{"id":12712,"date":"2005-09-07T11:11:00","date_gmt":"2005-09-07T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12712"},"modified":"2022-06-12T02:15:49","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:49","slug":"die-woche-des-authentischen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/die-woche-des-authentischen\/","title":{"rendered":"Die Woche des Authentischen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Die Schriftsteller sch\u00f6pfen aus der Wirklichkeit, dem Faktischen, Authentischen. So weit so richtig so gut. Aber was kommt dabei heraus, wenn die Schriftsteller \u2013 die von Kriminalromanen im Besonderen \u2013 nicht nur aus dem Authentischen sch\u00f6pfen, sondern es zur Grundlage ihrer Arbeit machen?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Umgang mit Tatsachen in Kriminalromanen soll es f\u00fcr den Rest dieser Woche gehen. Nicht um die haneb\u00fcchene Beweisf\u00fchrung eines Dan Brown, obwohl dieser Fall in geradezu vorbildlicher Weise zeigt, wie anf\u00e4llig schlichte Gem\u00fcter f\u00fcr das sogenannte \u201eFaktische\u201c sind, zumal dann, wenn es im Gewand des Mysteriums und der Aufkl\u00e4rung daherkommt. Beginnen wir lieber mit einer stichwortartigen Sammlung von Gedanken und Indizien zum Thema.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Authentizit\u00e4t ist ein Fall f\u00fcr sich; er unterliegt nicht, wie etwa die \u201efiktive\u201c Entwicklung eines Krimis, Kriterien der Logik und der allgemeinen Lebenserfahrung. Wenn in, sagen wir, Wien ein Blumentopf aus dem 18. Stockwerk f\u00e4llt und nicht auf den Boden, sondern den Kopf eines gerade das Haus verlassenden Raubm\u00f6rders knallt, dann nennen wir das einen bizarren Zufall, der das Authentische noch reizvoller macht. Wird indes die Szene allein der sch\u00f6pferischen Phantasie eines Autors zugeschrieben, verliert sie dramatisch an Wert und der Zufall, eben noch bizarr, wird mit einem Male billig. Was dort als Pointe gesch\u00e4tzt wird, gilt hier als Unverm\u00f6gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade der Krimi, dessen Wirklichkeit, w\u00e4re sie denn authentisch, immer Wirklichkeit in der Extremsituation w\u00e4re, steht unter der Fuchtel der allgemeinen Lebenserfahrung des Lesers. Der wird, hat er das Buch gelesen, die Story auf ihre \u201eRealit\u00e4tstauglichkeit\u201c pr\u00fcfen. War es wirklich logisch, dass der M\u00f6rder dem Kommissar dort und dann eins \u00fcberzog, obwohl er gar nicht vorhersehen konnte, dass der Kommissar sich dort und dann aufhalten w\u00fcrde? (eine Frage, die ich mir bei der Lekt\u00fcre von Fred Vargas\u2019 \u201eDer vierzehnte Stein\u201c stellte, bevor ich mich von der allgemeinen Logik als Ma\u00dfstab des Fiktiven verabschiedete). W\u00e4re das alttestamentarische Ambiente, in dem die Dorfbewohner in Berhard Jaumanns \u201eDie Vipern von Montesecco\u201c Gericht halten, in einem durchschnittlichen italienischen Dorf m\u00f6glich (Nat\u00fcrlich nicht; oder vielleicht doch?)? Entspricht die im Roman geschilderte Polizeiarbeit der wirklichen Polizeiarbeit?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine h\u00e4ufig gestellte Frage. Ich empfehle hier \u201eTodesmuster\u201c von Norbert Horst, ein Kommissar auch im wirklichen Leben, der Authentizit\u00e4t gerade mit k\u00fcnstlerisch-stilistischen Mitteln herstellt und eben nicht als blanke 1:1 \u2013 Wiedergabe versteht. Das hat auch ganz pragmatische Gr\u00fcnde: Einen 1:1-Polizeiroman m\u00f6chte und k\u00f6nnte nur lesen, wem das Telefonbuch zuviel Action enth\u00e4lt<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Zusammenhang passt auch die j\u00fcngste \u00c4u\u00dferung der Autorin Gabriele Wolff:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eMein Thema, sehr abstrakt gefasst, ist das existenzielle Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Ideal und Realit\u00e4t, Lesen und Leben, Schein und Sein, Wahrheit und L\u00fcge mit allen ihren segensreichen und zerst\u00f6rerischen Zwischenformen. Als ich dann Staatsanw\u00e4ltin wurde und hauptberuflich, so sah ich das, daran gehen konnte, diese Spannungsfelder zu verkleinern, fiel mir die N\u00e4he meiner Arbeit zum Kriminalroman auf.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>In diesem Statement stecken nun so ziemlich alle Schl\u00fcsselw\u00f6rter, die uns zum Verh\u00e4ltnis authentisch \u2013 fiktiv, wahrhaftig \u2013 erfunden, Original \u2013 Nachahmung einfallen k\u00f6nnten. Erg\u00e4nzt um die berechtigte Frage, ob die hauptberufliche Besch\u00e4ftigung mit den \u201eFakten\u201c den nebenberuflichen Umgang mit ihnen tats\u00e4chlich unterst\u00fctzen kann, die Fiktion also die Wirklichkeit bedient und umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht so einfach mit dem Authentischen. Und erw\u00e4hnen wir den theoretischen Klassiker aller theoretischen Klassiker nur am Rande: Was wird aus \u201eempirischer Wirklichkeit\u201c, wenn sie zu \u201efiktiver Wirklichkeit\u201c wird?<\/p>\n\n\n\n<p>Im \u201eFreitagsessay\u201c wollen wir uns an kurzen Beispielen anschauen, welche Funktion \u201eder authentische Kriminalfall\u201c f\u00fcr die Entwicklung dessen hatte, was ich nicht mehr \u201eGenre\u201c nennen m\u00f6chte. Nur mal reinschnuppern in diese hochinteressante Geschichte; vollst\u00e4ndig aufgetischt werden wird sie dann bei anderer, gr\u00f6\u00dferer Gelegenheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schriftsteller sch\u00f6pfen aus der Wirklichkeit, dem Faktischen, Authentischen. So weit so richtig so gut. 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