{"id":12097,"date":"1996-06-29T11:11:00","date_gmt":"1996-06-29T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12097"},"modified":"2022-06-06T00:40:36","modified_gmt":"2022-06-05T22:40:36","slug":"nick-hornby-high-fidelity","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/06\/nick-hornby-high-fidelity\/","title":{"rendered":"Nick Hornby: High Fidelity"},"content":{"rendered":"\n<p>Das ist meine Top 5 der &#8222;Romane, um die ich einen gro\u00dfen Bogen mache&#8220;:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Romane, in denen Frauen M\u00e4nner verlassen;<\/li><li>Romane, in denen verlassene M\u00e4nner ihren Frauen nachweinen;<\/li><li>Romane, in denen es verlassenen M\u00e4nnern nicht gelingt, neue Frauen zu finden;<\/li><li>Romane, in denen sich verlassene M\u00e4nner an all die Frauen erinnern, die sie einmal verlassen haben, oder von denen sie verlassen worden sind;<\/li><li>Romane, die damit enden, da\u00df Frauen zu den M\u00e4nnern zur\u00fcckkehren, die sie am Romananfang verlassen haben.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Nick-Hornby-High-Fidelity.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Nick-Hornby-High-Fidelity.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-12642\" width=\"175\" height=\"300\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>M\u00fc\u00dfte ich einen Roman nennen, auf den jeder der vorstehend genannten Punkte zutrifft, w\u00fcrde ich ohne zu z\u00f6gern sagen: &#8222;Nick Hornby. High Fidelity. Ein Roman, der f\u00fcnf gute Gr\u00fcnde enth\u00e4lt, ihn nicht zu lesen. Ich habe ihn gelesen &#8211; und w\u00fcrde es immer wieder tun.&#8220; Dabei ist das Thema so alt wie die Literatur selbst: Du lebst in deiner kleinen Welt, und die wiederum steckt in einer anderen, gr\u00f6\u00dferen Welt, und das vertr\u00e4gt sich nicht. Das Universum von Rob Fleming, dem 35j\u00e4hrigen Ich-Erz\u00e4hler, besteht aus Vinyl. Er hat einen Plattenladen in nicht unbedingt bester Londoner Gesch\u00e4ftslage, den er mit seinen ebenfalls diskomanischen Gehilfen Barry und Dick f\u00fchrt. Der Laden steht kurz vor der Pleite, Robs Beziehung zu Laura, einer Rechtsanw\u00e4ltin, hat diesen Punkt soeben erreicht. Sie verl\u00e4\u00dft die gemeinsame Wohnung, und Robs erste Tat besteht darin, eine Hitliste seiner f\u00fcnf unverge\u00dflichsten Trennungen aufzustellen. Die von Laura geh\u00f6rt nicht dazu, aber das glaubt man ihm keine Sekunde. <\/p>\n\n\n\n<p>Rasch wird deutlich, da\u00df Robs Art zu denken wenig mit dem zu tun hat, was man von einem Mann im finsteren Mittelalter seines Daseins erwarten k\u00f6nnte. Er ist eigentlich nicht ungl\u00fccklich dar\u00fcber, wieder allein zu leben. Endlich darf er in seiner eigenen Wohnung rauchen und findet Mu\u00dfe, seine Schallplattensammlung neu zu ordnen. W\u00e4hrend er sich dies logisch korrekt begr\u00fcndet, w\u00e4chst seine Sehnsucht nach Laura, und als er sich endlich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen k\u00f6nnte, sie los zu sein &#8211; verzehrt er sich nach ihr, um sich nur wenig sp\u00e4ter in die S\u00e4ngerin Marie zu verlieben, mit ihr zu schlafen &#8211; und sich noch mehr nach Laura zu verzehren. