{"id":12431,"date":"2005-08-03T11:11:00","date_gmt":"2005-08-03T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12431"},"modified":"2022-06-12T02:01:36","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:36","slug":"ein-serienheld-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/ein-serienheld-erzaehlt\/","title":{"rendered":"Ein Serienheld erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/held.gif\" alt=\"held.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Hallo. Sie kennen mich. Oder nicht? Kevin Puffendorf, der Krimiserienheld. Na sehen Sie. Gewiss erinnern Sie sich noch, wie ich den vergrabenen Nazischatz aufgesp\u00fcrt und dabei die latente Pogromstimmung hierzulande gleich mit ausgebuddelt habe. \u201eKevin Puffendorf\u201c, haben Sie ausgerufen, \u201eKevin Puffendorf ist schwer in Ordnung. Der bricht die Tabus, der ist einer von uns!\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dabei \u2013 ein langes Leben hatte mir mein Autor anfangs gar nicht verg\u00f6nnt. Es war vielmehr so: Fast jeder in seiner Familie war irgendwann mit gl\u00e4nzenden Augen aufgetaucht und hatte ein druckfrisches B\u00fcchlein geschwenkt. \u201eDa! MEIN Krimi!\u201c. Und als dann sogar Onkel Albrecht, der ein Pr\u00e4dikat nur von den Etiketten der Weinflaschen her kennt, mit einem \u201ehistorischen Thriller\u201c re\u00fcssierte, da setzte sich mein Autor seufzend nach Feierabend an seinen Computer und schrieb halt auch einen Krimi. Land der Dichter und Krimiautoren, Sie kennen ja den alten Spruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist mein Autor Sachbearbeiter in der gefl\u00fcgelverarbeitenden Industrie. Aber in Deutsch hatte er immer eine 2, und wenn ihm das Fr\u00e4ulein Mischkies damals nicht aus erzieherischen Gr\u00fcnden einen vor den Latz geknallt h\u00e4tte, w\u00e4rs sogar eine 1 geworden. Na ja, dann h\u00e4tte er Lyrik verzapfen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>So also, nach Feierabend, kam ich in die schillernde Welt der Literatur. Einen Verleger zu finden war kein Problem, ist \u00fcberhaupt heutzutage das Leichteste beim Schreiben. Die Lektorin war voll nett und hat auch nur ganz kurz versucht, meinem Autor den Kevin Puffendorf, also mich, auszureden. Lesbische Detektivinnen seien total gefragt, hat sie bemerkt, und als Heterosexueller sei mein Autor doch quasi Experte f\u00fcr Personen, die Frauen lieben. Aber da ist er standhaft geblieben, und das rechne ich ihm hoch an.<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n; der Erstling hat sich nicht gerade wie geschnitten Brot verkauft. Bevor mein Autor \u201eBestseller\u201c murmeln konnte, lag das B\u00fcchlein auch schon auf den Ramschtischen. Ende eines kurzen Daseins. Das, unter uns, so aufregend auch gar nicht war. Meistens stand ich nur dumm in der Kulisse rum und hab auf den Zufall gewartet, der mich von Seite 115 zur Seite 116 transportieren musste. Viel zu sagen hatte ich auch nicht, weil \u2013 ich bin hardboiled. Mein Autor hat immer den Bogart im Kopf gehabt, als er mich ins Leben warf, eine Kippe zwischen die Lippen geklemmt und kein Satz mehr als sieben W\u00f6rter lang. \u201eSie d\u00fcrfen nicht vergessen, mein lieber Herr X\u201c, hat ihn die Lektorin belehrt, \u201edass unsere Zielgruppe gerade mal unfallfrei durch die Hauptschule gekommen ist. Wenn Sie Realsch\u00fcler erreichen wollen, m\u00fcssen Sie \u201ecozy\u201c schreiben und f\u00fcr Abiturienten bittesch\u00f6n \u201eliterarisch\u201c. Das hat mein Autor nat\u00fcrlich nicht gewollt. Wo k\u00e4men wir denn da hin, wenn einer nach Feierabend auch noch literarisch ein Buch schreiben m\u00fcsste!