{"id":12348,"date":"2005-07-07T11:11:00","date_gmt":"2005-07-07T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12348"},"modified":"2022-06-06T00:08:34","modified_gmt":"2022-06-05T22:08:34","slug":"vargas-stein-rezension2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/vargas-stein-rezension2\/","title":{"rendered":"Vargas, Stein, Rezension(2)"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/engel.jpg\" alt=\"engel.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/vargas-stein-rezension1\/\" data-type=\"post\" data-id=\"12344\">Gestern <\/a>habt ihr gesehen, wie einer auf eine falsche F\u00e4hrte ger\u00e4t. Heute verr\u00e4t er euch, warum dem so war &#8211; und dass so etwas selbst den Besten passieren kann.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Je mehr Buchseiten das Gehirn verarbeitet hat, desto schneller mutiert man zum Pawlow\u2019schen Leser. Bestimmte Reize zeitigen bestimmte Reaktionen, und besonders Konsumenten von Kriminalromanen betreiben in ihrem bewussten und unbewussten Ged\u00e4chtnis eine aufwendige Lagerhaltung mit h\u00fcbsch sortierten Ablaufmustern, Dramaturgieschablonen und Handlungsfertigteilen. Noch mehr: Bestimmte Reize steuern nicht nur zielstrebig durch dieses Lager und bedienen sich, nein, sie f\u00f6rdern auch Abwehrhaltungen zu Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz konkret bei \u201eDer vierzehnte Stein\u201c: Der Roman beginnt mit der prototypischen Situation des \u201eeinsamen Helden\u201c und seines kriminalistischen Teams. Da ist, jedenfalls bei mir, das gute alte Schwedenduo (muss ich wirklich die Namen nennen? N\u00f6.) pr\u00e4sent und mit ihm die von dort gel\u00e4ufigen Muster. Teamarbeit; einer, zumeist der Rangh\u00f6chste, das Zentrum der Alltagsarbeit, die um ihn herum von mehr oder weniger ausgepr\u00e4gten Charakteren geleistet wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Vargas hingegen f\u00fchrt Adamsberg, ihren Protagonisten, als Supermann ein. Er wei\u00df alles. Er ist charismatisch. Einsamer Wolf, wie gesagt. Und genau dieses Muster weckt bei mir unliebsame Erinnerungen an \u00e4hnliche F\u00e4lle. Denn meine Erfahrung sagt mir, dass solche Supercops, solche unfehlbaren Typen stets aus einer Notwehrhaltung des Autors, der Autorin entstehen. Man kreiert mit W\u00f6rtern einen absolut sensationellen Charakter, den man im weiteren Verlauf der Handlung nicht mehr zu differenzieren braucht und, darin liegt das Eingest\u00e4ndnis schriftstellerischer Schw\u00e4che, auch gar nicht weiter differenzieren kann. Er ist eben unfehlbar \u2013 als Buchstabenclown, sozusagen, denn zumeist belegt die Handlung diese Unfehlbarkeit keineswegs. Es wird behauptet: basta! Ein ganz schlimmes \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/neu\/buchkritik\/2004\/martin_conrath_stahlglatt.php\">Beispiel<\/a>&nbsp;habe ich vor geraumer Zeit im damals noch webloglosen Hinternet vorgestellt \u2013 und Vargas\u2019 Adamsberg schien mir in die gleiche Kerbe zu schlagen, mit der Konsequenz, dass ich die weitere Lekt\u00fcre mit einem Vorurteil in Angriff nahm \u2013 und dieses \u201ein Angriff nehmen\u201c nehme man bitte w\u00f6rtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites Missverst\u00e4ndnis ergab sich aus diesem ersten. Auch es untrennbar verbunden mit dem Pawlow\u2019schen Reflex des Lesers, den bei einem Krimi zuv\u00f6rderst \u201edie Handlung\u201c interessiert. Nun, das ist eigentlich nichts Schlimmes, ja, es ist etwas sehr Normales. Der durchschnittliche Krimi ist handlungs- und l\u00f6sungsorientiert. Davon h\u00e4ngt alles andere ab. Ein Mord ist geschehen. Punkt. Der Kommissar erinnert sich an fr\u00fchere Morde nach dem gleichen Schema. Punkt. Kein Mensch glaubt ihm. Punkt. Er muss wieder mal solo f\u00fcr Gerechtigkeit sorgen. Punkt. Nat\u00fcrlich ger\u00e4t er knietief in die Schei\u00dfe. Punkt. Aber am Ende frohlockt er doch. Punkt, Punkt, Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Vorurteil nun hat mich unvorsichtig werden lassen. Ich war der literarische Detektiv, der versucht, einen Fall zu analysieren, kalten Blutes, naturellement, aber mein Blickwinkel (genauer: meine gedankliche Position zu Tat und T\u00e4ter) ist h\u00f6chst subjektiv und heikel. Ich fixiere einen Ablauf, der nicht zur L\u00f6sung f\u00fchren kann, aber ich starre wie gebannt auf diesen verflixten Adamsberg und die Story, ohne zu sehen, dass ein ganz anderer Ablauf im Zentrum dieses Romans steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon allein die Tatsache, dass dem so ist, dass neben diesem herk\u00f6mmlichen Prozedere des Lesens eines Kriminalromans \u00fcberhaupt noch ein anderes m\u00f6glich ist, spricht f\u00fcr den Text. Gute Literatur ist stets polyvalent und polyphon. Zum Gl\u00fcck ist mir das bei Seite 120 (es kann, ehrlich gesagt, auch 140 gewesen sein) wieder eingefallen. Und, noch ehrlicher gesagt, ein Grund war auch, dass ich ja wusste, wie sehr man diesen Roman bisher gelobt hatte! Sollten etwa alle Kollegen (darunter ein paar sehr gesch\u00e4tzte) sich geirrt haben? Oder am Ende ich&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Es war so. Ich hatte mich geirrt. Dieser Roman musste aus einem anderen Blickwinkel gelesen werden, die Rezension aus eben diesem Blickwinkel geschrieben. Und morgen k\u00f6nnt ihr sie endlich lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern habt ihr gesehen, wie einer auf eine falsche F\u00e4hrte ger\u00e4t. 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