{"id":12521,"date":"2005-08-22T11:11:00","date_gmt":"2005-08-22T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12521"},"modified":"2022-06-12T02:15:50","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:50","slug":"schule-der-rezensenten-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/schule-der-rezensenten-2\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -2-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Buchbesprechungen sind ein Relikt des b\u00fcrgerlichen Feuilletons und taugen nur noch dazu, pseudointellektuelle Aufgeregtheiten und Scheingefechte in Szene zu setzen, wenn etwa Kritiker X den neuen Walser plattmacht und Kritiker Y dem entgegenh\u00e4lt. Ansonsten versandet alles in der sch\u00f6nen neuen Welt der Sechszeiler und Trendberichterstattung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So spricht der Advokat des Teufels. Er hat, wie oft, so ganz Unrecht nicht. Die Zeiten, da sich eine literaturliebende \u00d6ffentlichkeit an der regen Diskussion um neue B\u00fccher beteiligte, sind l\u00e4ngst vorbei. 18. Jahrhundert: Man wartet gespannt auf die Almanache und darauf, was Herr Schlegel \u00fcber Herrn Goethe aussch\u00fcttet, Lob oder H\u00e4me, ob er, sich eine Novit\u00e4t vorkn\u00f6pfend, eine neue Richtung der Literaturtheorie einschl\u00e4gt oder mit einem Deb\u00fctanten aus dem Ausland bekannt macht. Dar\u00fcber diskutiert man in den Salons, das befeuert die Dichter und Denker.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorbei. Und wer braucht heutzutage Rezensionen? Die Verlage, nat\u00fcrlich. Sie sind die unproblematischsten Adressaten. Es ist immer gut, wenn die eigenen Titel irgendwo erw\u00e4hnt werden, positiv erw\u00e4hnt ist am Besten, versteht sich, man kann in den Prospekten und auf den Webseiten daraus zitieren. Ob sich B\u00fccher, die allerorten wohlwollend aufgenommen werden, auch besser verkaufen, sei dahingestellt. F\u00fcr gro\u00dfe Verlage trifft es kaum zu, sie vertrauen auf die Pr\u00e4senz ihrer Ware in den Buchhandlungen und machen ihr Gesch\u00e4ft haupts\u00e4chlich mit solchen B\u00fcchern, die nirgendwo ernsthaft besprochen werden oder, falls doch, dem Zorn des Kritikers anheimfallen. Das k\u00fcmmert Dan-Brown-Leser nicht, die ziehen sich die zehn Zeilen &#8222;Kritik&#8220; in der \u201eBrigitte\u201c rein, das gen\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin: Es soll Verlage geben, die anhand der gesammelten Rezensionen ihre Autoren ins Gebet nehmen, aber auch nur dann, wenn die rezensierten B\u00fccher sich unter den Erwartungen verkauft haben. Idealerweise k\u00f6nnen also Rezensionen einen Denkprozess beim Autor in Gang setzen, und das ist auch schon alles, was man \u00fcber das Verh\u00e4ltnis Autor \u2013 Kritiker an Positivem sagen kann. Der Kritiker ist der nat\u00fcrliche Feind des Autors, dieser hasst jenen, wenn er getadelt wird und liebt ihn, wenn man ihn lobt. Das ist des Autors gutes Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders sieht es bei kleineren Verlagen aus. F\u00fcr sie sind Rezensionen existentiell, bieten sie doch die einzige nicht mit gro\u00dfem Kapitalaufwand verbundene M\u00f6glichkeit, einer potentiellen Leserschaft \u00fcberhaupt zu sagen, dass es sie gibt, die kleinen Verlage und ihre B\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind nun aber pikanterweise die Verlage selbst, die daf\u00fcr sorgen, dass der Leser Rezensionen braucht. Stichwort: Klappentext. Wer sich auf der Suche nach Lekt\u00fcre von den vollmundigen Worten der PR-Abteilung verf\u00fchren l\u00e4sst, ist am Ende nicht selten der D\u00fcpierte, und: Recht geschieht ihm! Klappentexte und sonstige verlagseigene Erg\u00fcsse sind Werbung, Werbung, Werbung und daher im Normalfall L\u00fcge, L\u00fcge, L\u00fcge. Genau das aber darf eine Rezension nicht sein. Der Leser braucht sie, um sich die Stimme eines Unparteiischen anzuh\u00f6ren, eines Menschen, der &#8211; nein, hier brechen wir sofort wieder ab, denn: Wie ist eigentlich der Leser von Rezensionen beschaffen? Ist das alles so unproblematisch? Versuchen wir eine kleine Typologie der Leser von Buchbesprechungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 1, der Affirmative:<\/strong>&nbsp;Er liest grunds\u00e4tzlich nur Rezensionen von B\u00fcchern, die er sich sowieso kaufen m\u00f6chte und per se f\u00fcr gelungen h\u00e4lt, weil er bisher alle B\u00fccher des Autors gemocht hat. Negative Rezensionen sind ihm aber durchaus willkommen, weil er sich dann so sch\u00f6n \u00fcber diese Idioten vom Feuilleton aufregen kann, die es nat\u00fcrlich \u201enicht blicken\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 2, der Sucher:<\/strong>&nbsp;Sucht tats\u00e4chlich