{"id":12121,"date":"2005-05-23T11:11:00","date_gmt":"2005-05-23T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12121"},"modified":"2022-05-11T23:56:09","modified_gmt":"2022-05-11T21:56:09","slug":"crime-school-lektion-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/05\/crime-school-lektion-17\/","title":{"rendered":"Crime School: Lektion 17"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn ich mich durch einen Raum, eine Landschaft bewege, will ich mich entspannen. Vielleicht, indem ich mir einfach nur den Weg als Ziel gesetzt habe, v\u00f6llig desinteressiert an dem, was da um mich herum passiert. Atmosph\u00e4re? Meinetwegen; aber ich brauche sie nicht. Ich will nur vom Anfang bis zum Ende gelangen, weil ich der Meinung bin, dass mich Bewegung entspannt oder weil ich wirklich nichts Besseres zu tun habe.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00dcbertragen auf unsere Exkursionen als Leser bedeutet das: Mach mir das Leben bitte nicht so schwer, lieber Autor, liebe Autorin. Ich liege gerade am Strand von Barbados, die Sonne scheint, die Getr\u00e4nke sind all-inclusive, die Nutten kommen erst heute Abend und also greife ich mir diesen Schinken voller Druckerschw\u00e4rze da und vertrete mir etwas die Gedanken, sozusagen oder f\u00fchre meinen anspruchslosen intellektuellen Hund gassi, auch sozusagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber manchmal will ich mich nicht entspannen. Ich will etwas entdecken. Und dann ist es schon wichtig, was mich so bei meinem Leseausflug in diesem Raum aus Sprache und Handlung erwartet. Dann ist mir auch die Atmosph\u00e4re nicht egal. Die Luft, die ich atme, bekommt mir, aber es ist nicht die Luft, die ich f\u00fcr gew\u00f6hnlich atme. Irgendwie ist sie anders, stimulierender. Ich verlasse die Stra\u00dfe und stapfe querfeldein, weil mich interessiert, was hinter diesem Zaun da ist. Ich klettere auch \u00fcber diesen Zaun, gerade in eine Morastgegend, Schei\u00dfe!, aber jetzt muss ich weiter, und allm\u00e4hlich verliere ich die Stra\u00dfe aus den Augen und das, wohin sie mich f\u00fchren sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das sind die gro\u00dfen Romane. Was ihre Atmosph\u00e4re ausmacht, ist das Irritierende ihrer Gedanken, ihrer Sprache, ihrer Form. Wohl bekomme ich eine Geschichte erz\u00e4hlt (eine Stra\u00dfe planiert, eine Stra\u00dfe nur f\u00fcr mich), aber viel interessanter ist das, was jenseits dieser Stra\u00dfe liegt. Dass ich mich dazu verleiten lasse, meinen Fu\u00df auf unbebautes Gebiet zu setzen (sprich: mein Gehirn dazu bringe, selbst zu denken, selbst zu bauen), ist eine Folge dieser Atmosph\u00e4re. Ich kann gar nicht anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie ist das nun bei Krimis? Sie k\u00f6nnen beides sein: der Weg als Ziel oder der Weg als Vorwand, vom Wege abzukommen. Ihre Atmosph\u00e4re kann neutral sein, d.h. so, dass ich gerade darin \u00fcberlebe (und das Buch nicht angewidert und nach Luft schnappend wegkicke) oder so, dass sie mich stimuliert. Krimis sind Literatur, verdammt, und also folgen sie deren Gesetzen. Aber da gibt es etwas, das dazukommt. Etwas, das SO nicht unbedingt zur gew\u00f6hnlichen Literatur geh\u00f6rt. Spannung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lesen Krimis, weil sie spannend sind. Menschen in Extremsituationen, Aktionen, bei denen es um Leben und Tod geht \u2013 Ungewissheit allerorten. Jedenfalls tut der Autor eines Kriminalromans etwas, das wir im normalen Leben nicht sch\u00e4tzen: Er enth\u00e4lt uns Informationen vor. Und Spannung ist, so gesehen, nichts anderes als die Vorfreude darauf, diese Informationen am Ende doch noch geliefert zu bekommen.<br \/>Und genau das wissen wir ziemlich zuverl\u00e4ssig: Der Autor wird uns nicht h\u00e4ngen lassen, er wird alles haarklein aufdecken, erkl\u00e4ren, in eine logische Ordnung bringen. Unsere Spannung hat also gleichzeitig etwas Entspannendes. Wir sind die, denen nichts passieren kann, wenn wir uns an die Regeln und Wege halten. Es kommt nicht von ungef\u00e4hr, dass der Gro\u00dfteil der Krimileser am Ende der Lesereise \u201eAufkl\u00e4rung\u201c m\u00f6chte. Ein Fall, der ungel\u00f6st bleibt? Ein M\u00f6rder, der seiner Strafe entgeht? Shocking!