{"id":12484,"date":"2005-08-15T11:11:00","date_gmt":"2005-08-15T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12484"},"modified":"2022-06-12T02:01:33","modified_gmt":"2022-06-12T00:01:33","slug":"schule-der-rezensenten-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/schule-der-rezensenten-1\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -1-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Kind hat verschiedene Namen. Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik. M\u00fcsste ich mir einen aussuchen, dann letzteren, weil \u201eLiteraturkritik\u201c in sch\u00f6ner Eindeutigkeit die Elemente benennt, um die es geht: Man kritisiert Literatur.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Und schon stockt der Leser. Kritisieren? Das Wort h\u00fcllt sich im Alltagsgebrauch fast vollst\u00e4ndig in Negatives, dabei hei\u00dft \u201ekritisieren\u201c nichts weiter als \u201eeine Sache von allen Seiten genau betrachten\u201c. Kants \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c etwa ist eine \u201eRezension\u201c der reinen Vernunft, bei der diese in all ihren Facetten beschaut, analysiert, zu einem philosophischen Bezugssystem montiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Somit w\u00e4re die Hauptanforderung an eine Rezension formuliert: Sie ist das gedankliche und sprachliche Ergebnis eingehender und ersch\u00f6pfender Betrachtung eines literarischen Textes. Eine Beschreibung also, und hier stockt der Leser abermals. Etwas fehlt. Die Bewertung.<\/p>\n\n\n\n<p>Rein theoretisch \u00e4hnelt die Buchbesprechung dem, was wir in der Schule als dialektischen Aufsatz kennen gelernt haben: These \u2013 Antithese \u2013 Synthese. Oder: die St\u00e4rken eines Textes &#8211; seine Schw\u00e4chen \u2013 das Abw\u00e4gen von beiden und die begr\u00fcndete Entscheidung des Rezensenten, zu welchem Gesamturteil er wie gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine sch\u00f6ne Theorie. In der Praxis schaut es anders aus. Zun\u00e4chst: Traditionelles Medium der Buchkritik ist die Zeitung. Sp\u00e4ter gesellten sich der Rundfunk und noch sp\u00e4ter das Internet hinzu. (Historisch ist das nicht korrekt; im 18. Jahrhundert etwa erschienen Rezensionen zumeist in \u201eAlmanachen\u201c, B\u00fcchern also, und waren noch umfangreicher. Rezensionen, wie wir sie kennen, sind jedoch das Resultat der Entwicklung von Tagespresse).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anspruch umfassender Kritik scheitert somit schon an etwas so Profanem wie der \u201eRaumnot\u201c. Viele Rezensionen m\u00fcssen sich mit ein paar Dutzend Zeilen bescheiden, und auch wer z.B. im Internet Herr \u00fcber die Zahl der Tastaturanschl\u00e4ge ist, wird quantitative \u00d6konomie walten lassen. Denn: Wer liest schon zwanzig Seiten ersch\u00f6pfender Kritik, ein einziges Buch betreffend?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Rezensent ist also gezwungen, seine dialektische Argumentation zu verk\u00fcrzen \u2013 oder ganz auf sie zu verzichten. Die eigentliche Kritik findet im Kopf statt, und aufs \u201ePapier\u201c gelangt nur die Synthese, das Ergebnis dieser Kritik, mit ausgew\u00e4hlten Beispielen belegt, die nicht selten selbst starke Verk\u00fcrzungen von Sachverhalten sind, Schl\u00fcsselparolen sozusagen, die jeder, der sie liest, versteht und die als kommunikativer common sense eine bei Rezensent und Leser identische Bedeutungskammer aufschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel: Wenn ich als Rezensent schreibe, ein Krimi sei \u201espannend erz\u00e4hlt\u201c, dann gehe ich davon aus, dass f\u00fcr den Leser \u201eSpannung\u201c das Gleiche ist wie f\u00fcr mich. Das bedeutet: Kleinster gemeinsamer Nenner, der sich aus unseren Erfahrungen ableitet. Was Rezensent und Leser allerdings wissen sollten: W\u00fcrde ich weiter differenzieren, dieses \u201espannend erz\u00e4hlt\u201c also selbst kritisieren, lie\u00dfen die ersten unangenehmen Resultate, sprich: das Auseinanderdriften von Rezensenten- und Lesermeinung, nicht lange auf sich warten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun liegt der Einwand nahe, eine solche dialektische Vorgehensweise sei nur bei solchen B\u00fcchern m\u00f6glich, die weder ganz gut noch ganz schlecht sind oder doch immerhin so gut \/ so schlecht, dass die jeweils anderen Argumente nicht ins Gewicht fallen. Aus meiner Erfahrung als Leser und Rezensent kann ich jedoch sagen, dass solche B\u00fccher in der Minderheit sind. Meistens hat man immer etwas zu kritteln, und auch misslungene Werke k\u00f6nnen durchaus Lobenswertes aufweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein zweites Ph\u00e4nomen st\u00f6rt die praktische Umsetzung des eingangs geschilderten Kritik-Modells: die Lesererwartung. Was der Leser von einer Rezension verlangt, sind Information und Bewertung. Er m\u00f6chte wissen, worum es geht und ob das Buch nach Rezensentenansicht gut oder schlecht, empfehlenswert oder nicht ist. Klare Aussage, in der K\u00fcrze liegt die W\u00fcrze, eine pointierte \u201eobjektive\u201c Information: und wie der Spr\u00fcche mehr sind. Das jedoch ist ein zentrales Problem: Die Erwartung der Leser kollidiert mit den Regeln, die der Buchkritik innewohnen. Letztlich geht es darum, sich m\u00f6glichst schnell dar\u00fcber zu informieren, ob es sich lohnen k\u00f6nnte, wertvolle Lesezeit, die gleichzeitig Lebenszeit ist, in ein Buch zu investieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt durchaus Techniken, den Leser in einer Rezension halbwegs umfassend, d.h auch \u201edialektisch\u201c zu informieren, ohne dass er nach geraumer Zeit die Lekt\u00fcre frustriert oder verwirrt abbricht. Womit wir das \u201eWie schreibe ich eine Rezension\u201c angesprochen h\u00e4tten. Genauer: Den Unterhaltungswert einer Rezension, ihren stilistischen, formalen, dramaturgischen Aufbau. Im Idealfall kann dies das oben beschriebene Dilemma von eindeutiger, \u201eobjektiver\u201c Information und ausf\u00fchrlicher Besprechung des Gegenstandes wenigstens abmildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re etwa, die Rezension als den Dialog eines F\u00fcrsprechers und eines Ankl\u00e4gers zu gestalten, These und Antithese also zu personalisieren. Im weiteren Verlauf der \u201eSchule der Rezensenten\u201c werden wir dies tun, auch um die Problematik von \u201eKritik\u201c besser verdeutlichen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten Folge fragen wir uns, wer Rezensionen eigentlich braucht. Der Leser? Der Verlag? Gar der Autor? Und welche Ausbildung ben\u00f6tigt ein Rezensent \u00fcberhaupt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kind hat verschiedene Namen. Rezension, Buchbesprechung, Literaturkritik. 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