{"id":12702,"date":"2005-09-05T11:11:27","date_gmt":"2005-09-05T09:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12702"},"modified":"2022-06-12T02:15:49","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:49","slug":"schule-der-rezensenten-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/schule-der-rezensenten-4\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -4-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Rezensenten arbeiten f\u00fcr Leser. \u00dcber deren Heterogenit\u00e4t ist an dieser Stelle schon einiges gesagt worden, aber es hilft ja nichts. Auch wenn ich mir vornehme: Ich schreibe so, wie ICH das Buch lese oder: Ich schreibe so, wie es DAS BUCH erfordert \u2013 eine Schnittstelle zum Leser sollte schon vorhanden sein.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Woran ist nun der Leser interessiert? Ganz schlicht: An Informationen \u00fcber den Inhalt, seine Umsetzung und die Meinung des Kritikers. Letztere sollte begr\u00fcndet sein \u2013 \u201enachvollziehbar\u201c, wie man so gedankenlos fordert. Aber der Kritiker, von dem wir doch annehmen, er habe das Objekt seiner Kritik vollst\u00e4ndig und aufmerksam gelesen, hat nat\u00fcrlich einen Informationsvorsprung. Er wird also nicht nur den Inhalt \u201enacherz\u00e4hlen\u201c m\u00fcssen, sondern auch eine Bresche durch das Dickicht seiner Eindr\u00fccke zu schlagen haben. \u201eNachvollziehbar\u201c hei\u00dft also immer: komprimiert, auf das Wesentliche beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Woran ein Leser kaum interessiert sein d\u00fcrfte, ist der Bildungsstand des Rezensenten. Er wird als vorhanden vorausgesetzt. Der Leser geht davon aus, dass derjenige, der f\u00fcr ihn ein Buch liest, wei\u00df, was er da liest. Eruptionen vollst\u00e4ndigen Belesenseins, welche bei Gelegenheit eines Besprechungsthemas aus dem Rezensenten hervorbrechen, erschlagen den Leser eher als dass sie ihn belehren. Und mit welcher Berechtigung t\u00e4ten sie das auch?<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlimmste Beispiel f\u00fcr eine solche Eruption ist mir vor Jahren in einer gro\u00dfen deutschen Tageszeitung begegnet, die aber auch ein gro\u00dfes deutsches Nachrichtenmagazin gewesen sein kann oder eine gro\u00dfe deutsche Wochenzeitung; ich wei\u00df es ganz einfach nicht mehr. In Erinnerung ist mir indes geblieben, dass der Rezensent, dessen Aufgabe es gewesen w\u00e4re, Claude Simons Roman \u201eGeorgica\u201c zu besprechen, sich \u00fcber wenigstens 80% der ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Zeilenmenge mit seinen Meinungen zum Spanischen B\u00fcrgerkrieg ausgelassen hat. Nun ist dieser Spanische B\u00fcrgerkrieg ein Thema in Simons Roman. Aber Simon, als Anh\u00e4nger des \u201enouveau roman\u201c, ist vor allem Formalist, ein Magier der Erz\u00e4hlzeit. DAS h\u00e4tte es zu analysieren gegolten. Wurde aber, wenn ich es recht entsinne, wenn \u00fcberhaupt dann nur angetippt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu, dass ein Werk wie \u201eGeorgica\u201c es einem Kritiker nicht leicht macht, etwas \u00fcber den \u201eInhalt\u201c zu sagen. Bei einem Krimi ist die Sache meistens weniger heikel, denn sein Augenmerk gilt der Handlung, die dann \u2013 in Ma\u00dfen \u2013 nacherz\u00e4hlt werden kann. In Ma\u00dfen? Eine Ermessensfrage, die von Buch zu Buch neu zu stellen ist. Und eine Frage der Schreib\u00f6konomie. Nicht alles, was im Waschzettel des Verlags steht, ist wirklich nacherz\u00e4hlenswert, der Leser sollte einen \u00dcberblick erhalten, mehr nicht. Mal ein Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/09\/jeff-lindsay-des-todes-dunkler-bruder.php\">Rezension<\/a>&nbsp;von Jeff Lindsays lesenswertem Krimi \u201eDes Todes dunkler Bruder\u201c fasse ich den Inhalt so zusammen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDexter Morgan, Blutexperte bei der Polizei, ist Serienkiller. Ein traumatisches Kindheitserlebnis (aha!) hat ihn dazu gemacht, doch Dexter zerlegt ausschlie\u00dflich B\u00f6sewichte, das hat er seinem Stiefvater versprochen, der auch bei der Polizei war. Dann taucht ein zweiter Serienkiller auf. Er zerlegt wie Dexter, kopiert ihn, fordert ihn heraus. Faszinierend, findet das Original, und weil auch seine Stiefschwester Deborah, die als Polizistin in Nuttenklamotten Freier \u00fcberf\u00fchrt, Karriere machen will und an dem Fall interessiert ist, versucht Dexter, den Doppelg\u00e4nger ausfindig zu machen. Gelingt ihm auch. Und, \u00dcberraschung: Unser erster Psychologe aus der Jungsteinzeit hatte Recht!