{"id":12403,"date":"2005-07-21T11:11:00","date_gmt":"2005-07-21T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12403"},"modified":"2022-06-12T02:01:38","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:38","slug":"d-b-blettenberg-harte-schnitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/d-b-blettenberg-harte-schnitte\/","title":{"rendered":"D.B. Blettenberg: Harte Schnitte"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3865320090.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3865320090.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"249\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Obwohl in diesem Roman vier Menschen gewaltsam zu Tode kommen, f\u00e4llt es schwer, ihn einen Krimi nennen. Das kann Gutes oder Schlechtes bedeuten. Kann, beginnen wir mit dem Schlechten, einfach hei\u00dfen, hier habe ein Autor mit b\u00f6ser Absicht Elemente aus der Krimikiste gemopst, um einen vielleicht zu spannungsarmen Text aufzumotzen. Kann aber auch (jetzt sind wir beim Guten) bedeuten, dass wir uns einer ungewohnten Form von Kriminalroman gegen\u00fcbersehen, die uns zun\u00e4chst einmal verleugnen l\u00e4sst, was nicht offensichtlich ist.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Blettenbergs \u201eHarte Schnitte\u201c laviert auf einem Mittelweg, der dem Guten n\u00e4her ist als dem Schlechten. Kurz zum Inhalt. Der Filmemacher Joe Daimler recherchiert f\u00fcr ein Projekt \u00fcber den \u201eLebensborn\u201c, eine der vielen Ungeheuerlichkeiten der Nazizeit, als vollarische M\u00e4nner mit SS-Zugeh\u00f6rigkeit blonde Germaninnen befruchteten, um \u201edie Rasse\u201c zu veredeln und der Nachwelt zu sichern. Daimlers fiktive Aufarbeitung des Themas kollidiert mit Tabus und macht die neuen Nazis auf den Regisseur aufmerksam. Die Arbeit am Drehbuch f\u00fchrt ihn nach Florida, wo er einem amerikanischen Zeitzeugen begegnet, der ihm eine schreckliche Wahrheit er\u00f6ffnet. Daimler selbst ist das Produkt einer \u201eLebensborn\u201c-Kopulation, und der Vater lebt noch, irgendwo in Afrika. Daimler macht sich auf die Suche.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur gleichen Zeit sucht auch die Journalistin Chris Baumann nach ihrem arischen Vater, ebenfalls in Afrika. Sie tut sich mit dem Entwicklungshelfer Frost zusammen, einem ostdeutschen Mechaniker, der seinerseits nach dem Aufenthaltsort seines schn\u00f6de entschwundenen Vaters fahndet. Vier Menschen, wie gesagt, werden diese Aktionen nicht \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sp\u00fcrt f\u00f6rmlich die harte Hand, mit der Blettenberg seine Story zu ihrem logischen Gl\u00fcck zu zwingen versucht. Schon die bei Neonazis und M\u00fcnchner Intelligenzschickera ob des Daimlerischen Planes ausbrechenden Emotionen erscheinen k\u00fcnstlich hochgekocht, des Protogonisten \u201eLebensborn\u201c-Herkunft koinzidiert zu auff\u00e4llig zuf\u00e4llig mit seinem \u201eLebensborn\u201c-Projekt. Und dass mit der Journalistin und dem Entwicklungshelfer gleich noch zwei weitere Personen auf Vatersuche sind, auch sehr schnell klar wird, dass Daimler und Chris Baumann ein und denselben Mann ausfindig machen wollen, ist eigentlich zu starker Tobak, mit dem sich ein Krimifreund gemeinhin das Pfeifchen nicht stopft.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber kommen wir zu der Art und Weise, wie Blettenberg seinen Roman geschrieben hat, kommen wir zu den literarischen Qualit\u00e4ten. \u201eHarte Schnitte\u201c: das ist w\u00f6rtlich zu nehmen. St\u00e4ndig wechselnde Erz\u00e4hlperspektiven, abrupter Bruch der Erz\u00e4hlzeit, ein St\u00fcck vierziger Jahre, das zwei Str\u00e4nge Gegenwart zusammenh\u00e4lt, unterschiedliche Textsorten \u2013 Drehbuchpassagen &#8211; Abs\u00e4tze aus Reiseberichten &#8211; historische Abschweifungen zu Lettow-Vorbeck, dem deutschen \u201eAfrika-Pionier\u201c, die sagenhafte Stanley-Livingston-Begegnung im Urwald \u2013 hart geschnitten, das schon, aber sehr dicht montiert und in pr\u00e4ziser Bild-Sprache abgespult.<\/p>\n\n\n\n<p>Blettenbergs Roman, 1995 erstmals ver\u00f6ffentlicht und in diesem Jahr bei Pendragon neu aufgelegt, muss Erwartungen entt\u00e4uschen, die den Zugang \u00fcber die reine Krimistory suchen. Wer sich ihm stattdessen \u00fcber die formale Seite n\u00e4hert, kommt durchaus auf seine Kosten und erh\u00e4lt eine Parabel \u00fcber das Suchen und Finden, vor allem aber \u00fcber das Umherirren. Krimielemente als Transportmittel &#8211; warum nicht? Die Story ist der Konstruktion untergeordnet, die Handlung unterst\u00fctzt das Formale, das Formale verweist schlie\u00dflich auf die Thematik des Textes. Das gibt es halt nicht bei Agatha Christie und Konsorten. Schon allein deswegen ein empfehlenswertes Buch.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">D.B. Blettenberg: Harte Schnitte. Pendragon 2005, 272 Seiten, 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl in diesem Roman vier Menschen gewaltsam zu Tode kommen, f\u00e4llt es schwer, ihn einen Krimi nennen. Das kann Gutes oder Schlechtes bedeuten. Kann, beginnen wir mit dem Schlechten, einfach hei\u00dfen, hier habe ein Autor mit b\u00f6ser Absicht Elemente aus der Krimikiste gemopst, um einen vielleicht zu spannungsarmen Text aufzumotzen. 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