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man ein solches Verhalten schlicht &#8222;verwirrt&#8220; nennen, aber es geht um etwas anderes: In Rob vollzieht sich der \u00dcbergang vom Kind- zum Erwachsensein, er befindet sich also in jener sp\u00e4tpubert\u00e4ren Phase, wo man noch flei\u00dfig an seinen Idealen bastelt und dabei gleichzeitig schon dem Pragmatismus des Alltags brav zuarbeitet. Normalerweise geschieht dieser \u00dcbergang flie\u00dfend, und ehe man es bemerkt, ist aus dem Jungen, der bei MC 5s &#8222;Kick Out The Jams&#8220; von der Weltrevolution tr\u00e4umt, ein wackerer Funktion\u00e4r der Jungen Union geworden, der vor autonomen Jugendzentren warnt. Bei Rob, der diese Phase mit gut zwanzig Jahren Versp\u00e4tung durchleidet, vollzieht sich der \u00dcbergang allerdings traumatisch und wird bewu\u00dft empfunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ist sehr sch\u00f6n und lustig, ein wirklich lesbarer Roman mit dem legend\u00e4ren britischen Humor, der locker \u00fcber den Tod-an-sich schwadroniert und selbst einer ins Gesicht geklatschten Torte philosophische Erkenntnisse abringen k\u00f6nnte. Doch w\u00e4hrend man liest, geschieht etwas, das jenseits aller literarischen Qualit\u00e4t angesiedelt ist. Der Leser erkennt sich selbst. Der Leser? Wir m\u00fcssen das konkretisieren: Der \u00fcbliche Leser von &#8222;High Fidelity&#8220; ist zwischen 1945 und 1959 geboren. F\u00fcr ihn war Popmusik stets mehr als nur tanzbarer Hintergrund erster Balzversuche. Sie war ein deutliches Signal an die marode Erwachsenenwelt, da\u00df man mit ihr nichts mehr zu tun haben wollte. Man schlo\u00df sich mit Gleichgesinnten zusammen und provozierte die Intoleranz der Alten dadurch, da\u00df man in einer Welt mit eigenen Wertvorstellungen lebte, einer Welt, in der aber kein Platz war f\u00fcr alles Andersartige, so da\u00df sie selbst von dem lebte, was man den Alten vorwarf: der Intoleranz. Rocker verachteten Mods und umgekehrt, Fans der Rolling Stones w\u00fcnschten Fans der Beatles ins H\u00f6llenfeuer. Von allen ge\u00e4chtet wurde der gemeine Schlagerliebhaber, dessen Intelligenzquotient niedriger sein mu\u00dfte als die Anzahl der Umdrehungen pro Minute, welche eine Single von Roy Black auf dem Plattenspieler zur\u00fccklegte.<\/p>\n\n\n\n<p>Man war st\u00e4ndig damit besch\u00e4ftigt, die einzig wahre Musik auf Kassetten umzuschneiden und an Freunde zu verschenken &#8211; so, wie es Rob und seine Gehilfen auch tun. Keinen sch\u00f6neren Beruf als den des Plattenkritikers konnte man sich vorstellen, und als Mitte der Siebziger Jahre der Zauber des Andersseins verflog, wurde man ein Teil jenes Ph\u00e4nomens, von dem die Friseurinnung noch heute ungl\u00e4ubig erz\u00e4hlt: Ganze Heerscharen junger M\u00e4nner trennten sich von ihrer Haarpracht, weil die l\u00e4ngst zur Mode geworden war und zum Protest nicht mehr taugte, seit einem unter jeder verfilzten Matte der zuk\u00fcnftige Bankkaufmann entgegenblinzelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die typischen Leser von &#8222;High Fidelity&#8220; sind keine Minderheit. Sie haben den Roman zu einem enormen Erfolg in Gro\u00dfbritannien werden lassen, sie haben die deutsche Startauflage von 50.000 Exemplaren binnen weniger Monate ausverkauft. Nun sitzen sie \u00fcber der Lekt\u00fcre und nicken pausenlos. Murmeln ihr &#8222;Ja, genauso war das!&#8220; und erkennen, wer sie letztenendes aus dem Paradies der Hitparaden und Gitarrensoli vertrieben hat: die Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>So kommt es nat\u00fcrlich, wie es kommen mu\u00df: Rob und Laura finden wieder zusammen, die wonnenreiche Dreifaltigkeit der Freunde Rob, Barry und Dick zerbricht, als sich letzterer in ein M\u00e4dchen verliebt, dessen Lieblingsband die Simple Minds sind. Pl\u00f6tzlich ist alles anders, und Rob entf\u00e4hrt der unerh\u00f6rte Gedanke, man m\u00fcsse die Menschen von nun an nach dem beurteilen, was sie sind, nicht nach dem, was sie m\u00f6gen. Gemeinsam