\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich beschr\u00e4nke mich hier auf den Haupterz\u00e4hlstrang, der dem Leser zudem einen ersten Eindruck von der erz\u00e4hlerischen Verfahrensweise vermittelt. Ein Serienkiller. Noch einer. Jener jagt diesen. Sie kommen sich immer dramatischer n\u00e4her. Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich abschweifen k\u00f6nnen: Was f\u00fcr ein Typ ist dieser Dexter Morgan? Hat er eine Freundin? Lebt er allein? Wie sieht es mit dem Nebenpersonal aus? Tats\u00e4chlich gibt es eine Polizistin, die Dexter an die W\u00e4sche will, es gibt auch eine Freundin, die Dexter zum schier Unglaublichen, dem Geschlechtsakt, treibt, es kommt auch zu der Situation, dass nicht nur Dexter seinen Nachahmer jagt, sondern der Nachahmer Dexter \u2013 und zwar mit wesentlich mehr Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Es h\u00e4tte nun nichts dagegen gesprochen, diesen Informationsteil anders zu gestalten, etwa so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDexter Morgan t\u00f6tet Menschen. Der Blutexperte bei der Polizei in Miami, Adoptivsohn eines Polizisten, ist nach einem traumatischen Kindheitserlebnis von der \u00c4sthetik des Mordens besessen. Doch ausschlie\u00dflich B\u00f6sewichte zerlegt Dexter; dieses Versprechen hat er seinem Adoptivvater gegeben. Die ebenso heile wie grausig-allt\u00e4gliche Welt des Protagonisten kommt ins Wanken, als ein zweiter Serienm\u00f6rder seine Kunst in Dexters Manier zelebriert. Zufall? Blo\u00dfe Nachahmung? Oder fordert der Unbekannte Dexter zum Duell heraus? Dexters Stiefschwester Deborah, ebenfalls Polizistin, bittet den wegen seiner Eingebungen in Sachen T\u00e4terpsyche bewunderten Bruder um Hilfe bei der T\u00e4tersuche. F\u00fcr sie ist es ein Karriereschritt \u2013 f\u00fcr Dexter wird es zur Obsession. Und die Vorzeichen kehren sich rasch um. Der \u201eNachahmer\u201c l\u00e4sst Dexter Botschaften zukommen: eine maltr\u00e4tierte Barbie-Puppe in der Wohnung, grotesk arrangierte Leichen, einen Frauenkopf gar. Serienkiller jagt Serienkiller. Die Ereignisse spitzen sich zu, verwirren sich. In einem Container kommt es zum gro\u00dfen Showdown mit \u00fcberraschendem Ende&#8230;\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese Zusammenfassung des Inhalts dient einem erkennbar anderen Zweck als die urspr\u00fcngliche. Deren Intention n\u00e4mlich war es, von der am Anfang der Rezension aufgestellten Behauptung, Lindsays Roman sei entweder kein \u201ePsychothriller\u201c oder, falls doch, einer, dem \u201ejungsteinzeitliche Psychologie\u201c zugrundeliege, mit der eigentlichen Textanalyse zu verbinden. Die \u201eNacherz\u00e4hlung\u201c beschr\u00e4nkt sich also auf eine kurze Wiedergabe des Hauptstrangs und stellt ihn in Bezug zur These des Rezensenten (man beachte etwa das \u201e(aha!)\u201c und den finalen Rekurs auf den \u201ePsychologen der Jungsteinzeit\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Zusammenfassung hingegen h\u00e4lt sich an die Handlungsoberfl\u00e4che. Sie gibt den Hauptstrang wieder und folgt ihm bis zum Ende des Buches, einige Details sind zur Illustrierung eingearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch an dieser Vorgehensweise ist nichts auszusetzen, und so g\u00e4be es noch etliche Varianten, die ebenso legitim genannt werden k\u00f6nnen. Worauf ich aber verweisen wollte ist schlicht dies: Ein Rezension sollte ihre Teile (Information, These, Beweisf\u00fchrung, Urteil) m\u00f6glichst in einem Guss, als etwas Zusammenh\u00e4ngendes, sich Erg\u00e4nzendes pr\u00e4sentieren. In unserem Beispiel \u2013 und deshalb vor allem habe ich es ausgew\u00e4hlt \u2013 wird \u00fcbrigens auch der Wissensstand des Rezensenten ersichtlich. Immerhin bezieht er sich auf Ellroy und de Quincey, Autoren, die in diesem Roman gar nicht vorkommen und deren Zitieren \u00dcbelmeinende als blo\u00dfes &#8222;name dropping&#8220; oder abseitigen Exkurs deuten k\u00f6nnten. Aber dieses \u201eZusatzwissen\u201c geh\u00f6rt nun einmal in die Beweiskette der These. Es mag den Leser nicht interessieren, weil er einen \u201ePsychothriller\u201c lesen m\u00f6chte \u2013 und er darf es ja auch. Was ihm die Rezension bietet, ist schlicht: EINE M\u00f6glichkeit, den Roman zu interpretieren. Sie sollte eingebettet sein in m\u00f6glichst sachliche, neutrale Informationen, sie sollte m\u00f6gliche Alternativen zur Lesart des Rezensenten andeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der n\u00e4chsten Folge werden wir uns die weiteren Bausteine der Lindsay-Besprechung noch etwas n\u00e4her betrachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezensenten arbeiten f\u00fcr Leser. \u00dcber deren Heterogenit\u00e4t ist an dieser Stelle schon einiges gesagt worden, aber es hilft ja nichts. 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