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber irgendwie \u2013 ich wei\u00df auch nicht \u2013 hat mein Autor Blut geleckt und einen zweiten Krimi geschrieben. Mit einer lesbischen Detektivin als Heldin, denn er ist ja lernf\u00e4hig. Aber da hat die Lektorin resolut abgewunken. \u201eNein, nein, mein Bester. Denn erstens sind Lesben inzwischen total out. Und zweitens: Ihr Kevin Puffendorf hat das Zeug zum Serienhelden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Da war es, das S-Wort. \u201eSerienheld\u201c. Die Lektorin hat das meinem Autor br\u00fchwarm erkl\u00e4rt. \u201eWissen Sie, mein Lieber, das Publikum mag Serienhelden. Das ist wie Familie. Auch immer die gleichen Figuren, langweilig und nervig, aber eben Familie. Man wei\u00df genau, was einem bl\u00fcht, man kennt die Spr\u00fcche, kennt die Macken. Und bei Krimis ist es das Gleiche. Schon auf der ersten Seite, wenn es hei\u00dft: \u201aKevin Puffendorf hatte Kopfschmerzen. Er stand auf und suchte die Aspirinpackung\u2019 \u2013 genau jetzt also seufzt der Leser, seufzt die Leserin erleichtert: Ha, Kevin Puffendorf, altes Haus! Sch\u00f6n, dich zu sehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hat meinem Autor dann gewisse Verhaltensregeln mitgegeben. Erste und wichtigste Regel: Kevin Puffendorf hat eine depressiv-nachdenkliche Ader. Das ist deshalb wichtig, weil allein das Nachdenken f\u00fcr mindestens 60 Normseiten gut ist und dem Leser, der Leserin das Gef\u00fchl gibt, keinen ungebildeten Schei\u00df zu lesen, sondern gebildeten. Zweite Regel: Blo\u00df keine Entwicklung! Kevin Puffendorf muss immer der erfolglose Schn\u00fcffler bleiben, der eine gescheiterte Ehe hinter sich hat, Bourbon liebt und, wenn er eine Frau becirct, \u201ena, Baby\u201c sagt. Nichts hasst der Leser, die Leserin so sehr wie alte Bekannte, die ihn \u00fcberraschen. Das ist wie im richtigen Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider ging bei meinem zweiten Abenteuer einiges schief. Im ersten Buch war ich 35 und meine geschiedene Frau hie\u00df Marion. Im zweiten war ich bl\u00fchende 49 und meine Ex h\u00f6rte auf den Namen Sieglinde. Dumm gelaufen, weil \u2013 zu der Zeit hatten sie Revision in der Firma, und mein Autor konnte nach Feierabend nicht richtig abschalten. Au\u00dferdem h\u00e4tte er ja das erste Buch noch mal lesen m\u00fcssen \u2013 was man ihm nun wirklich nicht zumuten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verlag jedenfalls hat gute Arbeit geleistet. Auf dem Buchdeckel klebte ein knallgelbes rundes Schildchen \u201eKevin Puffendorf ermittelt wieder!