{"id":12542,"date":"2005-08-26T11:11:00","date_gmt":"2005-08-26T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12542"},"modified":"2022-06-12T02:15:50","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:50","slug":"die-chance-der-schlechten-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/die-chance-der-schlechten-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Die Chance der schlechten Gesellschaft"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Nun, das war einmal ein angenehmer Sommerurlaub. Wenig Sommer, wenig Stress, daf\u00fcr gute Lekt\u00fcre. Intelligente amerikanische Thriller und, was f\u00fcr eine \u00dcberraschung, intelligente neue deutsche Krimis.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u00dcberraschung? Nicht die Tatsache an sich, dass deutsche Krimis auch intelligent sein k\u00f6nnen, indes die schiere Menge an Gutgeschriebenem, Wohldurchdachtem. Es mag die Gnade der mehr oder weniger zuf\u00e4lligen Auswahl sein, die mir die Herren Jaumann, Horst und Steinbach beschert hat, die Damen Kampmann und, trotz einiger Schw\u00e4chen, Lehmann desweiteren. Da man aber ja im Urlaub notorisch besser gelaunt ist als im Mief des B\u00fcros, umsessen von den m\u00fcrrischen Kollegen, habe ich durchaus ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, es f\u00fcr ein gutes Zeichen zu nehmen, gar als eine Wende hin zum Besseren zu betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich mir das so \u00fcberlegte, kam mir ein weiterer Gedanke in den Sinn, ein beinahe ketzerischer Sezessionsgedanke: Sollte man nicht als Betreiber eines \u00f6ffentlichen und renommierten Hauses der Krimikritik, daran gehen, die Guten aus dem Gemeinwesen der Schlechten und Mittelm\u00e4\u00dfigen herauszunehmen, abzuspalten von diesem Baum ewiger Flie\u00dfbandstories, die Wurzel zu kappen, die da tief im Trivial-Dummen sitzt und sich von der Bed\u00fcrfnislosigkeit ihrer Leser n\u00e4hrt?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke war nicht ohne Reiz. Allein sich vorzustellen, wie man, einen Stapel guter B\u00fccher um sich versammelt wie gute Freunde, dem Sch\u00f6nen und Wahren fr\u00f6nen k\u00f6nnte, w\u00e4hrend sich die schn\u00f6de Welt da drau\u00dfen vom hingerotzten Krimip\u00f6bel unterhalten l\u00e4sst. H\u00fcbsch; ich h\u00f6rte schon das Kaminfeuer knistern, den Punsch brodeln und elysische Engelsstimmen singen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann. Die Konsequenzen. Was ich mir da vorgestellt habe, ist ja so neu nicht. Nein, es ist eigentlich der Normalfall. Es gibt eine hohe Literatur und eine triviale, und die Folge davon ist, dass kein Mensch etwa Heinrich B\u00f6ll mit \u201eLandser\u201c- Romanen vergleicht und durch Walter Kempowskis Erinnerungen an die NS-Zeit kein Konsalikscher \u201eArzt von Stalingrad\u201c melodramatisch spaziert. Getrennte Welten. Als z\u00f6ge man einen waagerechten Strich, wir da oben, ihr da unten, fraternisiert wird nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Kriminalromanen ist das bekannterma\u00dfen anders. Sie geh\u00f6ren zum \u201eGenre\u201c und werden dort nach inhaltlichen, nicht qualitativen Kriterien versammelt. Ein Genre \u201eKriegsliteratur\u201c etwa, unter dem besagte Beispiele B\u00f6ll, Kempowski, Konsalik und \u201eLandser\u201c einzuordnen w\u00e4ren, existiert hingegen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut so? Vorsicht. Wenn ich Schnitte nach qualitativen Gesichtspunkten durchf\u00fchre, ziehe ich zum Teil un\u00fcberwindliche Grenzen, ich verteile etwas, das potentiell zusammengeh\u00f6rt, auf Schubladen. Ein geschlossenes System also, fast eine Art unantastbare Schatztruhe des Bildungsb\u00fcrgertums, die nach wenigen Jahren schon mit der Entwicklung der Literatur nicht mehr Schritt halten kann. Die Folgen u.a.: Innovatives bleibt auf Jahrzehnte au\u00dfen vor, was mit Techniken der Popul\u00e4rliteratur (auch Kolportage oder Schund oder Unterhaltung genannt) arbeitet, wird naser\u00fcmpfend ein paar Schubladen tiefer eingesargt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zur qualitativ bewertenden \u201eSchubladenliteratur\u201c sind Krimis inhaltlich-thematisch, also gewisserma\u00dfen \u201evertikal\u201c sortiert, von oben (D\u00fcrrenmatt?) nach unten (Jerry Cotton?). Dies gibt dem Krimi eine gr\u00f6\u00dfere Bewegungsfreiheit und erlaubt auch den Vergleich zwischen \u201eoben\u201c und \u201eunten\u201c, was nicht immer zum Vorteil des ersteren ausgeht. Dass innerhalb dieser \u201eSch\u00e4chte\u201c durchaus qualitativ sortiert werden kann, versteht sich. Das System ist insgesamt lebendiger, flexibler, austauschfreudiger.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wir in diesem Krimiblog bisher meines Wissens noch nie ein Schaubild hatten, hier also das erste:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/schaubild_1.jpg\" alt=\"schaubild_1.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich mag ja nicht der genialste Grafiker sein (sagen jedenfalls diejenigen meiner Kollegen, die etwas davon verstehen), aber ein Blick zeigt doch, welche Vorteile es hat, solche \u201eGenre-Sch\u00e4chte\u201c zu bauen. Es gibt flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge zwischen den \u201eSchubladen\u201c, auch die Namen und mit ihnen die dahinter stehenden Definitionen verblassen. Dass sich die \u201eGenres\u201c \u00fcberlappen, versteht sich von selbst, denn dass ein Krimi nicht auch SF sein d\u00fcrfte oder SF auch Krimi, lehren allerh\u00f6chstens noch Dr. Staub und Professor Trocken. Und die Bezeichnung &#8222;Genre&#8220; lassen wir ganz einfach weg: Krimi. Nichts weiter. Die guten wie die schlechten. Wenn wir aber schon auch den schlechten hier Unterschlupf gew\u00e4hren, m\u00fcssen sie es sich gefallen lassen, gelegentlich \u201eschlecht\u201c genannt zu werden. Das ist der Preis der Toleranz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun, das war einmal ein angenehmer Sommerurlaub. Wenig Sommer, wenig Stress, daf\u00fcr gute Lekt\u00fcre. 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