{"id":12222,"date":"2005-06-30T11:12:00","date_gmt":"2005-06-30T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12222"},"modified":"2022-06-14T23:55:37","modified_gmt":"2022-06-14T21:55:37","slug":"einige-abschweifungen-nach-lektuere-eines-woertche-artikels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/06\/einige-abschweifungen-nach-lektuere-eines-woertche-artikels\/","title":{"rendered":"Einige Abschweifungen nach Lekt\u00fcre eines W\u00f6rtche-Artikels"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Als ich mich vor nun auch schon geraumer Zeit der Kriminalliteratur zuwandte, hatte ich meine desillusionierendem Jahre auf literarischen M\u00e4rkten schon hinter mir. Ein \u201eexperimenteller Roman\u201c war geschrieben worden, der selbst im nur unter dem Mikroskop relevanten Segment f\u00fcr solcherlei Wortarbeit f\u00fcrchterlich floppte. Eine Zeitschrift zum Werk Arno Schmidts war herausgegeben worden, die gute Resonanz fand, also maximal 60 Abonnenten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alles, f\u00fcr das ich mich interessierte, spielte sich in engen, geschlossenen R\u00e4umen ab. Die Leute, die sich dort aufhielten, kannte man schon nach wenigen Wochen s\u00e4mtlich; es waren nie viele. Dennoch waren es M\u00e4rkte. Subm\u00e4rkte der Subm\u00e4rkte der Subm\u00e4rkte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam der Krimi. Mir war bewusst, dass die Spannweite meiner Arme nicht ausreichen w\u00fcrde, das zu umfassen, was sich \u201eKrimi\u201c nennt. Du triffst auf \u00fcbelsten Schund und wunderbar geformte Blumen, aber die meiste Zeit deines Lesens und Forschens verplemperst du damit, durch den knietiefen Morast des Durchschnitts zu waten, so weit das Auge reicht nur Morast, nur Durchschnitt, lieblos dahingerotzt, beliebig etikettiert, von einer Armada feuilletonistisch-germanistischer Analphabeten durch das neueste Schablonien gejagt, mal Daumen rauf, mal Daumen runter, ohne System, ohne Wissen, ohne Neugier, ohne Lust.<\/p>\n\n\n\n<p>Das \u00fcberraschte mich aber nicht. Warum sollte es in Krimiland anders sein als in Hochliteraturland? Aber eines \u00fcberraschte mich doch, ja, es ersch\u00fctterte mich und ersch\u00fcttert mich jeden Tag aufs Neue: Mit wie wenig die Kritik zufrieden zu stellen ist. Wie souver\u00e4n sie den banalen Umstand, dass Krimis Literatur sind, umkurvt, wie bed\u00fcrfnislos man in Geschichten kriecht, die weder spannend noch gut erz\u00e4hlt sind, die uns nichts lehren, uns von nichts heilen, uns vor nichts feien, und f\u00fcr die am Ende nur spricht, dass man f\u00fcr sein Geld wieder einmal eine Spanne Zeit abgelesen hat. Zuklappen, weg damit, nie dagewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch hier Ausnahmen, und wer diesen Beitrag liest, kennt sie nat\u00fcrlich. Leute, die sich nicht nur intensiv mit Krimis besch\u00e4ftigen, sondern auch Anspr\u00fcche an sie stellen, Leute, die man mit Morden im Dutzend und sehr viel G\u00e4nsehaut schwerlich beeindrucken kann, die \u00fcber den Rand des \u201eGenres\u201c hinausschauen und, wie ich selber, jeden Tag dreimal verfluchen, dass es \u00fcberhaupt Genres gibt. Orte also, die wir uns als h\u00fcbsch organisierte Zoos vorstellen wollen, deren Gehege nur den dort jeweils vorgesehenen Tierarten offenstehen, weil man bef\u00fcrchtet, L\u00f6we und Antilope, nicht durch Gitter und Gr\u00e4ben voneinander getrennt, seien die friedlichsten Nachbarn nicht, und wenn sie es wider Erwarten doch sein sollten, w\u00e4rs noch schlimmer, denn das Ergebnis aus L\u00f6we und Antilope m\u00f6chte nun wirklich keiner sehen, geschweige denn lesen, und dann schaut man sich um in den Buchhandlungen und dort liegen sie dann dumm rum und warten auf unsereinen: Krimis, die alles sein wollen und gar nichts sind, \u201ePolitthriller mit Soziotiefgang und psychologischer Finesse, und das alles auf der Basis eines gut abgehangenen, ausgebluteten Literaturbegriffs\u201c. Mei, da sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie des Nachts Schimpanse, Schabrackenschakal, Gemse und Elefant \u00fcber die Gitter steigen und es z\u00fcnftig miteinander treiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das