{"id":12218,"date":"2005-06-29T11:11:00","date_gmt":"2005-06-29T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12218"},"modified":"2022-06-12T02:01:41","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:41","slug":"perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/perspektive\/","title":{"rendered":"Perspektive"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/images\/denkstapel.gif\" alt=\"Denken und stapeln\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Man wei\u00df es, aber man vergisst leicht: Literatur ist mehrdeutig, vielschichtig, mi\u00dfverst\u00e4ndlich, irritierend. Dr\u00fcck 100 Leuten je ein Exemplar von Kafkas \u201eSchloss\u201c in die Hand, und sie werden dir nach der Lekt\u00fcre 100 Interpretationen liefern. Nu ja, Kafka! Aber ein Krimi? Eine schlichte Geradeaus-Story?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Man wei\u00df es. Und man wird st\u00e4ndig daran erinnert. Als ich mich neulich daran machte, Fred Vargas\u2019 vielgelobten Roman \u201eDer vierzehnte Stein\u201c zu lesen, geriet ich rasch auf einen Pfad, der sich als veritable Sackgasse entpuppte. Entt\u00e4uschung, Irritation, \u00c4rger. Dann \u2013 wer will sich schon 480 Seiten lang \u00e4rgern? \u2013 begann ich den Roman anders zu lesen. Was nat\u00fcrlich nur dann funktioniert, wenn man einen Roman auch wirklich anders lesen kann. Gerade Krimis neigen zu einer \u2013 nennen wir es \u201egenretypischen\u201c \u2013 Eindeutigkeitsfixiertheit, was zwar ein h\u00e4ssliches Wort ist, aber ein passendes. Ein Verbrechen hat eine Delle in ein Weltbild gehauen, und der Autor bem\u00fcht sich, die so missgestaltete Landschaft wieder plan zu machen, damit wir sie am Ende in aller Ruhe \u00fcberblicken k\u00f6nnen. A killt B, aber der Leser wei\u00df es nicht, und auch nicht warum. Darum geht es. Gelingt es dem Autor, uns das spannend und halbwegs logisch r\u00fcberzubringen? Ei wunderbar! Keine Mehrdeutigkeiten, bitte, nichts, was mich mit dem Verdacht zur\u00fcckl\u00e4sst, ich h\u00e4tte etwas nicht kapiert!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es geht auch anders. Fred Vargas\u2019 Roman zum Beispiel wurde nach einem Perspektivwechsel meinerseits doch noch zum erfreulichen Leseerlebnis. Irritierend blieb die Sache doch, so irritierend, dass sich die Rezension ausdehnte, grunds\u00e4tzlich wurde. Ihr bekommt sie n\u00e4chste Woche in zwei Teilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Perspektivwechsel? Ein Kennzeichen wirklich guter Literatur. Aus welchem Winkel ich mich einem Text n\u00e4here, wie ich ihn betrachte: von oben, unten, auf Augenh\u00f6he mit den Protagonisten, in ihnen drin. Ja, das wei\u00df man. Sollte m\u00f6glich sein: gute Literatur eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne eine Menge Leute, die, sobald sie die Wohnung einer ihnen bislang nur fl\u00fcchtig bekannten Person betreten, sogleich an deren B\u00fccherregalen auf und ab paradieren. B\u00fccher erz\u00e4hlen eine Menge \u00fcber ihren Besitzer. Bl\u00f6dsinn. B\u00fccher erz\u00e4hlen \u00fcberhaupt nichts. WIE man liest, das erz\u00e4hlt viel. Man muss es aber auch deuten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>(Das war die dritte Lieferung einer Reihe mit dem Namen &#8222;Denkstapel&#8220;, auf den alles geknallt wird, was meiner nerv\u00f6sen Schreibhand gerade so einf\u00e4llt. K\u00f6nnte sein, dass dieser Stapel sp\u00e4ter einmal fein s\u00e4uberlich abgearbeitet wird&#8230; Wer dieses Stapelgekritzel kommentieren m\u00f6chte, sollte es tun.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man wei\u00df es, aber man vergisst leicht: Literatur ist mehrdeutig, vielschichtig, mi\u00dfverst\u00e4ndlich, irritierend. Dr\u00fcck 100 Leuten je ein Exemplar von Kafkas \u201eSchloss\u201c in die Hand, und sie werden dir nach der Lekt\u00fcre 100 Interpretationen liefern. Nu ja, Kafka! Aber ein Krimi? Eine schlichte Geradeaus-Story?<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[2560,2570],"class_list":["post-12218","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives","tag-fred-vargas","tag-perspektivwechsel"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12218","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12218"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12218\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12218"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12218"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12218"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}