{"id":12350,"date":"2005-07-08T11:11:00","date_gmt":"2005-07-08T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12350"},"modified":"2022-06-12T02:01:41","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:41","slug":"vargas-stein-rezension3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/vargas-stein-rezension3\/","title":{"rendered":"Vargas, Stein, Rezension(3)"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3351030304.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3351030304.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"258\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Vorweg: Liest man \u201eDer vierzehnte Stein\u201c als herk\u00f6mmlichen Krimi, fokussiert auf Handlungsf\u00fchrung und Plausibilit\u00e4t auf, funktioniert er wie die \u00fcbliche Dutzendware aus Autorenwillk\u00fcr und Unlogik.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Beispiele: W\u00e4hrend eines Lehrgangs in Kanada lernt Adamsberg ein junges, etwas seltsames M\u00e4dchen kennen und schl\u00e4ft mit ihm. Einige Tage darauf ist das M\u00e4dchen tot, erstochen mit einem Dreizack, der Mordwaffe des diabolischen Richters. Er ist, so die einzige logische Folgerung, Adamsberg nach Kanada gefolgt, und hat das M\u00e4dchen get\u00f6tet, um Adamsberg zu belasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Logisch? Also ich wei\u00df nicht. Woher wusste er, dass Adamsberg ein M\u00e4dchen kennenlernen w\u00fcrde? Warum setzt er sich \u00fcberhaupt der Gefahr aus, den Kommissar auf diese Weise auszuschalten? Weil er ihm auf der Spur w\u00e4re? Ist er doch gar nicht! Keiner glaubt ihm!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zweites Beispiel: Kommissar Adamsberg, des Mordes an obigem jungen M\u00e4dchen verd\u00e4chtigt, plant seine Flucht aus Kanada, wozu er sich der \u00dcberwachung duch die einheimische Polizei entziehen muss. Die ihn begleitende, nun ja, sehr kr\u00e4ftige Kollegin Violette Retancourt macht einen Vorschlag: Er m\u00f6ge sich, w\u00e4hrend die Polizei ihr Hotelzimmer durchsucht, an ihren R\u00fccken klammern. Die Beine vom Boden heben, damit sie das Man\u00f6ver nicht vereiteln, das Ganze durch einen gro\u00dfz\u00fcgig geschnittenen Bademantel kaschiert. Adamsberg wiegt 72 Kilo und ist normalgro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnte das wirklich funktionieren in dem, was wir \u201ewirkliches Leben\u201c nennen? Ich w\u00fcsste nicht wie. Jemand, er oder sie mag so dick sein wie er oder sie will, tr\u00e4gt 72 Kilo auf dem R\u00fccken \u2013 und keinem f\u00e4llt es auf? Der Bademantel verdeckt alles? Nee, also das glaube ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schweigen wir ganz von dem, was ich im ersten Teil ein wenig despektierlich die Geschw\u00e4tzigkeit der Autorin nannte. Das hei\u00dft: Nein, schweigen wir davon eben nicht, denn dieses ausufernde Schildern ist der Schl\u00fcssel zum Perspektivwechsel. Etwas in die Hand zu nehmen, es zu drehen und zu wenden, von allen Seiten zu betrachten, jede Beobachtung zu notieren: Das tut man, um sich zu vergewissern, eine Entwicklung in jedem ihrer Stadien festzuhalten, beinahe wissenschaftlich. Und das ist Vargas\u2019 Ziel: eine akribische Analyse dieses Mannes Adamsberg, den sie zun\u00e4chst fein s\u00e4uberlich auseinandernimmt, um ihn dann \u2013 neu \u2013 zusammenzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Akzeptiert man diese Lesart, zeigt sich der Charakter des Protagonisten in einem anderen Licht. Er, der so unfehlbar scheint, so arrogant und instinktgesteuert, wird allm\u00e4hlich dekonstruiert. Die Erkenntnis, dass jener tote Richter weitermordet, ist der Mei\u00dfel, den Vargas ansetzt, um ihr Werk zu beginnen. Ein toter Richter mordet? Adamsberg, der nicht zu denken braucht, dem alles kraft seiner \u00fcberw\u00e4ltigenden Pers\u00f6nlichkeit zuzufliegen scheint, kann es sich nicht anders vorstellen: Der Richter ist tot, daran gibt es keinen Zweifel. Das M\u00e4dchen aus Schiltigheim hat er aber ermordet! Den Gedanken, ein Nachahmer sei am Werk gewesen, weist er zur\u00fcck. Zumal