{"id":12200,"date":"2005-06-23T11:11:00","date_gmt":"2005-06-23T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12200"},"modified":"2022-06-12T02:01:52","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:52","slug":"laura-lippman-butchers-hill","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/laura-lippman-butchers-hill\/","title":{"rendered":"Laura Lippman: Butchers Hill"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3434531181.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3434531181.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"254\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Je mehr Kriminalromane ich lese, desto wichtiger werden mir die Einzelheiten. Das Nebenpersonal. Die flei\u00dfigen Handlanger der Story, einzig geschaffen, den Erz\u00e4hlfluss am Laufen zu halten, Stichwortgeber f\u00fcr den Helden, die Heldin und den ersten Kreis der sie umgebenden Gesch\u00f6pfe, die Auftraggeber, Verd\u00e4chtigen, Opfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nicht als blo\u00dfe Objekte zu erschaffen, ist eine humane Geste des Verfassers \/ der Verfasserin, die besagt: Seht her: Ich nehme meine Arbeit ernst. Ich bin nicht darauf fixiert, eine mehr oder weniger spannende Story in all ihren essentiellen Punkten abzuhaken. Ich erz\u00e4hle euch eine Geschichte, zeige euch eine Welt, und wie in jeder vern\u00fcnftigen Welt hat auch hier alles was atmet seine Biografie. Und sei es nur ein kleiner Ausschnitt daraus. So gesehen, ist Laura Lippman mit \u201eButchers Hill\u201c ein sehr humaner Roman gelungen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Tess Monaghan ist 29, ledig, Hundebesitzerin und seit Neuestem Privatdetektivin in Baltimores nicht unbedingt feinstem Viertel Butchers Hill. Die Gesch\u00e4fte entwickeln sich erfreulich. Gleich zwei Klienten binnen einer Stunde. Der erste allerdings, Luther Beale, ist nicht nach Tess Monaghans Geschmack. Gerade erst wurde er aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen, weil er vor Jahren einen kleinen Jungen in Selbstjustiz erschossen hat, jetzt peinigt ihn sein Gewissen und er m\u00f6chte an den \u00fcbrigen Zeugen seines Verbrechens Wiedergutmachung \u00fcben. Monaghan soll die Kinder finden, was nicht einfach ist, denn es handelt sich um die Z\u00f6glinge einer Pflegefamilie, und nach dem traurigen Zwischenfall wurden sie in alle Winde zerstreut.<\/p>\n\n\n\n<p>Um ein Kind, das gefunden werden soll, geht es auch im zweiten Fall. Jackie Weir sucht ihre Tochter, die sie gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat. Auch hier: keine weiteren Anhaltspunkte. Und so treibt es Tess durch die zumeist schlechteren Wohngegenden Baltimores, zur\u00fcck in die Vergangenheit anderer Leute \u2013 und irgendwann auch in die der eigenen Familie.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles sehr sch\u00f6n erz\u00e4hlt. Mit viel Reflexion und Abschweifung, und die Geschichte entwickelt sich nach Faktenlage, nicht nach dem Diktat eines mit Zuf\u00e4llen und Unlogik hantierenden Autors. Die einfachen Arbeitsauftr\u00e4ge werden komplizierter, nicht zuletzt, weil die Personen selbst \u00fcberraschen. Ihre Absichten sind nicht die, die sie vorgeben, hinter jeder Wahrheit wartet eine andere. Tess sucht also in dieser immer un\u00fcbersichtlicher werdenden, immer aber souver\u00e4n erz\u00e4hlten Handlung nach Menschen. Und findet sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber damit beginnt ihre Arbeit erst. Einige sterben auf mysteri\u00f6se Weise, andere l\u00fcgen. Das sind die Anfangs erw\u00e4hnten Nebenfiguren, und Lippmans gr\u00f6\u00dfte Leistung besteht vielleicht gerade darin, dass sie diesen nur mit kurzer Verweildauer ausgestatteten Personen ein St\u00fcckchen Biografie mit auf den Weg gegeben hat. Jede hat ihr Schicksal, und f\u00fcr einen kleinen Moment blitzt dieses Schicksal auf. Die schwarze Mutter, die von Essensgutscheinen lebt, der schwarze Junge, der mit aller Gewalt aus dem Elend heraus will, der andere schwarze Junge, der mit Karacho in den Untergang stolpert. Und das wei\u00dfe Ehepaar, das ein adoptiertes Kind wie ein T-Shirt zur\u00fcckgibt, weil es die falsche Farbe hat. Auch ein Roman \u00fcber Rassismus also. \u00dcber Adoptionen, Hoffnungen, Entt\u00e4uschungen, die kleinen Psychosen innerhalb der eigenen Familie und die gro\u00dfen der Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das in einem Krimi, der seine Spannungsb\u00f6gen gekonnt setzt, auch einmal verschnauft, um uns das Terrain zu zeigen, in dem sich Tess Monaghan bewegt. Mag sein, dass das Ende eine Spur zu happy daherkommt. Aber man g\u00f6nnt es den Beteiligten \u2013 und schon dieses gener\u00f6se Gef\u00fchl des Lesers ist ein Indiz daf\u00fcr, dass Laura Lippman alles richtig gemacht hat.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Laura Lippman: Butchers Hill. \nRotbuch Verlag 2005. 323 Seiten, 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je mehr Kriminalromane ich lese, desto wichtiger werden mir die Einzelheiten. Das Nebenpersonal. 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