{"id":12546,"date":"2005-08-29T11:12:00","date_gmt":"2005-08-29T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12546"},"modified":"2022-06-12T02:15:49","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:49","slug":"schule-der-rezensenten-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/08\/schule-der-rezensenten-3\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -3-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Stell dir&nbsp;<em>das<\/em>&nbsp;vor: Ein Rezensent erh\u00e4lt ein Buch zur Besprechung, von dem er von vornherein wei\u00df, dass es ihm nicht gefallen wird. Sagen wir: die Reprintausgabe eines Heftromans aus den 50er Jahren, \u201eInspektor Gnadenlos und das blonde Gift aus Husum\u201c, ein Produkt deutscher Brachialprosa. Nein, er mag es nicht. Er hasst es. Er muss \/ soll es aber besprechen. Was tut er?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Du antwortest: Was ich nicht mag, bespreche ich auch nicht. Es sei denn, die n\u00e4chste Rate f\u00fcr mein Ferienhaus in der Toscana steht noch aus. Was das betrifft, k\u00f6nnen wir dich beruhigen. Dein finanzieller Verlust wird sich verschmerzen lassen, denn hier gilt das Wort des amerikanischen Kollegen \u2192&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.crimefictionblog.com\/ask_the_critic\/index.html\">Dave J. Montgomery<\/a>&nbsp;der auf die Frage nach seinen Verdienstm\u00f6glichkeiten als Krimikritiker antwortete:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHow can I afford to do it? Easy answer: I can&#8217;t. I have a job. (Even more importantly, I have a wife with a good job.)\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Aus welchen Gr\u00fcnden auch immer bist du indes gezwungen, dir einige Zeilen zu diesem Machwerk abzuringen. Also: ein Verriss! Logisch. Du magst das Buch nicht, du nimmst es auseinander wie die hungrige Katze die hilflose Maus. Sch\u00f6n. Tu das. Wir haben Meinungsfreiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur: Bei einer Rezension geht es nicht unbedingt darum, deine eigene Befindlichkeit beim Lesen zur Grundlage deines Urteils zu nehmen. Das kannst du als \u201eNormalleser\u201c durchaus machen und etwa in einem der inzwischen zahlreichen Foren von allgemeinen Literatur- oder Krimiportalen im Internet ver\u00f6ffentlichen. Aber nenne dich dann bitte nicht \u201eRezensent\u201c. Die Berufsbezeichnung ist zwar nicht gesch\u00fctzt, doch einige Rezensenten verf\u00fcgen \u00fcber dicke Arme und flinke F\u00e4uste.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu unserem Beispiel. Es k\u00f6nnte ja sein, dass diese Reprintausgabe eines Heftromans aus anderen Gr\u00fcnden ein positives Ereignis genannt werden kann. Vielleicht dokumentiert es die gesellschaftliche Stimmung der F\u00fcnfziger Jahre, ist ein Mosaiksteinchen bei der Beurteilung der Frage nach dem Frauenbild jener Zeit, zeichnet die Kommunistenfurcht nach oder idealisiert das Bild einer aus Elementen der Nazivergangenheit und der Westwerte-Gegenwart zusammengehauenen Einstellung. K\u00f6nnte auch sein, dass das Werk aus literaturhistorischen, literatur\u00e4sthetischen Gr\u00fcnden von Bedeutung ist. \u201eDie Sprache der Groschenhefte der F\u00fcnfziger Jahre als \u00dcberh\u00f6hung der Alltagssprache\u201c \u2013 so sehen Titel von Doktorarbeiten aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichviel: Es k\u00f6nnte sein, dass du deine s\u00e4mtlichen inhaltlichen Bedenken zur\u00fcckstellst (also eine normalerweise \u201eMeinung\u201c genannte Emotion unterdr\u00fcckst und nicht an den Leser weitergibst) und dich auf diese obengenannten Positiva konzentrierst. Ein Grund k\u00f6nnte dein Leserpublikum sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn du das t\u00e4test, w\u00e4rst du ein Rezensent, ein Kritiker, der ja, wie wir schon geh\u00f6rt haben, das Objekt seiner Betrachtung hin und her wendet, es m\u00f6glichst von allen Seiten betrachtet. Dass man nicht alle diese Seiten in der Besprechung erw\u00e4hnen wird, ist klar. Schon aus