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie aber erzeugt man nun Spannung? Und ist jeder spannende Roman ein Krimi, respektive: Sind nur Krimis spannend?<\/p>\n\n\n\n<p>Was letzteres anbelangt: sicher nicht. Ich erwarte ganz bescheiden von jedem gelungenen Roman, dass er Spannung aufbaut und mich unterh\u00e4lt. Das eine hat immer etwas mit dem anderen zu tun. Ein spannungsloser Roman unterh\u00e4lt mich nicht, und ein Roman, der mich nicht unterh\u00e4lt, kann keine Spannung besitzen. F\u00fcr mich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Franz Kafka, \u201eDas Schloss\u201c. KEIN Krimi. Aber ein Roman, in dem uns Informationen vorenthalten werden. Warum hat man den Landvermesser K. gerufen, wenn man ihm nicht sagt, was er tun soll? Wir erfahren es nicht; niemals. Die fehlende Information dient gewiss dazu, eine Spannung aufzubauen bzw. uns eine Spannung zu offenbaren. Sie erzeugt eine Atmosph\u00e4re des Ungewissen, des Ziel- und Trostlosen, und alles gerinnt zur gro\u00dfen Metapher f\u00fcr die Existenz an sich. Es ist spannend, diesen Lese-Raum zu ergr\u00fcnden, und es ist gewiss kein lockerer Spaziergang, der vor uns liegt, wenn wir den Raum betreten und zu atmen beginnen. Wir sterben nicht dabei; durchaus \u201erealit\u00e4tstauglich\u201c das alles, aber die literarische Luft, die wir hier in uns aufnehmen, brennt in der Lunge, sorgt f\u00fcr Atemnot, Beklemmung oder, wer wei\u00df, den frischen Wind, den wir schon lange n\u00f6tig hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist im \u201eSchloss\u201c nicht der Inhalt selbst, der uns die Spannung liefert. Keine schwarzgewandeten Typen an jeder Ecke, keine Verfolgungsjagden. Solche Elemente m\u00f6gen in einem Krimi f\u00fcr Spannung sorgen \u2013 aber auch hier, so behaupte ich, nicht schon per definitionem, nicht, weil es ein Naturgesetz w\u00e4re, dass wir uns, wenn zwei LKWs einander bei Tempo 120 die Sto\u00dfstangen zeigen, vor Spannung die Hose voll pinkeln. Nein, das muss schon stilistisch \/ formal passen, das ist wie bei Hitchcock, wo allein die Tatsache, dass ein Duschvorhang aufgeht und ein Messer reingehalten wird, kein bisschen spannend ist. Auf das WIE kommt es an: Welche Kameraperspektive? Welches Licht?<\/p>\n\n\n\n<p>Apropos Licht: In \u201ePsycho\u201c gibt es eine Szene, in der der B\u00f6sewicht mit einem Glas Milch, das er seinem potentiellen Opfer kredenzen will, die Treppe hochkommt. Das ist an sich nicht spannend. Nat\u00fcrlich fragen wir uns, was der B\u00f6se in die Milch getan hat \u2013 aber Hitchcock scheint unserer Phantasie hier nur wenig zugetraut zu haben und hat deshalb zu einem genialen Trick gegriffen, um unseren \u201eUnterbewussten\u201c zu sagen: Pass auf. Mit der Milch ist etwas nicht in Ordnung. Hitchcock hat in das Glas eine Lichtquelle eingebaut, so dass allein der Anblick der Milch uns irritieren muss und Spannung erzeugt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n; aber was ist nun definitiv Spannung in einem Kriminalroman? Ich behaupte: Spannung hat nicht prim\u00e4r etwas mit der Handlung eines Buches zu tun. Die Tatsache, dass sich Schritte aus dem Dunkel n\u00e4hern, ganz, ganz langsam (in Filmen spielen sie dann gleich auch die entsprechende Musik ein), das ist allein noch keine Spannung. Man fragt sich als Leser nat\u00fcrlich: Was passiert jetzt? Geht es dieser freundlichen jungen Frau, die wir liebgewonnen haben, an den Kragen \u2013 oder ist es blo\u00df der Milchmann, der da n\u00e4her kommt?<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal f\u00fchlen sich Leser \u201eatemlos\u201c vor lauter Spannung, weil auf jeder Seite \u201eirgend etwas passiert\u201c. Manchmal schn\u00fcrt einem Spannung die Kehle zu, weil sich die Handlung unaufhaltsam dramatisch steigert. Mag sein. Und dennoch: Spannung kommt woanders her \u2013 aus dem beleuchteten Milchglas, dem Kamerafokus, der Sprache, dem formalen Aufbau \u2013 und sie geht irgendwo anders hin: nicht in unser dingliches Bewusstsein, sondern in unsere Gef\u00fchlszentrale. Sie ist unsichtbar wie Luft. Sie ist: Atmosph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel auch hierf\u00fcr: In seinem (auch von mir) hochgelobten Roman \u201eDie W\u00e4lder am Fluss\u201c schafft es Joe Lansdale, einen gleich von mehreren \u201eAtmosph\u00e4ren\u201c besetzten Lese-Raum zu schaffen. Gute alte Faulkner Schule: Wir befinden uns im S\u00fcden der USA zur Zeit der Gro\u00dfen Depression. Die Stra\u00dfen sind staubig, die S\u00fcmpfe stickig. Die Menschen leben in Kleinst\u00e4dten und auf abgelegenen Farmen, sie k\u00e4mpfen ums \u00dcberleben, sie k\u00e4mpfen auch gegen ihre Vorurteile, gelegentlich wenigstens, oder sie k\u00e4mpfen gegen alles, was fremd ist, was neu ist. Sie sind Rassisten oder die Opfer von Rassisten oder beides.