{"id":12109,"date":"1996-05-11T11:11:00","date_gmt":"1996-05-11T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12109"},"modified":"2022-05-29T00:23:02","modified_gmt":"2022-05-28T22:23:02","slug":"nick-hornby-ballfieber-die-geschichte-eines-fans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/05\/nick-hornby-ballfieber-die-geschichte-eines-fans\/","title":{"rendered":"Nick Hornby: Ballfieber. Die Geschichte eines Fans"},"content":{"rendered":"\n<p>Fu\u00dfball ist ein Spiel f\u00fcr Rotzl\u00f6ffel und bertivogts&#8217;sche Wohlstandsj\u00fcnglinge. Und wenn die beschreiben m\u00fc\u00dften, was sie da machen, dann w\u00e4re &#8211; ja, gut, ich saach ma&#8216; &#8211; der n\u00e4chste Satz halt immer der schwerste, und du, Leser, br\u00e4uchtest keine 90 Minuten, um zu erkennen, da\u00df auch ein leerer Fu\u00dfballerkopf rund ist. Ergo schreiben die Intellektuellen, die einen Konjunktiv von einem Tifosi unterscheiden k\u00f6nnen, ansonsten aber sogleich jeden Netzerpa\u00df nicht blo\u00df in die Tiefe des Raums, sondern auch in den Kontext der \u00c4sthetikgeschichte stellen. Das Ganze ist also ein Dilemma: Entweder du kannst fu\u00dfballspielen &#8211; dann kannst du nicht schreiben; oder du kannst schreiben &#8211; aber keinen Ball stoppen. Es gibt Ausnahmen: die Gedichte von Ror Wolf, beispielsweise. Und es gibt Best\u00e4tigungen: das j\u00fcngst erschienene Fu\u00dfballbuch (<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/buch\/fussball\/ballrund.php\">&#8222;Gott ist rund&#8220;<\/a>) des FAZ-Feuilletonisten Dirk Sch\u00fcmer etwa, eine Sammlung h\u00f6chst geistlos-intelligenter Reflektionen \u00fcber Fu\u00dfball, und wer sich das Spiel der vierundvierzig Beine und zweiundzwanzig Bankkonten endg\u00fcltig verleiden m\u00f6chte, sollte das lesen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer anders als ein Engl\u00e4nder &#8211; und wenn schon ein Engl\u00e4nder, wer anders als Nick Hornby, Autor des herrlichen <a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/1996\/06\/nick-hornby-high-fidelity\/\" data-type=\"post\" data-id=\"12097\">&#8222;High Fidelity&#8220;<\/a> &#8211; k\u00f6nnte \u00fcber Fu\u00dfball aus der Sicht eines Fans schreiben, ohne dir seinen m\u00fchselig erinnerten Oberprimaleistungskurs Philosophie um die Ohren zu schlagen oder sich &#8211; siehe Sch\u00fcmer &#8211; in gestelzten Feuilletonismen \u00fcber das weite leere Feld des eigenen Verstandes zu qu\u00e4len? Ein Engl\u00e4nder also. Nat\u00fcrlich. Die werden, kaum k\u00f6nnen sie laufen, von Papa zum n\u00e4chsten Fu\u00dfballverein geschleppt, und dem bleiben sie treu bis ans Lebensende.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Hornby ist es Arsenal London, ein unter Briten eher ungeliebter Verein, den der heimt\u00fcckische Inselbewohner auch zu &#8222;Asshole London&#8220; verkalauert. Gewi\u00df geh\u00f6rt es nicht zu den Sternstunden der Lesefreuden, \u00fcber die H\u00f6hen und Tiefen einer Mannschaft informiert zu werden, die wie eine Mischung aus Bayer Leverkusen und Hamburger Sportverein spielt, also vorwiegend langweilig und einfallslos. Man fragt sich, was das denn soll, und genau diese Frage stellt sich Hornby \u00fcber 335 Seiten auch: Warum richte ich mein Leben nach diesem Verein aus, warum kann ich selbst an der Hochzeit meiner besten Freunde nicht teilnehmen, weil just zu diesem Zeitpunkt Arsenal ein wichtiges Heimspiel hat, warum vergeude ich meine Zeit damit, einem Fehlpa\u00df nachzuweinen, einer verpa\u00dften Chance nachzutrauern? Hornby wei\u00df latent um das im Grunde L\u00e4cherliche seines Tuns &#8211; und indem er es belegt, erkennt er, da\u00df er sich nicht wird davon trennen k\u00f6nnen, da\u00df sich der &#8211; k\u00fchn gesprochen &#8211; &#8222;Sinn des Lebens&#8220; allemal aus dessen Sinnlosigkeit speist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gottlob bleibt es dem Rezensenten vorbehalten, derart auf den Punkt zu philosophieren. Hornby tut es nicht. Er berichtet von seinem Dasein als Fan, der nicht zum Fu\u00dfball geht, um &#8222;unterhalten&#8220; zu werden, sondern die ganze Palette der gro\u00dfen Emotionen zu erleben. Fu\u00dfball ist eben doch mehr als nur Krieg mit anderen Mitteln: Er ist Leben mit anderen Mitteln, direkter, brutaler und ohne die langen Warteschleifen zwischen Orgasmus und Jobverlust.