{"id":12401,"date":"2005-07-20T11:11:00","date_gmt":"2005-07-20T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12401"},"modified":"2022-06-12T02:01:39","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:39","slug":"provinziell-und-provinziell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/provinziell-und-provinziell\/","title":{"rendered":"Provinziell und provinziell"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/168.gif\" alt=\"168.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Provinzialit\u00e4t des neueren deutschen Kriminalromans sei, so h\u00f6rt man, sprichw\u00f6rtlich. Stimmt doch, oder? Durch die Kr\u00e4hwinkel ihrer deutschen Lande stapfen Autor und Held, deutsches Denken in den deutschen K\u00f6pfen, K\u00f6lsch in den Kehlen, und wer das liest, der achtet peinlich auf das Korrekte der Recherche, der wei\u00df genau, dass im Eifelland im Dorfe X. die erste Stra\u00dfe rechts, wenn man von Y. kommt, \u201eHauptstra\u00dfe\u201c hei\u00dft und nicht anders. Der deutsche Krimi, so kommt\u2019s einem vor, spielt sich unter Zipfelm\u00fctzen ab.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wann immer mir der Begriff \u201eprovinziell\u201c im Zusammenhang mit deutschen Krimis begegnet, ist er geografisch gemeint. Und sobald ein Autor sein Werklein au\u00dferhalb der Grenzen unseres Vater- und Mutterlandes ansiedelt, ernennt man ihn gleich zum Schwurbruder f\u00fcr potentielle \u201eWeltl\u00e4ufigkeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Zufall, dass mir in j\u00fcngster Zeit drei deutsche Krimis explizit nicht-provinziellen Charakters untergekommen sind: Daniel Dubbes \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/06\/daniel-dubbe-tropenfieber.php\">\u201eTropenfieber\u201c<\/a>&nbsp;entfaltet seine Handlung auf Madagaskar, Bernhard Sinkels \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-forum.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=3739&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0\">\u201eBluff\u201c<\/a>&nbsp;wirft seinen Personalstamm zwischen Berlin und den USA hin und her, D.B . Blettenbergs \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/07\/db-blettenberg-harte-schnitte.php\">\u201eHarte Schnitte\u201c<\/a>&nbsp;haben M\u00fcnchen, die USA sowie Afrika zu Schaupl\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun reichlich exotisch, wenn uns deutsche Zungen von fremden L\u00e4ndern erz\u00e4hlen \u2013 aber tun sie das wirklich? In allen drei Romanen (von denen ich zwei, nota bene, f\u00fcr ziemlich mi\u00dfgl\u00fcckt halte) sind die Protagonisten Deutsche, ihre Probleme desgleichen, und das Fremde zurrt auf eine reine Kulissenfrage zusammen. Afrika- und Amerikatag in der Provinz, m\u00f6chte man sagen, ein Neger bietet Kunstgewerbe an, eine amerikanische Countryband nudelt Westernweisen. Das ist ja unglaublich sch\u00f6n, da prickelts unter der Zipfelm\u00fctze \u2013 aber wirklich \u201enicht provinziell\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich es richtig einsch\u00e4tze, tauchte von Kritikerseite der Vorwurf der Provinzialit\u00e4t in den fr\u00fchen 50er Jahren auf und bezog sich auf das \u201eWeltabgewandte\u201c der deutschen Literatur jener Zeit. Dieses Abgekoppeltsein von der literarischen Moderne hatte historische Ursachen. Wer unmittelbar nach dem Krieg hierzulande zu schreiben begann, kannte in der Regel weder Hemingway noch Faulkner, weder Joyce noch Dos Passos, ja, sogar von der eigenen Tradition war man 1933 brutal abgeschnitten worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Provinziell bedeutete also urspr\u00fcnglich: abseits vom aktuellen Entwicklungsstand der Literatur. Das hatte nichts mit Themen und Orten zu tun, wies lediglich darauf hin, dass anderswo die Literatur weitergegangen war und ihre Errungenschaften die Provinz Deutschland noch nicht erreicht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Beziehen wir das jetzt auf den Kriminalroman, so kann \u201eprovinziell\u201c in diesem Zusammenhang etwa bedeuten, das Agatha-Christie-Schema einer Handlung aufzupfropfen, die meinetwegen auf Haiti spielt und viele schwarze Voodoom\u00e4nner und noch mehr dunkle, schwei\u00dfperlende Frauenhaut in petto hat. Ein nicht provinzieller Krimi hingegen mag im Schwarzwald spielen, sich aber stilistisch und dramaturgisch der Mittel bedienen, die zum Kanon der Moderne geh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Provinz, das ist die Konvention, die Risikolosigkeit, das gesch\u00e4ftliche Kalk\u00fcl. Dubbe, vor allem aber Sinkel, schreiben konventionell, ohne Risiko, klammern sich an die Exotik und die Legenden wie ein Markenprodukt an sein Logo. Blettenberg wenigstens geht dar\u00fcber hinaus. Nicht ohne Schw\u00e4chen zwar, aber literarisch durchaus auf der H\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p>Bliebe die Kritik, die sich des Provinziellen als einer Waffe bedient, die vorgibt scharf zu sein, in Wirklichkeit jedoch so stumpf ist wie die Argumentation, die sich ihrer bedient. Literatur atmet nicht durch die Kulisse, Exotik ist kein Standortvorteil per se, sondern leider allzuoft die bunte Tapete auf das Rissige einer bauf\u00e4lligen Story gekleistert. Und, obacht: Ein madegassischer Krimi, von einem Madegassen geschrieben, ist provinziell, wenn Provinzialit\u00e4t w\u00e4re, was sie in schlichten Weltbildern sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Kriminalroman, der \u00fcber R\u00e4tselbelange hinausgeht, der mehr sein will als ein deduktives Kabinettst\u00fcckchen, wird uns das, was er zu sagen hat, immer in der Form sagen, die angemessen ist. Das kann sehr wohl mit Mitteln der literarischen Provinz geschehen. Solange man eine Ahnung davon hat, dass es noch anderes Werkzeug gibt. Ein Schraubenzieher, ein Hammer, eine S\u00e4ge: sch\u00f6n und gut. Beim Umgraben eines Gartens erweisen sie sich aber als ziemlich nutzlos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Provinzialit\u00e4t des neueren deutschen Kriminalromans sei, so h\u00f6rt man, sprichw\u00f6rtlich. Stimmt doch, oder? Durch die Kr\u00e4hwinkel ihrer deutschen Lande stapfen Autor und Held, deutsches Denken in den deutschen K\u00f6pfen, K\u00f6lsch in den Kehlen, und wer das liest, der achtet peinlich auf das Korrekte der Recherche, der wei\u00df genau, dass im Eifelland im Dorfe X. 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