{"id":12370,"date":"2005-07-14T11:11:00","date_gmt":"2005-07-14T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12370"},"modified":"2022-06-12T02:01:40","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:40","slug":"david-peace-1974","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/david-peace-1974\/","title":{"rendered":"David Peace: 1974"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/393589029X.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/393589029X.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"233\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>David Peaces \u201e1974\u201c geh\u00f6rt in mancherlei Hinsicht zu den erfreulichsten Erscheinungen des bisherigen Krimijahres. Schon dass damit ein kleiner, gar nicht auf Krimis spezialisierter Verlag mehr als einen Achtungserfolg erringen konnte, stimmt optimistisch. Das Buch wurde hinreichend rezensiert, dominierte die \u2192<a href=\"http:\/\/www.arte-tv.com\/de\/kunst-musik\/buchtipps\/KrimiWelt\/876880.html\">\u201eKrimi-Bestenliste\u201c<\/a>, was wiederum die Notwendigkeit und den Nutzen eines solchen Instrumentes beweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte von Edward Dunford, Gerichtsreporter f\u00fcr das n\u00f6rdliche England, nimmt keine R\u00fccksicht auf die sensiblen und durch jahrelanges Lesen h\u00f6herer Literatur domestizierten Geschmacksnerven seiner Leser. Kleine M\u00e4dchen werden brutal ermordet, ein Bau- und Korruptionsskandal scheint damit verkn\u00fcpft, Leeds und Umgebung sind trostlos, seine Einwohner verzweifelt oder zynisch, brutal oder hilflos, wahrscheinlich alles zusammen. Gewalt regiert, die S\u00e4fte flie\u00dfen, unser Held ist so weit entfernt von einem Helden, wie es weiter nicht sein kann, am Ende \u00fcberschlagen sich die Ereignisse, alles wird gut, das hei\u00dft: Alles wird noch schlechter.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Noir? Hard boiled? Ekelerregend? Nat\u00fcrlich. Meinetwegen. Vor allem aber: Exzellent geschrieben. Ein Text gewordenes Belegst\u00fcck f\u00fcr die These, Literatur werde nicht zu Literatur, indem man tief in die Reflexionskiste greift und sich in stilistische H\u00f6hen zwirbelt, wo Thomas Mann Ernest Hemingway auf die Stirn k\u00fcsst und Franz Kafka am Horizont stumm dazu nickt. L&#8217;art pour l&#8217;art, Kunsthandwerk, l\u00e4cherlich. Peaces Sprache ist angemessen, die Diktion schnell, nerv\u00f6s, sie zerschneidet die Kontinuit\u00e4t des Erz\u00e4hlten wie die Kontinuit\u00e4t seiner Wahrnehmung. Angemessen: Das ist das Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Angemessen. Man schneidet einem Schwan bei lebendigem Leib die Fl\u00fcgel ab und n\u00e4ht sie auf den R\u00fccken eines ebenfalls noch lebenden kleinen M\u00e4dchens, dessen Vagina zuvor mit dem Stiel einer Rose maltr\u00e4tiert wurde. Ein Zigeunerlager brennt, die Polizei steht grinsend daneben. Die Mutter eines der verschwundenen M\u00e4dchen springt auf, schreit \u201eIch liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!\u201c, blo\u00df weil Eddie Interesse daran bekundete, das Schicksal ihres Kindes aufzukl\u00e4ren. Dann gehen sie miteinander ins Bett, die Mutter spricht von ihrem Kind, Eddie vollzieht den Akt wie eine n\u00fcchterne Buchhalterarbeit (eine der gro\u00dfartigsten Szenen des Romans). Sp\u00e4ter n\u00f6tigt er die Frau zum Analverkehr, bis das Blut flie\u00dft. Und so weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Angemessen. Aber was wird hier dargestellt? Gewalt als Stilmittel? Der Exzess bis zum Exzess abgebildet? Abgebildet. Was wird hier abgebildet? Die Wirklichkeit Nordenglands, Wirklichkeit gar?<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss in einer seltsamen Welt leben, wenn man glaubt, Peace habe uns ein \u201eauthentisches Bild\u201c jener Zeit und jenes Ortes \u00fcberliefert. Das ist so, als r\u00fchmte man James Ellroy als \u201eden Fotografen der&nbsp;<em>unser aller&nbsp;<\/em>amerikanischen Wirklichkeit\u201c, was er nicht ist, weil er viel mehr ist. Oder schriebe einen Essay \u00fcber das schwedische Wohlfahrtsmodell an Hand der Romane von Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 oder, viel schlimmer, Henning Mankell. Nein, Peace hat das Szenario, in dem die bestialischen Morde stattfinden, diesen angepasst. Er hat die Wirklichkeit \u00fcberdehnt, bis sie so bestialisch wurde wie das, was sie gemeinhin zerst\u00f6rt: das Verbrechen. Das ist nicht die feine Art des Krimis, in dem das B\u00f6se wie ein Krater im Normalen klafft. Alles in \u201e1974\u201c spielt sich auf der gleichen moralischen Ebene ab: der Geschlechtsverkehr, die M\u00e4dchenmorde, der Redaktionsalltag, das Billardspiel in einer versifften Kneipe.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Peace damit erreicht, ist grandios. Weil alles nivelliert wird, weil Gut und B\u00f6se nicht mehr getrennt sind, funktioniert sein Roman wie eine n\u00fcchterne Versuchsanordnung. Man ersetze die M\u00e4dchenmorde durch etwas weniger Bestialisches, sagen wir: die Lieblosigkeit, mit der man die Jugend sich selbst \u00fcberl\u00e4sst \u2013 und schon senkt sich das Ambiente drumherum. Die Polizisten etwas weniger brutal, die Geschlechtsakte weniger drastisch, weniger Blut, weniger Kotze, weniger Schei\u00dfe. So kann man sich, wie man will, die Wirklichkeit einpendeln lassen, auf ihrem normalen Niveau, das aber alles andere ist als ein zivilisiertes. Grausamkeit, Dummheit, Rassismus: Aggregatzust\u00e4nde des Allt\u00e4glichen. Literatur, der solches gelingt, ist gro\u00dfe Literatur.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">David Peace: 1974. Liebeskind 2005, 384 Seiten, 22 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Peaces \u201e1974\u201c geh\u00f6rt in mancherlei Hinsicht zu den erfreulichsten Erscheinungen des bisherigen Krimijahres. Schon dass damit ein kleiner, gar nicht auf Krimis spezialisierter Verlag mehr als einen Achtungserfolg erringen konnte, stimmt optimistisch. Das Buch wurde hinreichend rezensiert, dominierte die \u2192\u201eKrimi-Bestenliste\u201c, was wiederum die Notwendigkeit und den Nutzen eines solchen Instrumentes beweist. 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