{"id":12417,"date":"2005-07-28T11:11:00","date_gmt":"2005-07-28T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12417"},"modified":"2023-01-17T04:06:02","modified_gmt":"2023-01-17T03:06:02","slug":"carl-von-holtei-schwarzwaldau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/07\/carl-von-holtei-schwarzwaldau\/","title":{"rendered":"Carl von Holtei: Schwarzwaldau"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/schwarzwaldau.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/schwarzwaldau.gif\" alt=\"schwarzwaldau.gif\" width=\"188\" height=\"236\"\/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Ich habe selten mit solch wachsendem Zorn und Unverst\u00e4ndnis ein Buch gelesen wie Carl von Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c \u2013 und das lag nicht an dem Buch, vielmehr daran, dass es ein Buch \u201eSchwarzwaldau\u201c im handfest papiernen Sinne gar nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit seinem Erscheinen 1856 d\u00fcrfte \u201eSchwarzwaldau\u201c nicht mehr ver\u00f6ffentlicht worden sein; ein Kleinod der deutschen Kriminalliteratur, dessen man nur dank der vorbildlichen Arbeit der \u201eGesellschaft der Arno-Schmidt-Leser\u201c als \u2192<a href=\"http:\/\/www.gasl.org\/refbib\/Holtei__Schwarzwaldau.pdf\">PDF-Datei<\/a>&nbsp;habhaft werden kann, ein Kleinod, sage ich, das die uns gemeinhin als \u201ePerlen der deutschen Kriminalliteratur im 19. Jahrhundert\u201c empfohlenen Werke \u00e0 la \u201eJudenbuche\u201c oder \u201eUnterm Birnbaum\u201c als das erkennen l\u00e4sst, was sie in Wirklichkeit sind: nette Petitessen, moralgetr\u00e4nkte, bestenfalls mit K\u00fcchenpsychologie ges\u00e4uerte Nebenarbeiten ihrer Sch\u00f6pfer.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dagegen \u201eSchwarzwaldau\u201c. Gut, ich gestehe, dass mir Arno Schmidts Urteil, dies sei \u201eder beste deutsche Kriminalroman\u201c, immer verd\u00e4chtig vorgekommen ist, zu gut kenne ich des Alten Einstellung zum Krimi und gebe auf seine Verdikte hinsichtlich dieses Sujets nicht viel. Aber hier hat er (fast vollst\u00e4ndig) Recht. Sicher nicht &#8222;der beste&#8220;, aber ein verdammt guter Krimi.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchwarzwaldau\u201c ist ein Psychokrimi im besten Sinn. Kein Rei\u00dfer, nat\u00fcrlich nicht, sondern eine furios entwickelte Studie \u00fcber Leidenschaften, ausgelebte, vor allem aber verdr\u00e4ngte, \u00fcber Sexualit\u00e4t in sonderheit, was immer angedeutet, selten ausgesprochen wird, doch \u00fcber dem Ganzen liegt wie die Wolken eines Gewitters, das dann losbricht und dessen Blitze schlie\u00dflich alles erschlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt erfreulich biedermeier-beh\u00e4big. Auf Gut Schwarzwaldau, irgendwo zwischen Berlin und Dresden, leben im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts der Landadelige Emil von Schwarzwaldau und seine Gemahlin Agnes. Die Ehe ist nicht gl\u00fccklich. Emil, schwerm\u00fctig und verschlossen, und Agnes, jungfr\u00e4ulich zur\u00fcckhaltend, leben eine Nicht-Ehe, auch in sexueller Hinsicht. So unertr\u00e4glich wird die Situation, dass Emil sich zum Selbstmord entschlie\u00dft, in letzter Sekunde von seinem B\u00fcchsenspanner Franz davon abgehalten wird, Franz, der gleichfalls Hand an sich legen wollte, weil er in Agnes verliebt ist, sich, als Vorbestrafter zumal, jedoch keine Hoffnungen auf sie machen darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lage scheint sich zu entspannen, als Agnes\u2019 Jugendfreundin Caroline, ledige Tochter eines reichen Kaufmanns, zu Besuch kommt und auch Emil einen Freund findet, den sehr schl\u00e4frigen und opportunistischen Sohn des verarmten Nachbargutes, Gustav von Thalwiese.<\/p>\n\n\n\n<p>Was sich nun zwischen diesen F\u00fcnfen entwickelt, ist Psychokarussell pur. Caroline verliebt sich in den berechnenden Gustav, dieser aber zu seiner \u00dcberraschung in Agnes, Emil liebt Gustav und ermutigt seine Frau gar, die Avancen des Galans positiv zu bescheiden, was diese denn auch tut. Caroline, die Zur\u00fcckgewiesene, reist beleidigt ab, Franz sinnt auf finstere Rache und nimmt sie auch \u2013 allerdings mit einem so nicht geplanten Ausgang. Ende erstes Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Buch \u00fcberschlagen sich dann die Ereignisse, und am Ende wird von den f\u00fcnf Hauptpersonen nur noch eine am Leben sein. Uns erwartet ein raffiniert geplanter und durchgef\u00fchrter Mord, eine \u00dcberf\u00fchrung qua Indizienbeweis und, wie schon gesagt, ein Panoptikum der unterschiedlichsten Charaktere, s\u00e4mtlich zwischen Gut und B\u00f6se lavierend, nicht genau zuzuordnen. Im Zentrum steht Emil von Schwarzwaldau, dessen Dilemma allm\u00e4hlich deutlich wird, ohne jemals mehr als vage angedeutet worden zu sein: Er hat, wenigstens, homosexuelle Neigungen, m\u00f6chte den Geliebten nicht verlieren und g\u00f6nnt ihm daher mehr als nur platonische heterosexuelle Techtelmechtel mit der eigenen Frau. Das hat was.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Autor mag man von Holtei nicht unbedingt als erstklassig einsch\u00e4tzen, doch ist er, um eine Formulierung Arno Schmidts aufzugreifen, \u201eein guter Meister zweiten Ranges\u201c, von denen es in der deutschen Romanliteratur nicht allzu viele gibt, von Meistern ersten Ranges ganz zu schweigen. Umso unverst\u00e4ndlicher, dass \u201eSchwarzwaldau\u201c wohl nach 1856 keine weitere Auflage erlebt hat, im Gegensatz zur Novelle \u201eMord in Riga\u201c, einem netten, im Gro\u00dfen und Ganzen aber doch eher harmlosen Belegst\u00fcck fr\u00fcher deutscher Kriminalschriftstellerei. Ich lasse mich hier aber gerne eines Besseren belehren, doch Fakt bleibt: Eine Neuauflage von \u201eSchwarzwaldau\u201c ist \u00fcberf\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachtrag: &#8230; und inzwischen l\u00e4ngst besorgt. \u2192<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/einladung-zur-subskription\/\" data-type=\"post\" data-id=\"16006\">\u00a0Hier<\/a>\u00a0gibts n\u00e4here Informationen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe selten mit solch wachsendem Zorn und Unverst\u00e4ndnis ein Buch gelesen wie Carl von Holteis \u201eSchwarzwaldau\u201c \u2013 und das lag nicht an dem Buch, vielmehr daran, dass es ein Buch \u201eSchwarzwaldau\u201c im handfest papiernen Sinne gar nicht gibt. 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