\u201c, was den Absatz ohne weiteres um 1200 Exemplare erh\u00f6hte. Und der Waschzettelfutzi, der f\u00fcr den Klappentext und das ganze Pipapo verantwortlich ist, hat sich auch nicht lumpen lassen. Kein Wunder, war ja im Volkshochschulkurs \u201eDeutsch als Hochleistungssport\u201c gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Glauben Sie mir: Keiner war \u00fcberraschter als ich, dass ich nach 340 Seiten tats\u00e4chlich einen Massenm\u00f6rder \u00fcberf\u00fchrt, ein kleines M\u00e4dchen vor der Zwangsprostitution gerettet und einen korrupten Richter zu Fall gebracht hatte! Und das alles durch Rumlaufen und Rumgr\u00fcbeln! Man glaubt ja gar nicht, wie viele Zuf\u00e4lle es im Leben gibt, vor allem, wenn es ein Krimi ist, vor allem, wenn er am Feierabend geschrieben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch hat sich dann auch ganz ordentlich verkauft, und mein Autor hat sich sogleich an den dritten Fall gesetzt. \u201ePassen Sie auf\u201c, hatte ihn die Lektorin belehrt, \u201ediesmal k\u00f6nnten wir Kevin Puffendorf selbst in den Fall involvieren, wie man in der Buchbranche so sagt. Er verliebt sich in die Hauptverd\u00e4chtige. Oder die Hauptverd\u00e4chtige entpuppt sich als seine uneheliche Tochter. Oder Kevin Puffendorf wird selbst als Hauptverd\u00e4chtiger von der Polizei gejagt. Oder Kevin Puffendorf hat einen mordsm\u00e4\u00dfigen Durchh\u00e4nger und ermittelt auf Mallorca, wo er sich zwecks Erholung aufh\u00e4lt \u2013 dann haben wir auch gleich noch einen deutschen Regionalkrimi, was immer gut ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gesagt, getan. Ich bekam einen mordsm\u00e4\u00dfigen Durchh\u00e4nger, weil die Hauptverd\u00e4chtige, mit der ich schon nach 13 Seiten in die Kiste stieg, meine uneheliche Tochter war und auf Mallorca anschaffen ging. Ein Riesenerfolg!<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Serienhit!\u201c \u2013 so schreit der Aufkleber auf meinem vierten Abenteuer. Meine Tochter war nat\u00fcrlich gar nicht meine Tochter (\u201eInzest ist pfui!\u201c, hatte die Lektorin gewarnt) und hat auch nicht angeschafft. Sie ist verdeckte Ermittlerin beim BKA und jetzt halt so eine Art Sub-Co-Serienheldin, weil sie mir nicht nur die Hormone glattb\u00fcgelt, sondern auch f\u00fcr die Zuf\u00e4lle sorgt, die ich so notwendig brauche, um einen Fall zu l\u00f6sen. Einen politischen, klar. Stehen ja Wahlen vor der T\u00fcr. Und das Publikum liebt mich! Es kriegt gar nicht genug von mir! Immer noch muss ich seitenlang erkl\u00e4ren, warum Bourbon mein Lieblingsgetr\u00e4nk ist und dass ich als Kind mal beinahe von der M\u00fcllabfuhr mitgenommen worden w\u00e4re, weil ich unvorsichtigerweise in die Tonne gekrabbelt bin. Ja, das ist er, unser Kevin!, seufzt dann der Leser, die Leserin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens: Mein Autor hat seinen Sachbearbeiterjob inzwischen geschmissen und arbeitet als \u2013 Sie werden es nicht glauben \u2013 \u201eSchriftsteller\u201c! Er denkt \u00fcber einen literarischen Krimi nach, also \u00fcber einen, wo man auch Landschaften und Stimmungen beschreibt (\u201eDas Firmament kotzte Sterne. Der Mond war so fahl wie das Gesicht des Toten oder andersrum.\u201c). So wie damals im Deutschunterricht! Hefte raus, Besinnungsaufsatz! Blo\u00df dass das Fr\u00e4ulein Mischkies ihm jetzt keinen mehr aus erzieherischen Gr\u00fcnden vor der Latz knallen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hallo. Sie kennen mich. Oder nicht? Kevin Puffendorf, der Krimiserienheld. Na sehen Sie. Gewiss erinnern Sie sich noch, wie ich den vergrabenen Nazischatz aufgesp\u00fcrt und dabei die latente Pogromstimmung hierzulande gleich mit ausgebuddelt habe. \u201eKevin Puffendorf\u201c, haben Sie ausgerufen, \u201eKevin Puffendorf ist schwer in Ordnung. 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