{"id":12512,"date":"2005-08-19T11:11:00","date_gmt":"2005-08-19T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12512"},"modified":"2022-06-12T02:15:50","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:50","slug":"gunnar-steinbach-praelat-abels-letzte-fahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/gunnar-steinbach-praelat-abels-letzte-fahrt\/","title":{"rendered":"Gunnar Steinbach: Pr\u00e4lat Abels letzte Fahrt"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3442732549.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3442732549.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Bei Krimis legt man nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Sie sind handlungsorientiert und verbauen einen Gutteil ihrer Energien in Spannungsbogen. Die Sprache bleibt sekund\u00e4r. Sie sollte uns nicht qu\u00e4len; nicht gek\u00fcnstelt sein aus \u201eLiteraturgr\u00fcnden\u201c, nicht hingerotzt aus \u201eAuthentizit\u00e4tsgr\u00fcnden\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber es ist kein Naturgesetz, dass sich Sprache stets mit dem Transport von Inhalten begn\u00fcgen muss, auch nicht in Krimis. Chandlers Sprache etwa war eins mit dem Inhalt. Ja, und weil dem so war, wurde sie selbst Inhalt. Das kann so weit gehen, dass, wie etwa bei Wolf Haas, die Sprache den Inhalt dominiert. Zu dieser Gruppe kann man auch Gunnar Steinbach mit seinem Romandeb\u00fct \u201ePr\u00e4lat Abels letzte Fahrt\u201c rechnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Steinbachs Roman knapp nacherz\u00e4hlt: Der greise Pr\u00e4lat Abel verschwindet aus dem Pflegeheim und wird kurze Zeit sp\u00e4ter tot in einem Steinbruch aufgefunden. Ein gescheiterter Fu\u00dfballtrainer erh\u00e4ngt sich. Kommissar Kugelmeyer hat einen Auffahrunfall und findet das Benehmen des anderen beteiligten Fahrers merkw\u00fcrdig. Zudem plagen ihn Eheprobleme. Schnell laufen alle F\u00e4den in jenem Seniorenstift zusammen, aus dem Abel verschwand. Deren Leiter, Thanat, und seine Oberschwester sind nicht sauber, folgerichtig werden sie vom Koch erpresst, der wiederum den Fu\u00dfballtrainer gut gekannt hat. Kugelmeyers Ehe scheitert derweil in einem fremden Bett, sein Vorgesetzter, ein Freund Thanats, setzt ihm zu. Gro\u00dfer Showdown in einer Gastst\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Zweifel: Aus solchem Stoff werden Krimis gemacht. Pr\u00e4zise herunter erz\u00e4hlt, Sprache und Handlungsdetails zwischen Alltag und Kunst. Aber Steinbach verf\u00e4hrt anders. Die Elemente, aus denen er seine Handlung St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zusammensetzt, sind skurril. Da wird ein M\u00e4dchen zur Nonne, weil es sich fahrl\u00e4ssigerweise auf seine Hamster geworfen hat. Ein frustrierter Polizist schie\u00dft ein Loch in ein Kitschgem\u00e4lde, Erbst\u00fcck der Schwiegereltern. Ein Heimleiter, ebenso gefrustet, bombardiert eine Fensterscheibe mit Kiwis. Auch die Kl\u00e4rung, wie und warum der Pr\u00e4lat in den Kofferraum eines PKW und dort zu Tode gekommen ist, hat etwas leicht Seltsames. Und alles ist erg\u00f6tzlich zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was an der Sprache liegt. Sie ist einerseits knapp und lakonisch, andererseits ausladend und abschweifend, vor allem dann, wenn wir an den Gedankenscharm\u00fctzeln des Heimleiters Thanat teilnehmen. Die Sprache macht ihre Personen zu Karikaturen. Karikaturen leben davon, dass sie die Wirklichkeit zuspitzen und auf ihre wesentlichen Merkmale reduzieren. Genau das versucht Steinbach, aber es ist ein schmaler Grat, auf dem er da wandelt. Er st\u00fcrzt bisweilen ab, ganz gewiss, besonders beim Heimleiter Thanat \u00fcbertreibt er es. Dann wird der Sprachfluss dominierend und zerfasert die Handlung \u00fcber Geb\u00fchr. Spannungsbogen, die bei einer solch sprachverliebten Technik stets Gefahr laufen, labil zu sein (was auch bei Haas oder Steinfest zu beobachten ist), schwanken dann bedrohlich und brechen gar in sich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wird die eigentliche Krimigeschichte irgendwann zur Nebensache bei all diesen skurrilen Details. Ist das ein Nachteil? Theoretisch schon. Praktisch aber ist Steinbach ein kurzweiliges St\u00fcck Prosa gelungen, f\u00fcr ein Deb\u00fct erstaunlich und vielversprechend. Ich mag Leute, die etwas riskieren, und ich mag Leute, die ein St\u00fcck weit zeigen, was Krimi auch sein k\u00f6nnte. Wenn es Steinbach nun noch etwas besser gelingt, Sprache und Handlung zu synchronisieren, dann ist f\u00fcr die Zukunft eine Menge von ihm zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Gunnar Steinbach: Pr\u00e4lat Abels letzte Fahrt. btb 2005, 285 Seiten, 9 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Krimis legt man nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Sie sind handlungsorientiert und verbauen einen Gutteil ihrer Energien in Spannungsbogen. Die Sprache bleibt sekund\u00e4r. Sie sollte uns nicht qu\u00e4len; nicht gek\u00fcnstelt sein aus \u201eLiteraturgr\u00fcnden\u201c, nicht hingerotzt aus \u201eAuthentizit\u00e4tsgr\u00fcnden\u201c. 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