Platzmangel. Ein Rezensent sollte indes in der Lage sein, genau diese Objektbetrachtungen vorzunehmen und sich aus ihnen das zusammen zu setzen, was er sp\u00e4ter dem Leser vorsetzt. In der Wirklichkeit d\u00fcrfte hier w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre eine Art Detektionsprozess, ein Scannen m\u00f6glicher Deutungswege ablaufen. Der Rezensent bleibt wohl auf seinem Hauptweg, registriert jedoch, und sei es nur ganz kurz, m\u00f6gliche Abzweigungen. \u00dcber die Details dieses Prozesses werden wir im Verlauf unserer Ausf\u00fchrungen noch ersch\u00f6pfend zu berichten haben. Wichtig ist zu wissen: Es gibt diesen Prozess.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Extremfall k\u00f6nnte das dazu f\u00fchren, dass EIN Rezensent gleich mehrere Versionen seiner Besprechung anfertigt. Sagen wir: Zwei euphorische, drei n\u00fcchtern analysierende, sieben naja-getr\u00e4nkte Wischiwaschis und dreiundzwanzig Verrisse. Theoretisch. Etwas \u00fcbertrieben jetzt. Aber im Kern schon richtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Schockiert? Bevor wir uns weiter damit besch\u00e4ftigen wollen, warum dies so sein MUSS, kommen wir kurz zu der Frage, was f\u00fcr ein merkw\u00fcrdiges Wesen das wohl ist, dem solche F\u00e4higkeiten unterstellt werden. Ist es ein mehrfach in sich gespaltener Psychopath? Ein gewissenloser Schurke, der sein Meinungsm\u00e4ntelchen in jeden Wind h\u00e4ngt? Oder, noch schlimmer: ein promovierter Literaturwissenschaftler?<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Panik. Ein abgeschlossenes Studium der Germanistik oder der vergleichenden Literaturwissenschaft kann schon deshalb nicht die formale Voraussetzung f\u00fcr eine Rezensentent\u00e4tigkeit sein, weil an unseren Universit\u00e4ten weder das Schreiben noch das Lesen gelehrt werden. Ein mit dem Magister Artium erfolgreich beendetes Studium etwa bedeutet lediglich, dass der Absolvent gelernt hat, wissenschaftlich zu arbeiten; eine Promotion, dass der frischgebackene Doktor, die frischgebackene Doktorin aus wissenschaftlicher Arbeit eigenst\u00e4ndige wissenschaftliche Erkenntnisse zu ziehen in der Lage ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass dennoch ein Gutteil des Rezensionspersonals sich aus den Reihen der Literaturwissenschaften rekrutiert, mag am allgemeinen Interesse dieser Spezies f\u00fcr Belletristik liegen. Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich auch nicht wei\u00df: Was genau man eigentlich braucht, um vern\u00fcnftige Kritiken zu schreiben. Lesen sollte man. Der eingangs erw\u00e4hnte amerikanische Kollege hat sich zum Ziel gesetzt, drei Krimis pro Woche zu lesen, was angesichts der Tatsache, dass er seine Br\u00f6tchen haupts\u00e4chlich mit anderer Arbeit verdient, nicht wenig ist. Ich etwa, der ich meine Br\u00f6tchen ebenfalls nicht mit dem Rezensieren verdiene, komme normalerweise auf zwei Krimis die Woche, im Urlaub k\u00f6nnen es aber auch mal f\u00fcnf werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist das schiere Menge. Nicht wieviel und was du liest ist von Bedeutung, sondern wie du liest. Zun\u00e4chst: Auch Krimirezensenten sollten ab und an auch andere B\u00fccher lesen. Dann: Sie sollten Rezensionen lesen und mit dem vergleichen, was sie selbst in einer Rezension des gelesenen Buches schreiben w\u00fcrden. Und schlie\u00dflich: selber schreiben. Am Besten wie oben beschrieben: ein Buch, dazu einige Besprechungen, die sich voneinander unterscheiden und dennoch auf Behauptungen gr\u00fcnden, die man nicht widerlegen kann. Dazu mehr das n\u00e4chste Mal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stell dir&nbsp;das&nbsp;vor: Ein Rezensent erh\u00e4lt ein Buch zur Besprechung, von dem er von vornherein wei\u00df, dass es ihm nicht gefallen wird. Sagen wir: die Reprintausgabe eines Heftromans aus den 50er Jahren, \u201eInspektor Gnadenlos und das blonde Gift aus Husum\u201c, ein Produkt deutscher Brachialprosa. Nein, er mag es nicht. Er hasst es. 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