{"id":12091,"date":"2004-10-11T11:11:00","date_gmt":"2004-10-11T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12091"},"modified":"2022-06-06T01:37:12","modified_gmt":"2022-06-05T23:37:12","slug":"musikbuecher-xi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/10\/musikbuecher-xi\/","title":{"rendered":"Musikb\u00fccher XI"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Bis Butler James wieder \u00fcber&#8217;s Tigerfell stolpert, sind es noch etliche Wochen hin, in denen viel passieren kann: Vielleicht wird endlich die Deutschquote im Radio eingef\u00fchrt und wir d\u00fcrfen nicht nur angloamerikanischen, sondern auch deutschen Hitparadenschrott genie\u00dfen. Oder, who knows, HINTERNET startet einen neuen, spannenden Fortsetzungskrimi. Mag da kommen was will, eines steht jetzt schon fest: Mein nicht nur Musik-Lieblingsbuch 2004 hei\u00dft &#8222;Please kill me. Die unzensierte Geschichte des Punk.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Deutschen Lesern, die mit &#8222;Verschwende deine Jugend&#8220; von J\u00fcrgen Teipel bereits die Story der NDW eingesogen haben, wird die Machart von &#8222;Please kill me&#8220; bekannt vorkommen: Das Buch besteht aus lauter Stimmen, ohne Zwischenkommentare, ohne Wertungen, ohne den Versuch, dem Ganzen eine Art objektiver Geschichtsschreibung \u00fcberzust\u00fclpen. Und tats\u00e4chlich war die 1996 erschienene englische Originalausgabe die Blaupause f\u00fcr &#8222;Verschwende deine Jugend&#8220;, &#8222;oral history at its best&#8220;, wie der Geschichtsprofessor sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Please kill me&#8220; erz\u00e4hlt die Story des amerikanischen Punk, und es mag einige Leser \u00fcberraschen, dass die Wurzeln des Genres eben NICHT in England liegen, sondern jenseits des Atlantik. Seinen Namen hat der Punk \u00fcbrigens von einem Fanzine, und einer der Herausgeber von PUNK, Legs McNeil, ist auch der Co-Autor von &#8222;Please kill me&#8220;. Soviel zum Thema Kompetenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer kommt nun zu Wort? Sage und schreibe 228 Personen, Bekannte wie Unbekannte, von denen bezeichnenderweise \u00fcber 40 bei Drucklegung der deutschen \u00dcbersetzung bereits das Zeitliche gesegnet hatten, weitere (Robert Quine, Johnny Ramone) sind inzwischen dazugekommen. Wer nun das Buch liest, ist davon nicht \u00fcberrascht, denn das Leben der Punks war eine einzige Wahnsinnsfahrt Richtung Tod, angetrieben von Heroin und sonstigen Perversit\u00e4ten, an deren Beschreibung hier nicht gespart wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles beginnt mit Andy Warhol und VELVET UNDERGROUND, THE MC5 und Iggy Pop mit seines STOOGES legen schlie\u00dflich den Samen in den New Yorker Boden, aus dem dann ab Mitte der Siebziger etwa mit den NEW YORK DOLLS, TELEVISION, den RAMONES und vielen, vielen anderen eine Musik w\u00e4chst, die wie keine andere zuvor und danach den hehren Kunstanspruch, mit dem sie uns alle kommen, die zweit- bis drittklassigen Kehlkopfqu\u00e4ler und Gitarrenhengste, ad absurdum f\u00fchrte und stattdessen ein ebenso exzessives wie letztlich sinnloses Leben in ebensolche T\u00f6ne verwandelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist dieses Sittengem\u00e4lde mit seinen teilweise unglaublichen Einzelheiten, die das Buch mit seinen 500 Seiten zu einer atemlosen Lekt\u00fcre werden lassen. Dass Lou Reed ein Arschloch ist, Iggy Pop f\u00fcr eine Ladung Heroin seine Mutter verkauft h\u00e4tte, Joey Ramone zeitweise als Stricher