{"id":12681,"date":"2005-09-01T11:11:00","date_gmt":"2005-09-01T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12681"},"modified":"2022-06-12T02:15:49","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:49","slug":"jeff-lindsay-des-todes-dunkler-bruder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/jeff-lindsay-des-todes-dunkler-bruder\/","title":{"rendered":"Jeff Lindsay: Des Todes dunkler Bruder"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeff-Lindsay-Des-Todes-dunkler-Bruder.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeff-Lindsay-Des-Todes-dunkler-Bruder.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12682\" width=\"150\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeff-Lindsay-Des-Todes-dunkler-Bruder.jpg 200w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeff-Lindsay-Des-Todes-dunkler-Bruder-96x150.jpg 96w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Psychotriller. So, so. Herr Freud kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus, und nicht nur das 20., das 19., das 18. Jahrhundert lachen mit, bis in die Jungsteinzeit h\u00f6rt man es glucksen und wiehern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort vielleicht, wo der erste Psychologe vor seiner H\u00f6hle sitzt, mag man \u201eDes Todes dunkler Bruder\u201c von Jeff Lindsay f\u00fcr einen \u201ePsychothriller\u201c \u00e4stimieren. Hat er doch vielleicht, unser erster Psychologe, soeben folgendes Experiment gemacht: Seinen zwanzig Mitbewohnern einmal kr\u00e4ftig in den Hintern getreten, als sie in die H\u00f6hle wollten. Und dann hat unser erster Psychologe beobachtet, wie alle zwanzig, als sie das n\u00e4chste Mal vor dem Eingang standen, sich vorsichtig umschauten und die H\u00e4nde vor den Hintern hielten. Ursache, Wirkung, Trauma und fortw\u00e4hrender unbewusster somatischer Reflex. Auf diesem Niveau spielt sich Psychologie in Lindsays Roman ab.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Soll sie doch. Unwichtig. Dexter Morgan, Blutexperte bei der Polizei, ist Serienkiller. Ein traumatisches Kindheitserlebnis (aha!) hat ihn dazu gemacht, doch Dexter zerlegt ausschlie\u00dflich B\u00f6sewichte, das hat er seinem Stiefvater versprochen, der auch bei der Polizei war. Dann taucht ein zweiter Serienkiller auf. Er zerlegt wie Dexter, kopiert ihn, fordert ihn heraus. Faszinierend, findet das Original, und weil auch seine Stiefschwester Deborah, die als Polizistin in Nuttenklamotten Freier \u00fcberf\u00fchrt, Karriere machen will und an dem Fall interessiert ist, versucht Dexter, den Doppelg\u00e4nger ausfindig zu machen. Gelingt ihm auch. Und, \u00dcberraschung: Unser erster Psychologe aus der Jungsteinzeit hatte Recht!<\/p>\n\n\n\n<p>Komisch. Nach etwa 60 Seiten begannen \u00fcber dem Highway meines lesenden Bewusstseins zwei Namen penetrant zu flimmern, zwei Namen in Neonbuchstaben, und ich konnte mich auf dem Highway so schnell weglesen wie ich wollte, die Namen blieben, das Flimmern blieb. Thomas de Quincey und James Ellroy, James Ellroy und Thomas de Quincey. De Quincey, weil er den klassischen Essay \u00ab Mord als sch\u00f6ne Kunst betrachtet \u00bb geschrieben hat und unser Dexter seine und seines Doppelg\u00e4ngers Taten unter genau diesem \u00e4sthetischen Aspekt begreift und w\u00fcrdigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und James Ellroy? Man erinnere sich. Der wurde zum Kriminalschriftsteller auf Grund eines traumatischen Kindheitserlebnisses, als seine Mutter von einem bis heute unbekannten T\u00e4ter ermordet wurde. Ellroy hat dieses Ereignis \u00e4sthetisch sublimiert. Er hat also irgendwie schon auch gemordet, aber nicht wirklich. Er hat dar\u00fcber geschrieben, und der Sch\u00f6pfungsprozess wurde zum Vernichtungsprozess, das unbestimmte Grauen, das in der Seele w\u00fctete, nahm Gestalt an, wurde greifbar, angreifbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Obgleich der Clou in \u201eDes Todes dunkler Bruder\u201c ordnungsgem\u00e4\u00df erst am Romanende offensichtlich wird, ahnt der aufmerksame Leser, worauf das alles hinausl\u00e4uft. Er ahnt auch, dass es Lindsay kaum um Psychologie geht \u2013 Gott sei dank! \u2013 und sein Bestreben auch nichts damit zu tun hat, einen schulm\u00e4\u00dfigen Thriller zu fabrizieren, der sich dem Leser wie eine Schlinge um den Hals legt, die gaaaanz langsam&#8230; na, ihr kennt das Gef\u00fchl ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wurscht. Irgendwann liest man, weil es sich so sch\u00f6n liest, manchmal grotesk, manchmal komisch, niemals so, dass man ehrlich ins Lachen k\u00e4me, aber auch niemals so, dass es mechanisch aus einem herausbr\u00e4che. Eigentlich, so denkt man, hat Lindsay einen Roman \u00fcber die Obsession des Schreibens geschrieben, einen Roman \u00fcber das Ungeheuerliche, das da jeder, der zu schreiben anf\u00e4ngt, ins kulturell Wertvolle \u00fcberhohen mag. Vielleicht auch eine Hommage an Ellroy (nicht zu beweisen) und oder de Quincey (noch weniger zu beweisen). Am Ende jedenfalls, wo es doch h\u00e4tte ganz dramatisch werden sollen, habe ich wirklich gelacht. Und war auch ein bisschen stolz, weil es genauso gekommen ist, wie ich ahnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber: Ihr k\u00f6nnt \u2013 und ihr solltet! \u2013 den Roman auch ganz anders lesen. Sogar als Psychothriller. Ist schon ein besonderer Lesespa\u00df. Und wenn ihr fertig seid, geht ihr in eure H\u00f6hlen und fahrt fort, die W\u00e4nde zu bemalen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jeff Lindsay: Des Todes dunkler Bruder. Knaur 2005. 7,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Psychotriller. So, so. 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