nach einer Lekt\u00fcre, die ihn von der Thematik, der Story, des Settings her interessiert. Relativ unproblematisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 3, der Liebhaber:<\/strong>&nbsp;Versch\u00e4rfte Version von Typ 2; liest alles \u00fcber sein Fachgebiet, sei es nun Botanik im Breisgau oder englische Landhauskrimis. Ist offen f\u00fcr Argumente, aber auch sehr kritisch gegen\u00fcber diesen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 4, der Sensationshungrige:<\/strong>&nbsp;Liest nur Verrisse, vor allem die ganz scharfen. Positive Besprechungen findet er langweilig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 5, der Nach-Leser:<\/strong>&nbsp;Vergleicht nach abgeschlossener Lekt\u00fcre sein Urteil mit dem des Rezensenten. Das kann im Idealfall einen fruchtbaren Denk- und Umdenkprozess initiieren, f\u00fchrt aber oft zu Verw\u00fcnschungen bei abweichenden Urteilen oder tiefer Depression, wenn das Urteil des Rezensenten als fundierter wahrgenommen werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 6, der Faktische:<\/strong>&nbsp;Er verwechselt Rezensionen mit Inhaltsangaben. Alles was Meinung und nicht Fakt, Fakt, Fakt ist, interessiert ihn nicht. Wo spielt die Handlung? Wird hinreichend gemordet? Sex? Action?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 7, der Intellektuelle.<\/strong>&nbsp;Liest Rezensionen nicht des besprochenen Buches wegen, sondern um allgemein wertvolles Gedankengut aufzusaugen. Liest auch Theaterrezensionen, Musikkritiken, ohne jemals ins Theater zu gehen oder etwas anderes als Phil Collins aufzulegen. K\u00f6nnte aber etwas verpassen, das wichtig ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 8, der \u00d6konom:<\/strong>&nbsp;Liest nicht die vollst\u00e4ndige Rezension, sondern nur die (zumeist abschlie\u00dfende) Bewertung, gut oder schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 9, der notorische Falschleser:<\/strong>&nbsp;Ist ein Meister des Missverstehens, weil er zumeist nur auf Signalw\u00f6rter reagiert. Liest er &#8222;Aber&#8230;&#8220;, wei\u00df er schon: Das Buch wird nicht empfohlen, denn sonst g\u00e4be es kein Wenn und Aber. Kommt auch bei eingeschobenen Nebens\u00e4tzen schwer durcheinander.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Typ 10, der Zufallsleser:<\/strong>&nbsp;Liest halt, weil er grunds\u00e4tzlich alles liest, was sich ihm so bietet, ohne Absicht und Vorurteile.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Differenzierung ist gewiss ausbauf\u00e4hig, soll aber f\u00fcrs Erste gen\u00fcgen. Es sind, st\u00f6hnt der Kritiker, eh neun Typen zuviel, man kann es ihnen nicht allen recht machen, und damit hat der Rezensent eine wesentliche Konsequenz seines Tuns schon angedeutet: Es wird immer Menschen geben, die ihn f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Idioten auf Gottes sch\u00f6ner Welt halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Kann man dem entgehen? Scheinbar ja. Indem man sich von vorne herein auf EINEN Typen konzentriert (in einem Krimiblog beispielsweise, wo man die Typen 2 oder 3 anzusprechen hofft), den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht (was hundertprozentig in die Hose geht) und die anderen nicht zur Kenntnis nimmt oder sich selbst als idealtypischen Leser sieht. Was m\u00f6chte ICH \u00fcber ein Buch erfahren? Was erscheint MIR wichtig? Hat es MICH gut unterhalten \/ belehrt \/ zum Nachdenken angeregt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df, dass sich die meisten meiner Leser spontan daf\u00fcr entscheiden w\u00fcrden, ein Rezensent dieses Kalibers zu sein. Allerdings fl\u00fcstert mir soeben des Teufels Advokat etwas sehr B\u00f6ses ein: M\u00fcsste es nicht das Hauptanliegen eines Kritikers sein, ein Buch so zu besprechen, wie es das Buch erfordert? Kein Problem, denkt man, das eine schlie\u00dft das andere ja nicht aus. Aber damit tritt man voll in den Kot, um es salopp zu sagen. Denn der Extremfall w\u00e4re der: Ich bespreche ein Buch positiv, obwohl es mir \u00fcberhaupt nicht zusagt. Das geht nicht? Abwarten! Dazu das n\u00e4chste Mal mehr und eine erste Antwort auf die Frage, was ein Rezensent eigentlich an F\u00e4higkeiten mitbringen sollte. Gen\u00fcgt ein abgeschlossenes Germanistikstudium oder darf es auch ein bisschen mehr oder ganz etwas anderes sein?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchbesprechungen sind ein Relikt des b\u00fcrgerlichen Feuilletons und taugen nur noch dazu, pseudointellektuelle Aufgeregtheiten und Scheingefechte in Szene zu setzen, wenn etwa Kritiker X den neuen Walser plattmacht und Kritiker Y dem entgegenh\u00e4lt. 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