mit Laura besucht Rob ein P\u00e4rchen, dessen blo\u00dfes Ansichtigwerden er bis dahin wie der Teufel das Weihwasser gescheut hat, weil er nur zu genau wu\u00dfte, was ihn erwarten w\u00fcrde: eine Plattensammlung aus Alben von Tina Turner, Simply Red, Mike Oldfield und Meat Loaf. Und die Katastrophe tritt tats\u00e4chlich ein: Rob findet das P\u00e4rchen trotz seines musikalischen Nullgeschmacks sympathisch, ja, er f\u00e4llt sein eigenes Todesurteil, als er gelassen konstatiert, jeder solle nach seiner Fasson gl\u00fccklich werden. Das ist das Ende der Intoleranz, das Ende der Jugend.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle nun endet auch das Nicken der Leserk\u00f6pfe. Nein, man braucht nicht weiterzulesen, denn was jetzt kommt, Robs Normalwerdung gewisserma\u00dfen, ist ein dunkler Punkt der eigenen Biografie, als man selbst von einer Frau aus dem Paradies gelockt und dazu gezwungen wurde, gl\u00fccklich, tolerant und erfolgreich zu sein. Der Leser wird diesen Roman, von dem er gew\u00fcnscht hat, er ginge nie zu Ende, schlie\u00dflich gl\u00fccklich dar\u00fcber, da\u00df es ein Ende mit ihm hat, aus der Hand legen und hoffen, Hornby begehe nicht die Grausamkeit, ihm in einer Fortsetzung von &#8222;High Fidelity&#8220; die k\u00fcmmerlichen \u00dcberreste Robs vorzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;High Fidelity&#8220; ist der endg\u00fcltige Roman einer Generation domestizierter Rebellen, die schlie\u00dflich wie Rob nicht einmal mehr in der Lage sind, ihre f\u00fcnf Lieblingssongs aufzulisten. &#8222;High Fidelity&#8220; ist also letztenendes eine Trag\u00f6die von antiken Ausma\u00dfen, nur von denen wirklich nachzuvollziehen, die bei der Lekt\u00fcre dar\u00fcber gr\u00fcbeln, in welcher Besetzung die Band Canned Heat 1969 ihren Woodstock-Auftritt absolviert hat &#8211; und denen es partout nicht mehr einf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>\u21d2<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/06\/high-fidelity-leseprobe\/\" data-type=\"post\" data-id=\"12104\">&#8222;High Fidelity&#8220;-Leseprobe<\/a><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Nick Hornby:\n\"High Fidelity\". Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch\n1995 (39,80 DM)<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Inzwischen auch als Taschenbuch:\nNick Hornby: \"High Fidelity\". Droemer, Mchn.;\n(1999) 321 Seiten, 16,00DM<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist meine Top 5 der &#8222;Romane, um die ich einen gro\u00dfen Bogen mache&#8220;: Romane, in denen Frauen M\u00e4nner verlassen; Romane, in denen verlassene M\u00e4nner ihren Frauen nachweinen; Romane, in denen es verlassenen M\u00e4nnern nicht gelingt, neue Frauen zu finden; Romane, in denen sich verlassene M\u00e4nner an all die Frauen erinnern, die sie einmal verlassen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[6],"tags":[397,2473,1219,335,2474,2472,2471,2431,2086],"class_list":["post-12097","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buch","tag-buchkritik","tag-erwachsenwerden","tag-humor","tag-jugend","tag-liebe","tag-listen","tag-nick-horby","tag-schallplattensammler","tag-trennung"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12097","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12097"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12097\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12097"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12097"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12097"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}