{"id":12208,"date":"2005-06-27T11:11:00","date_gmt":"2005-06-27T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12208"},"modified":"2022-06-12T02:01:42","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:42","slug":"summer-camp-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/summer-camp-6\/","title":{"rendered":"Summer Camp -6-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/crimecamp_6.jpg\" alt=\"crimecamp_6.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Neben der Erz\u00e4hlperspektive sind es nat\u00fcrlich die &#8222;sprechenden Personen&#8220;, die den Stil eines Romans bestimmen. Man wird einen sechzehnj\u00e4hrigen Sch\u00fcler des begonnenen 21. Jahrhunderts kaum \u201eMich d\u00fcnkt, ich habe mich in Sie verliebt, Mademoiselle!\u201c ausjauchzen lassen, und ein wohlbestallter Professor wird nicht mit \u201eHassema ne Fluppe, Mann?\u201c den Smalltalk auf einer Party beginnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber m\u00fcssen wir keine weiteren Worte verlieren, und auch der Umstand, dass in unserem Roman ja ALLE Personen irgendwann einmal \u201eIch\u201c sagen und reden \/ denken sollen, bedarf kaum weiterer Erkl\u00e4rung. Nat\u00fcrlich gilt auch hier der Grundsatz: Lass die Leute reden und denken, wie sie es auch im wirklichen Leben tun. Abweichungen von dieser Regel sind m\u00f6glich, m\u00fcssen aber aus der Handlung und Personenzeichnung heraus logisch sein. Ich k\u00f6nnte mir durchaus vorstellen, den oben erw\u00e4hnten Sechzehnj\u00e4hrigen wie einen Gymnasiasten des ausgehenden 18. Jahrhunderts schmachten zu lassen, wenn ich etwas \u00fcberzeichnen will oder darauf hinweisen, der Knabe lebe in einer anderen Realit\u00e4t als seine Art- und Altersgenossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Personal also. Jetzt, sp\u00e4testens, m\u00fcssten wir uns eigentlich um die Handlung k\u00fcmmern. Aber nichts da. Bei der Auswahl unserer Helden und Heldinnen orientieren wir uns zun\u00e4chst an ihrer dramaturgischen Relevanz. Will sagen: Wir \u00fcberlegen, welcher Charakter zu wem passt, wo wir Konflikte sch\u00f6n herausarbeiten k\u00f6nnen, wie hoch die Fallh\u00f6he der einzelnen \u201eIch\u201c-Passagen sein kann etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mir dar\u00fcber nun so meine Gedanken machte, fiel mir auf, dass es bei den f\u00fcnf Personen, die urspr\u00fcnglich vorgesehen waren, ja nicht bleibt. Wir haben noch eine sechste: den Erz\u00e4hler, von dem aus die Kamera allm\u00e4hlich zu den Personen und in ihre Gedanken hinein zoomen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese auch \u201eauktoriale Instanz\u201c genannte Person k\u00f6nnte anonym bleiben. Ein n\u00fcchterner Berichterstatter vielleicht, eine Un-Person. W\u00e4hrend ich dies in Erw\u00e4gung zog, kam mir eine Idee. Was, wenn dieser Erz\u00e4hler eine der f\u00fcnf Personen w\u00e4re? Jemand, der die Ereignisse quasi aus einer gewissen zeitlichen Distanz reportiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war ich, ob ich wollte oder nicht (ich wollte nat\u00fcrlich) doch dort, wo ich eigentlich nicht sein durfte: bei der Handlung. Wir wissen von ihr bisher ja nur, dass am Ende des Romans ein Mord geschehen wird, und dass die Aufkl\u00e4rung nicht auf dem \u00fcblichen Wege erfolgen soll. Der Leser soll selbst anhand des Beschriebenen herausfinden, wer denn das b\u00f6se Element verk\u00f6rpert und warum die Tat geschah.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich jetzt eine der f\u00fcnf Personen, die im Warteh\u00e4uschen am Bahnhof sitzen, ausw\u00e4hle, dann k\u00f6nnte das gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen:<\/p>\n\n\n\n<p>1. der Er-Z\u00e4hler ist selbst betroffen. Er (oder sie? Lassen wir das zun\u00e4chst offen) erinnert sich. Seine Sprache ist demzufolge nicht neutral, n\u00fcchtern.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Als Betroffener kann der Erz\u00e4hler Zusatzinformationen liefern, wie es die n\u00fcchterne auktoriale Instanz kaum tun k\u00f6nnte. Viele Dinge sehen im Nachhinein anders aus als zum Zeitpunkt ihres Ablaufs.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Und das ist der Clou: Unser Erz\u00e4hler selbst ist der M\u00f6rder.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu diesem Moment habe ich wirklich noch keinen Schimmer, wer diese erz\u00e4hlende Person sein wird. Das sowie die Charakteristika der f\u00fcnf Handelnden ist nun tats\u00e4chlich etwas, zu dem man wenigstens den Hauptplot der Story kennen muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgendes nur wei\u00df ich jetzt schon \u00fcber das Personal: Sie werden so reden und denken, wie sie nat\u00fcrlicherweise reden und denken w\u00fcrden, bef\u00e4nden sie sich im \u201ewirklichen Leben\u201c. Ihr Denken soll nicht nur die Gegenwart reflektieren, sondern auch die Vergangenheit, die wiederum auf das Zentrum eines ungew\u00f6hnlichen Ereignisses zusammenzurren soll, das zum Anlass des Verbrechens wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft auch: Alle F\u00fcnf sollten in irgendeiner Weise in dieses au\u00dfergew\u00f6hnliche Ereignis involviert sein. Zwischen ihnen sollte es Rivalit\u00e4ten, aber auch B\u00fcndnisse geben. Auch scheint es mir sinnvoll, eine gewisse Fallh\u00f6he zu gew\u00e4hrleisten, die sich in Sprechen und Denken manifestiert. Wir wollen also nicht f\u00fcnf Universit\u00e4tsprofessoren in unser Warteh\u00e4uschen sperren, aber auch nicht gerade f\u00fcnf sechszehnj\u00e4hrige Gymnasiasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hler verk\u00f6rpert in diesem Ebenenkonstrukt so etwas wie die Gegenwart (also wird er auch im Pr\u00e4sens erz\u00e4hlen), der \u201edie nahe Vergangenheit\u201c, jene Stunde im Warteh\u00e4uschen, berichtet, in der sich f\u00fcnf Personen an die \u201eentferntere Vergangenheit\u201c erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir nun brauchen, ist wenigstens eine IDEE von Handlung, und zwar zun\u00e4chst von der aus der \u201eentfernteren Vergangenheit\u201c. Dazu mehr n\u00e4chstes Mal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben der Erz\u00e4hlperspektive sind es nat\u00fcrlich die &#8222;sprechenden Personen&#8220;, die den Stil eines Romans bestimmen. Man wird einen sechzehnj\u00e4hrigen Sch\u00fcler des begonnenen 21. 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