{"id":12474,"date":"2005-08-12T11:11:00","date_gmt":"2005-08-12T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12474"},"modified":"2022-06-12T02:01:34","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:34","slug":"ludwig-tieck-der-bayersche-hiesel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/ludwig-tieck-der-bayersche-hiesel\/","title":{"rendered":"Ludwig Tieck: Der Bayersche Hiesel"},"content":{"rendered":"\n<p>Was soll man davon halten? Ein junger Autor schreibt die Lebensgeschichte eines Wildsch\u00fctzen und l\u00e4sst keine Gelegenheit verstreichen, den Burschen zum \u201eedlen Kriminellen\u201c zu erheben. Dann \u2013 den Wildsch\u00fctz hat seine Strafe ereilt, er ist ger\u00e4dert und gevierteilt \u2013 beendet er seinen Bericht mit einem schier unfassbar kecken Bekenntnis.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDenn, im engsten Vertrauen gesagt, es ist ihm sehr sauer geworden, diesen Kerl als einen Helden in seinem Fache darzustellen, wie es die Pflicht jedes Biografen ist.<\/p><p>Warum?<\/p><p>Weil er nichts mehr und nichts weniger war, als ein Spitzbube.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3458347771.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3458347771.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"245\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ludwig Tieck (1773 \u2013 1853) schrieb diese leserverh\u00f6hnende Frechheit als knapp 18j\u00e4hriger. Er war Lohnschreiber in der \u201eRomanfabrik\u201c seines Gymnasiallehrers Friedrich Eberhard Rambach, eines fr\u00fchen \u201eEntrepreneurs\u201c in Sachen literarische Schund- und Massenware. Die Lebensgeschichte des legend\u00e4ren Wildsch\u00fctzen Mathias Klostermayr, genannt \u201eDer Bayersche Hiesel\u201c, geh\u00f6rte zu den ungeliebten Finger\u00fcbungen des sich in einem wahren Schreibrausch befindlichen Tieck, und dennoch: Es wurde mehr als eine Talentprobe.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei bedient die Geschichte Hiesels ganz den Geschmack der Zeit. Es wird viel gewildert, was in den Augen der Bev\u00f6lkerung kein Verbrechen ist, denn das Wild zerst\u00f6rt die Felder der Bauern, darf aber nicht geschossen werden, weil sich der Adel solches Privileg vorbeh\u00e4lt und an einem m\u00f6glichst gro\u00dfen Bestand jagdbaren Getiers interessiert ist. Die B\u00fcttel der Obrigkeit werden von Hiesel und den Seinen bei jeder Gelegenheit maltr\u00e4tiert, man l\u00e4sst die Hunde auf sie los, haut sie halb- und manchmal auch ganz tot, und der Autor beeilt sich, wo immer es ihm opportun erscheint, mit halb philosophischen halb psychologischen Anmerkungen das Treiben Hiesels als die Taten eines im Grunde herzensguten, hochf\u00e4higen Mannes zu preisen, den nur die ungl\u00fccklichen Umst\u00e4nde au\u00dferhalb der Gesellschaft stellten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber am Schluss kann er sich nicht mehr halten. Er enth\u00fcllt dem staunenden Publikum nichts anderes als die Natur seiner Arbeit: Schund im Gewand der moralischen Belehrung hat er geschrieben, ein St\u00fcck voller Action und wohlfeiler Weisheit, zynisch k\u00f6nnte man es fast nennen, aber es ist nur die Wahrheit, und sie ist bis heute g\u00fcltig. Den Beutel soll es f\u00fcllen, das Geschreibsel, und bes\u00e4\u00dfen die Autoren heutiger Bl\u00f6dzeitungen und Nichtliteraturb\u00fccher die Mannhaftigkeit des Sch\u00fclers Tieck, es w\u00e4re ein Jubilieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Dieses Produkt reiner Bed\u00fcrfnisbefriedigung liest sich schon verdammt gut. Geschickt in Szene gesetzte Wildererromantik, immer ist was los, kein Wort zuviel, keins zu wenig. Kein Zweifel: Hier schreibt ein kommendes Genie.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn, das sei angemerkt, Ludwig Tieck wurde sp\u00e4ter nicht nur zum \u201eK\u00f6nig der Romantik\u201c. Er z\u00e4hlt bis heute zu den besten Prosaschreibern deutscher Zunge, immer wieder lesenswert, immer wieder \u00fcberraschend. \u201eDer bayersche Hiesel\u201c ist sein Gesellenst\u00fcck, es zeigt den souver\u00e4nen Umgang mit dem Metier und ragt als Exempel der \u201eR\u00e4uber- und Mordsgeschichten\u201c weit aus der damaligen Produktion billiger Lekt\u00fcre. Ein verdienstvolles Unterfangen, uns Heutigen dieses St\u00fcck zug\u00e4nglich gemacht zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ludwig Tieck: Der Bayersche Hiesel. Insel 2005, 188 Seiten, 7,50 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was soll man davon halten? Ein junger Autor schreibt die Lebensgeschichte eines Wildsch\u00fctzen und l\u00e4sst keine Gelegenheit verstreichen, den Burschen zum \u201eedlen Kriminellen\u201c zu erheben. 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