nur nebenbei. Einer, dem man, wenn er \u00fcber Krimis redet und schreibt, immer zuh\u00f6ren kann, ist Thomas W\u00f6rtche, unter anderem Herausgeber der nie genug zu lobenden \u201emetro\u201c-Reihe des Unionsverlags. Im \u201eKrimi Spezial 2005\u201c der Zeitschrift \u201eBuchkultur\u201c hat W\u00f6rtche nun unter dem Titel \u201e(K)ein Markt f\u00fcr Krimis\u201c ein reichlich d\u00fcsteres Bild der n\u00e4heren Zukunft des Kriminalromans gezeichnet, mit Argumenten, die man \u2013 nun, nicht gerne, aber zustimmend abnicken kann. Markt regiert. Erscheint ein Original, wird es sogleich geklont, auf das zarte Pfl\u00e4nzlein \u201eKrimi = Hochliteratur\u201c setzten sich breit\u00e4rschig Mankell, Leon und Konsorten, und vorbei wars mit dem Bl\u00fcmelein.&nbsp;<em>\u201eDestruktion, Spagettisierung, m\u00f6glicherweise v\u00f6llige Aufl\u00f6sung und allm\u00e4hlich ein Neuaufbau mit ver\u00e4nderten Parametern\u201c<\/em>: so die Prognose W\u00f6rtches, der er aber, Recht hat er, selbst nicht traut.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wen betrifft diese d\u00fcstere Prognose? Die Leser? Ach wo! Die lesen, was ihnen vor die Flinte kommt. Die Verleger? Noch abwegiger! Die verlegen, was der Leser gerne vor der Flinte hat, und was er gerne vor der Flinte hat, das sagen dem Leser die Werbefuzzis und die journalistischen Lautsprecher der Moden der Saison. Die Autoren? Klar, die schauen sich um, wenn es nur noch einen Markt f\u00fcr Klone und Epigonen gibt. Da aber ca. 90 % nichts lieber sind als Klone und Epigonen, schauen sie sich um, damit auch sie ein warmes Pl\u00e4tzchen dort finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kritiker? Genau! Die Kritiker! Die sollte es wenigstens betreffen. Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass Kritiker gro\u00dfen Einfluss auf \u201eden\u201c Markt aus\u00fcben k\u00f6nnten. Aber es w\u00e4re ihre Pflicht, auf die Klone und Epigonen, die schlamperten und im Grunde an Literatur desinteressierten Autoren und ihre Produkte hinzuweisen, sie nach allen Regeln der Kunst auseinander zu nehmen, Dekonstruktion at its best, und dann wieder als das zusammenzusetzen, was sie recht eigentlich sind: Schrott.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber unsere Kritiker hei\u00dfen nicht alle W\u00f6rtche, Gohlis oder Ammer (plus ein paar mehr, Entschuldigung, wenn ich euch hier nicht auff\u00fchre), sie \u00e4u\u00dfern sich gemeinhin geschm\u00e4cklerisch, \u201eaus dem Bauch\u201c, was immer ein schlechtes Zeichen ist, denn wenn der Bauch zu denken und zu schreiben anf\u00e4ngt, m\u00f6chte ich den dazugeh\u00f6rigen Kopf gar nicht sehen. Krimis rezensieren kann, so siehts aus, jeder, und jeder tut es. Das ist wie Krimis schreiben, m\u00f6chte man zynisch und krimiautorenverachtend hinzuf\u00fcgen. Sind ja Krimis, ist keine Literatur. Ach, es ist zum Kotzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann der \u201eHochliteratur\u201c (ich nenne sie lieber \u201eNichtkrimiliteratur\u201c) einiges vorwerfen; aber nicht, dass ihre Kritiker ihr Handwerkszeug nicht parat h\u00e4tten. Trefflich streiten kann man mit ihnen, man kann ihnen Borniertheit, Blindheit, Parteilichkeit vorwerfen, ja, man kann sogar die Qualit\u00e4t des Handwerkzeugs in Zweifel ziehen. Aber, das muss man ihnen zugestehen: Sie haben wenigstens eins oder wissen doch, dass sie eins haben sollten, bevor sie ein Buch lesen, um es zu rezensieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: K\u00f6nnen wir etwas \u00e4ndern? K\u00f6nnen wir daf\u00fcr sorgen, dass W\u00f6rtches Prognose Prognose bleibt und niemals Wirklichkeit wird? Ich wei\u00df es nicht. Aber versuchen wir es doch einfach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich mich vor nun auch schon geraumer Zeit der Kriminalliteratur zuwandte, hatte ich meine desillusionierendem Jahre auf literarischen M\u00e4rkten schon hinter mir. Ein \u201eexperimenteller Roman\u201c war geschrieben worden, der selbst im nur unter dem Mikroskop relevanten Segment f\u00fcr solcherlei Wortarbeit f\u00fcrchterlich floppte. 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