arbeitete und Patti Smith eine dumme, karrieregeile Kuh war &#8211; das sind die harmlosen Dreingaben. Wer den Punk verstehen will &#8211; und auch, warum er rasch vor die Hunde gehen musste -, der lese dieses Buch. Gro\u00dfe Literatur, die wahrscheinlich bald verfilmt wird. Aber der Film im Kopf wird immer der beste bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Iggy Pop als Vater des Punk, das ist nun keine sensationelle Behauptung. \u00dcberraschender, dass er wohl auch zu den Taufpaten einer Musik geh\u00f6rte, die Anfang der Achtziger schwarzgekleidete und stark geschminkte Jungs auf die B\u00fchnen kickte: Gothic Rock. Dave Thompson hat nun die Geschichte dieser Musik geschrieben, deren Protagonisten THE CURE, BAUHAUS, JOY DEVISION, THE CULT oder Nick Cave hie\u00dfen. Sehr konventionell und chronologisch geht Thompson dabei vor, faktenreich und nie um ein Anekd\u00f6tchen verlegen. Das liest sich selbst f\u00fcr jemanden wie mich angenehm, der ich kaum als Anh\u00e4nger des Gothic Rock bekannt bin, wiewohl mir die h\u00e4ufigen Hinweise wie &#8222;belegte damit Platz 128 der britischen Charts&#8220; ab Seite 150 denn doch etwas auf den Geist gingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr schon, ich gebe es zu, schl\u00e4gt mein Herz f\u00fcr einen wie Frank Zappa. Nicht f\u00fcr dessen Gesamtwerk, bewahre, aber der Mann hat tolle Sachen gemacht und streckte seine Nase stets \u00fcber den Tellerrand des modischen Rock hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;In eigenen Worten&#8220; verk\u00fcndet er in einem j\u00fcngst erschienenen B\u00e4ndchen seine Ansichten zu allem und nichts, und das ist nat\u00fcrlich H\u00e4ppchenliteratur f\u00fcr zwischendurch, solide aufgemacht, mit biografischen Details des Herausgebers und einem Vorwort von Vaclav Havel versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mir nicht vorstellen, dass es f\u00fcr einen Menschen wie Zappa angenehm sein k\u00f6nnte, mit seinem verbalen Unfug der Sechziger und Siebziger konfrontiert zu werden. F\u00fcr den Leser mag es allemal hilfreich sein, eine sehr turbulente Zeit mit ihren teilweise bizarren Ansichten einzuordnen. Dass es gerade diese Mischung aus verquerer Ideologie, naivem Idealismus und manchmal ganz gescheiten \u00c4u\u00dferungen war, gegen die der Punk aufgestanden ist, f\u00fchrt uns von Zappa geradenwegs zur\u00fcck zu &#8222;Please kill me&#8220;. Perverser kann ein Weihnachtsgeschenk nicht sein, Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Bibliografie:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Legs McNeill und Gillian McCain: Please kill me.\nDie unzensierte Geschichte des Punk.\nHannibal 2004, 509 Seiten, \u20ac25,90 \nEnglische Ausgabe:\nLegs McNeill und Gillian McCain: Please kill me.\nPenguin Books 1997, 496 Seiten, \u20ac14,50<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Dave Thompson: Schattenwelt.<br \/>Helden und Legenden des Gothic Rock.<br \/>Hannibal 2004, 423 Seiten, \u20ac19,90<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">\nBarry Miles (Hrg.): Frank Zappa in eigenen Worten.\nPalmyra 2004, 125 Seiten, \u20ac9,90<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis Butler James wieder \u00fcber&#8217;s Tigerfell stolpert, sind es noch etliche Wochen hin, in denen viel passieren kann: Vielleicht wird endlich die Deutschquote im Radio eingef\u00fchrt und wir d\u00fcrfen nicht nur angloamerikanischen, sondern auch deutschen Hitparadenschrott genie\u00dfen. 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