind, ist Zufall. Aber ein bedeutungsschwerer. Denn in dem kleinen bescheidenen Buch wird das beschrieben, was den Helden des gro\u00dfen Buches erst m\u00f6glich gemacht hat. Es ist nichts weniger als die Keimzelle der Popmusik, das Ei, aus dem sie alle schl\u00fcpften, die gestern, heute und morgen im Rampenlicht standen, stehen und stehen werden. Die Eierschalen bleiben achtlos liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fangen wir also mit dem kleinen Buch an. Es hei\u00dft \u201eBlues People. Von der Sklavenmusik zum Bebop\u201c und stammt von Amiri Baraka, der es 1963 schrieb. 1969 erschien es erstmals in deutscher \u00dcbersetzung, war fortan allenfalls noch antiquarisch zu erwerben und kommt nun, 2003, dank der wie immer voll im Saft stehenden orange press abermals in deutsche Leserh\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/baraka.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Um es vorweg zu sagen: \u201eBlues People\u201c ist kein enzyklop\u00e4disches Werk, kein name dropping mit 200 Seiten Diskografie. Sondern ein Buch, das, indem es die Sozialgeschichte der nordamerikanischen Schwarzen erz\u00e4hlt, deren Musik im Hintergrund laufen l\u00e4sst und, indem es diese Musik aus dem Hinter- in den Vordergrund holt, tief in die Seelen ihrer Sch\u00f6pfer und H\u00f6rer eindringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Baraka beschreibt die Entwicklung des Blues, seine allm\u00e4hliche Verst\u00e4dterung und Vermarktbarkeit, er schildert, welche sozialen Gegebenheiten urs\u00e4chlich daf\u00fcr verantwortlich waren, dass sich diese Musik verzweigte und weiter entwickelte, Jazz wurde, zu einem Beutegut der Wei\u00dfen und dann wieder zu einer Quelle der Inspiration f\u00fcr die Schwarzen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBlues People\u201c ist das seltene Beispiel f\u00fcr ein Buch, das nicht an Spannung verliert, obwohl man den eigentlichen Clou der Story schon kennt, bevor man zu lesen begonnen hat. Und dieser Clou ist nat\u00fcrlich, dass die Erzeuger der ersten und wohl wichtigsten kulturellen Leistung der nordamerikanischen Bev\u00f6lkerung letzten Endes die Betrogenen waren. Aber was hei\u00dft \u201eletzten Endes\u201c. Von Anfang an machen die Schwarzen die Musik und die Wei\u00dfen das Geld aus dieser Musik. Bis heute. Von einigen Alibigestalten wie Michael Jackson abgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines ist schade: Barakas Buch endet mit dem Bebop, was \u201eBlues People\u201c trotz der Zeitlosigkeit der Analyse nicht unbedingt zu einem aktuellen Werk macht. Stoff f\u00fcr Nachfolger.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/hendrickx.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Was nun der Belgier Marc Hendrickx mit \u201eElvis A. Presley. Die Musik, der Mensch, der Mythos\u201c an Biografie vorlegt, ist ein Werk der Superlative. Schon das Format, das schiere Gewicht des Buches k\u00fcndet von Endg\u00fcltigem. Kein halbwegs wichtiges Ereignis wird ausgelassen, kein noch so herziges Bildchen fehlt, jeder noch so beil\u00e4ufige Ton aus der Elviskehle findet seine W\u00fcrdigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zum gro\u00dfen Buch. Es ist dem Leben und Werk eines Mannes gewidmet, von dem nicht wenige behaupten, er habe \u2013 bei allem eigenen Talent \u2013 doch nur auf den Schultern der schwarzen Riesen des Rock\u2019n\u2019Roll gestanden: Elvis Presley.<\/p>\n\n\n\n<p>Was nun der Belgier Marc Hendrickx mit \u201eElvis A. Presley. Die Musik, der Mensch, der Mythos\u201c an Biografie vorlegt, ist ein Werk der Superlative. Schon das Format, das schiere Gewicht des Buches k\u00fcndet von Endg\u00fcltigem. Kein halbwegs wichtiges Ereignis wird ausgelassen, kein noch so herziges Bildchen fehlt, jeder noch so beil\u00e4ufige Ton aus der Elviskehle findet seine W\u00fcrdigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mich langweilen solche Detailhubereien selbst bei K\u00fcnstlern, die mir n\u00e4her stehen als Elvis. Aber die Elvisfans werden dieses Buch nat\u00fcrlich lieben und das zurecht. Der Autor verehrt seinen Gegenstand, das ist klar. Dass er dennoch redlich versucht, sich ihm als \u201eobjektiver Journalist\u201c zu n\u00e4hern, Mythen zu entzaubern, L\u00fcgner blo\u00dfzustellen und Missverst\u00e4ndnisse auszur\u00e4umen, das ehrt ihn. Ob es ihm gelungen ist, dar\u00fcber m\u00f6ge die Elvis-Forschung der n\u00e4chsten Jahre streiten. Ich bin zum Schluss nur ein ganz klein wenig fies und w\u00fcnsche mir f\u00fcr die n\u00e4chste Zukunft ein zehn-Kilo-Werk \u00fcber Chuck Berry, Little Richard und Konsorten. Nur mal so zum Ausgleich.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/musik\/buch\/images\/ccr.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Tja, und ganz zum Schluss noch ein Schmankerl f\u00fcr alle Freunde der bl\u00f6dsinnigen Weisheit \u201eEin Bild sagt mehr als tausend Worte\u201c. Didi Zill, szenebekannter Fotograf, hat sein Archiv mit Fotos von Creedence Clearwater Revival ge\u00f6ffnet und ein opulentes Bilderbuch daraus fertigen lassen. Wir sehen dort viele, viele Aufnahmen der Band und ihrer einzelnen Mitglieder: auf der B\u00fchne, im Studio, in der freien Natur, beim Gokartfahren oder \u2013 meistens \u2013 einfach in die Zillsche Kamera grinsend.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll ja Leute geben, die sich 200 Seiten mit Nacktfotos von Susan Stahnke betrachten k\u00f6nnen und selbst auf Seite 200 noch \u201eerregt\u201c sind. Genauso mag es Fans von CCR ergehen, wenn sie endlich am Ende des fast 300 Seiten starken Buches angelangt sind. Auch das ist nicht mein Ding, aber die Fans wird\u2019s nicht jucken. Zu Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Das CCR-Buch ist noch schwerer als das \u00fcber Elvis. Aber nicht so dick.<\/p>\n\n\n\n<p>P.P.S.: Nat\u00fcrlich h\u00e4tte es auch CCR ohne die Schwarzen nie gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bibliografie:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Amiri Baraka: Blues People. Von der Sklavenmusik zum Bebop. Freiburg (orange press) 2003, 255 Seiten, 15 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Marc Hendrickx: Elvis A. Presley. Die Musik, der Mensch, der Mythos. H\u00f6fen (Hannibal) 2003, 625 Seiten, 65 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Didi Zill: Creedence Clearwater Revival. Berlin (Schwarzkopf und Schwarzkopf) 2003, 290 Seiten, 49,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das eine: gew\u00f6hnliche Broschur mit Klebebindung, handliches Format, 255 Seiten auf normalem Papier. 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