er nicht von ihm kommt, sondern von Danglard, seinem Stellvertreter, der ihm in allem diametral gegen\u00fcber steht. Ein Kopfmensch eben, ein Bildungsb\u00fcrger, ein Spie\u00dfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mal\u00e4sse, in die Adamsberg nach dem Mord an seiner jungen Geliebten ger\u00e4t, bringt den Koloss endg\u00fcltig zu Fall. Von nun an ist ein Nichts, ein Haufen disparater Teile, die kein Ganzes mehr ergeben. Fred Vargas macht sich daran, ihn neu zu konstruieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu ben\u00f6tigt sie ausgerechnet und folgerichtig jenes Personal, das vom \u201ealten&#8220; Adamsberg wegen zu gro\u00dfer Intellektualit\u00e4t geringgesch\u00e4tzt wird: Danglard und Violette Retancourt. Hinzukommen zwei \u00e4ltere Damen und ein geistig eher schlichter Kollege aus Kanada. Mit ihrer Hilfe wird Adamsberg ein neuer Mensch: weniger arrogant, schon gar nicht mehr unfehlbar, nicht mehr ausschlie\u00dflich instinkt-, sondern bei Bedarf auch kopfgesteuert. Und dieses Kopfgesteuerte ist jetzt gefragt: Adamsberg kommt hinter die Beweggr\u00fcnde des Richters durch eine logisch-gedankliche Meisterleistung.<\/p>\n\n\n\n<p>So gelesen, zeigen sich auch die Spannungsb\u00f6gen, die den ganzen, 480 Seiten langen Text zusammenhalten \u2013 und den Leser bei der Stange. Sie ergeben sich nicht aus der Eins-zu-Eins-Rezeption der Handlung. Diese Handlung selbst wird in Symbole und Bilder zerlegt, auf eine wie gesagt sehr penible, bed\u00e4chtige, wissenschaftliche Art. Die Sache mit Adamsberg auf dem R\u00fccken seiner Kollegin etwa wird als Bild in diesem Kontext plausibel. Man ist immer an andere gekettet, kein solistisch-solipsistischer Akteur. Vor diesem Hintergrund hat das Bild durchaus Poesie. Es ist ungew\u00f6hnlich, bizarr und stark.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spannung ist nicht \u00e4u\u00dferlicher Natur (oder, so kann man es auch sehen: die Spannung der Story ist so moderat wie in den meisten Krimis). Sie entsteht durch die Metamorphose Adamsbergs, der alles untergeordnet ist. Nebenbei, und weil das \u201eNebenpersonal\u201c eine wichtige Funktion innerhalb des Neugestaltungsprozesses \u00fcbernimmt, formiert sich ein intensiver Chor volumin\u00f6ser Stimmen. Danglard und alle anderen, die die K\u00e4rrnerarbeit zu leisten haben, nehmen in ihrer Abstraktheit menschliche Gestalt an.<\/p>\n\n\n\n<p>Wozu aber der ganze Aufwand? Das nun ergibt sich ziemlich schnell aus der Handlung selbst. Adamsberg leidet an einem Trauma, und dieses Trauma ist eng mit dem Richter und seinen Untaten verbunden. Wie in jenem See, der Adamsberg in Kanada so beeindruckt, lagert diese Schicht unbeweglich unter den flie\u00dfenden Wassern der Biografie. Sie ist da, sie ist tot, aber ein Fossil lebt in ihr weiter. Ein Fossil, das nur auf den ersten Blick jener Richter ist. In Wahrheit ist es Adamsberg selbst, der heil-, ziel- und endlos als ein l\u00e4ngst aus der Menschenart geschlagenes Urzeitgesch\u00f6pf durch seine Vergangenheit schwimmt. Damit hat es nun ein Ende, das Brackwasser mit seinem Morast verschwindet f\u00fcr immer.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der vierzehnte Stein&#8220; beschreibt die Geschichte einer Heilung. Ein heilsamer Roman in jeder Hinsicht, dessen Konkretheit in Abstrakta \u00fcbersetzt wird, die im Verlauf der Geschichte wieder zur\u00fcck ins Leben \u00fcbertragen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Ein tolles Buch. Sagte ich ja schon.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Fred Vargas: Der vierzehnte Stein. Aufbau 2005. 480 Seiten, 22,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg: Liest man \u201eDer vierzehnte Stein\u201c als herk\u00f6mmlichen Krimi, fokussiert auf Handlungsf\u00fchrung und Plausibilit\u00e4t auf, funktioniert er wie die \u00fcbliche Dutzendware aus Autorenwillk\u00fcr und Unlogik. Zwei Beispiele: W\u00e4hrend eines Lehrgangs in Kanada lernt Adamsberg ein junges, etwas seltsames M\u00e4dchen kennen und schl\u00e4ft mit ihm. 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