<\/p>\n\n\n\n<p>Inmitten dieser Szenerie der Erz\u00e4hler: ein alter Mann, nur noch von Apparatemedizin am Leben erhalten, der sich an das gr\u00f6\u00dfte Abenteuer seines Lebens erinnert, damals, als er zehn war und ein unheimlicher Serienkiller Frauen (zumeist schwarze Prostituierte) ermordete.<\/p>\n\n\n\n<p>Lansdales Roman ist, was Raum und Atmosph\u00e4re angeht, zugleich historisch, lehrreich, analytisch \u2013 spannend. Aber diese Spannung kommt eben nicht aus der Handlung selbst. Sie entsteht, indem die unterschiedlichen Atmosph\u00e4renschichten gegeneinander prallen, sich verbinden oder bek\u00e4mpfen. Da korrelieren Bedrohliches und Heimelig-Privates, Tom-Sawyer-Romantik vermengt sich mit Kriegspsychosen, Dummheit trifft Weisheit und heraus kommt die allt\u00e4gliche Banalit\u00e4t des Scheiterns.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja doch: Es gibt einen M\u00f6rder, der schreckliche Dinge tut, und bis zum Ende wissen wir auch nicht, wer sich hinter ihm verbirgt (obwohl man schnell eine Ahnung hat). Menschen werden bedroht, verfolgt, ringen um ihr Leben, ihre Existenz, ihren Seelenfrieden. Handlungsschwanger nennt man das. Und dennoch: Wer das ALLEIN f\u00fcr spannend h\u00e4lt, hat Lansdales Roman nur zu einem Bruchteil gelesen. Die Spannung entsteht, noch einmal, aus der Zusammensetzung der Atmosph\u00e4re, und die Atmosph\u00e4re entsteht aus dem exakten Gebrauch der Requisiten, die ein Autor von Kriminalromanen zur Verf\u00fcgung hat, um Spannung zu erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Hauptrequisit ist die Sprache. Sie ist gleichzeitig die Kamera des Autors, sie bestimmt, wohin wir schauen, aus welchem Blickwinkel wir etwas betrachten, in welchem Licht etwas erscheint. Die Handlung mag v\u00f6llig \u201espannungslos\u201c sein. Nehmen wir Raymond Chandler. Schn\u00fcrt uns da etwas die Kehle zu? Selbst dort, wo ein Chandler-Roman mit Whodonit-Elementen spielt, reizt uns das T\u00e4terr\u00e4tsel kaum. Tats\u00e4chlich kommt die Spannung aus der von Sprache hergestellten Atmosph\u00e4re, und die Sprache passt sich der Atmosph\u00e4re an. Henne und Ei? Gro\u00dfe Literatur ist es immer, wenn ich genau das nicht entscheiden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis hierhin. Die Crime School ist an einem Punkt angelangt, an dem sie etwas verschnaufen muss. Nicht zuletzt auch deshalb, weil allzu viel Theorie, und sei sie auch noch so von praktischen Beispielen durchsetzt, auf die Dauer den Gegenstand so sehr abstrahiert, dass man ihn nicht mehr als solchen erkennen kann. Deshalb jetzt das summer camp, wo vieles von dem, was wir bislang theoretisch gelernt haben, praktisch umgesetzt werden soll. Dazu in den n\u00e4chsten Tagen mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu der Absicht, die Crime School als Buch umzusetzen, sei folgendes, nicht ohne tiefstes Bedauern, vermeldet: Nein. So nicht. Das Interesse an einer solchen Ausgabe scheint sehr gering zu sein oder, auch m\u00f6glich, meine M\u00f6glichkeit, so etwas zu promoten, zu beschr\u00e4nkt. Ein sch\u00f6nes Konzept liegt vor, und wenn ein Verlag Interesse hat, mag er sich bei mir melden. Schade eigentlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Und auf die neue Kommentarfunktion m\u00f6chte ich noch einmal hinweisen. Wer es lieber privat mag, kann wie immer&nbsp;<a href=\"mailto:dpr@hinternet.de?subject=Lektion%2017\">hier<\/a>&nbsp;mailen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich mich durch einen Raum, eine Landschaft bewege, will ich mich entspannen. 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