<\/p>\n\n\n\n<p>Wor\u00fcber uns Hornby belehrt, ist folgendes: Fu\u00dfball ist weder etwas f\u00fcr \u00c4stheten (also f\u00fcr Intellektuelle generell ungeeignet) noch f\u00fcr Siegertypen, f\u00fcr die sich der Besuch eines Stadions nur dann lohnt, wenn die eigene Mannschaft mehr Tore schie\u00dft als der Gegner (also ungeeignet f\u00fcr juppiebankerte Anh\u00e4nger irgendwelcher &#8222;Mehrwerttheorien&#8220;). So verebbt auch die Euphorie des Fans, nachdem Arsenal tats\u00e4chlich Meister geworden ist, rasch, und er sehnt sich zur\u00fcck nach den gl\u00fccklichen Zeiten der Niederlagen und Entt\u00e4uschungen, denn nur diese gesamte Bandbreite der Emotionen verbindet das Gekicke auf dem Rasen mit dem Herumgurken im eigenen Dasein.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist der gemeine Engl\u00e4nder ein notorisch armer Mann, dem der Thatcherismus ganz ohne fair play \u00fcbel mitgespielt hat. Er kauft also nicht einfach &#8222;ein Buch&#8220;, sondern, wenn m\u00f6glich, einen Text, der zwei, drei oder gar vier B\u00fccher ersetzt. Bei Hornby ist er da an der richtigen Adresse: Denn nat\u00fcrlich ist dessen Fu\u00dfballbuch mehr: das Buch eines Lebens etwa, in dem ein Junge mit der Scheidung seiner Eltern, ersten Liebeswirrnissen, beruflichen Mal\u00e4ssen und chronischer Erfolglosigkeit fertigwerden mu\u00df. Das alles erw\u00e4hnt Hornby nur en passant, als Zeitpf\u00e4hle gewisserma\u00dfen, die er in den uferlosen Strom all der Arsenalspiele setzt, um sich und uns die Orientierung zu erleichtern. Das Leben als Fu\u00dfballspiel: manchmal gewinnst du, manchmal geht die Sache daneben. Manchmal bist du schon ausgeschieden &#8211; und dann gelingt dir doch noch ein unm\u00f6gliches Tor in der allerletzten Sekunde. Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;(&#8230;)&nbsp;ich habe mein Leben in Arsenalspielen ausgemessen, und jedes Ereignis von irgendwelcher Bedeutsamkeit hat einen fu\u00dfballerischen Schatten. Das erste Mal, als ich Trauzeuge bei einer Hochzeit war? Wir haben in der dritten Runde des FA Cups gegen die Spurs 0:1 verloren, und ich lauschte dem Bericht von Pat Jennings&#8216; tragischem Fehler auf einem windigen Parkplatz in Cornwall. Wann endete meine erste wirkliche Liebesgeschichte? Am Tag nach einem entt\u00e4uschenden 2:2-Unentschieden gegen Coventry 1981.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Hornby so erz\u00e4hlt, das Unwesentliche eines Fu\u00dfballspiels mit dem Wesentlichen seiner Biografie verkn\u00fcpfend (oder eben andersrum &#8211; wer wei\u00df das schon so genau), wirkt er \u00fcberzeugend, gelingt ihm &#8211; dritter Text &#8211; die Basis einer existentialistischen Philosophie, von der Herr Sartre in Frankreich zeitlebens hat nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen, weil ihm keiner gesagt hat, er solle sich doch einmal ein Fu\u00dfballspiel anschauen. Sobald sich Hornby allerdings als Analytiker versucht, der uns die tragischen Ereignisse von Br\u00fcssel oder Hillsborough nahebringen will, f\u00e4llt er ab. Das ist dann einfach zu journalistisch-logisch, zu kausalverkn\u00fcpft, kurz: zu SPIEGEL-m\u00e4\u00dfig. Gottlob sind diese Passagen selten, zahlreicher sind da schon &#8211; wie in &#8222;High Fidelity&#8220; &#8211; die schlagenden Beweise f\u00fcr jene Theorie, die besagt, Intoleranz sei das Salz in unserer biografischen Suppe. Richtig so.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles in allem ist &#8222;Ballfieber&#8220; ein Beweis daf\u00fcr, da\u00df man die Tragik des Daseins nicht unbedingt in der enervierenden Manier \u00f6sterreichischer Jungautoren beschreiben mu\u00df, sondern auch lustig und kurzweilig erz\u00e4hlen kann, ironisch und bisweilen mit der Ernsthaftigkeit dessen, der nach einer vernichtenden Niederlage fr\u00f6hlich pfeifend den kommenden Triumph antizipiert &#8211; und umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Nick Hornby<br \/>\"Ballfieber. Die Geschichte eines Fans.\"<br \/>Rogner &amp; Bernhard bei Zweitausendeins,<br \/>335 S., 28 Mark<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Auch als Taschenbuch erh\u00e4ltlich:<br \/>Nick Hornby<br \/>\"Fever Pitch. Ballfieber - Die Geschichte eines Fans\".<br \/>Kiepenheuer und Witsch (1997)<br \/>335 Seiten, DM 19,90<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fu\u00dfball ist ein Spiel f\u00fcr Rotzl\u00f6ffel und bertivogts&#8217;sche Wohlstandsj\u00fcnglinge. Und wenn die beschreiben m\u00fc\u00dften, was sie da machen, dann w\u00e4re &#8211; ja, gut, ich saach ma&#8216; &#8211; der n\u00e4chste Satz halt immer der schwerste, und du, Leser, br\u00e4uchtest keine 90 Minuten, um zu erkennen, da\u00df auch ein leerer Fu\u00dfballerkopf rund ist. 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