{"id":12748,"date":"2005-09-19T11:11:00","date_gmt":"2005-09-19T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12748"},"modified":"2022-06-12T02:15:49","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:49","slug":"schule-der-rezensenten-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/schule-der-rezensenten-6\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -6-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Lesen ist Arbeit. Schreiben ist Arbeit. Arbeit kann Spa\u00df machen, muss aber nicht. Wer ein missratenes Buch liest und bespricht, hat keinen Spa\u00df. Dann wird Arbeit ungeliebte Arbeit, aber sie muss nun einmal erledigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verriss ist die K\u00f6nigsdisziplin des Rezensierens. Einige Autoren (merkw\u00fcrdigerweise nur solche, die schon mindestens einen Verriss \u00fcber sich ergehen lassen mussten), vermuten dahinter auch die einzige Freude des Rezensenten und nutzen den Verriss als Einfallstor in die finsteren Abgr\u00fcnde einer von Psychopathien aller Art beherrschten Kritikerseele.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber es macht wirklich keinen Spa\u00df, ein Buch negativ zu beurteilen. Weil ich lieber gute B\u00fccher lese als schlechte, weil sich im Laufe der Jahrhunderte so viele gute B\u00fccher, die ich noch nicht gelesen habe und niemals lesen werde, angesammelt haben, dass die Erkenntnis, man vergeude hier seine Zeit mit schlechter Literatur, doppelt schmerzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rein technisch gesehen ist ein Verriss nat\u00fcrlich ein gefundenes Fressen f\u00fcr den Rezensenten. Man braucht nur zu pr\u00fcgeln, und pr\u00fcgeln kann jeder Depp. Die Argumente liegen in der Faust, sind ergo grob und je durchschlagskr\u00e4ftiger desto besser. Der Haken dabei: Ich muss erst einmal abkl\u00e4ren, ob ein Buch wirklich verrissen werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Gehen wir systematisch vor. Nach der Lekt\u00fcre eines Buches treffe ich eine Entscheidung, die dem zu besprechenden Werk erst einmal seinen vorl\u00e4ufigen Platz auf der Beurteilungsskala zuweist. Ist es vollauf gelungen? Vollauf missgl\u00fcckt? Oder liegt es irgendwo dazwischen? Meistens letzteres. Irgend etwas hat man immer auszusetzen, irgend etwas kann vielleicht doch als Plus im Meer des Negativen herumschwimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im n\u00e4chsten Schritt gilt es, diese \u201eAusrei\u00dfer\u201c von den perfekten Mustern des Ge- respektive Misslungenen zu taxieren. Rechtfertigen Sie es, als solche implizit erw\u00e4hnt zu werden oder handelt es sich dabei um zu vernachl\u00e4ssigende Gr\u00f6\u00dfen, Faktoren also, die den Genuss eines Buches weder me\u00dfbar schm\u00e4lern noch me\u00dfbar erheben?<\/p>\n\n\n\n<p>Gelangt man zu der Ansicht, die Makel respektive Sch\u00f6nheitsfleckchen geh\u00f6rten erw\u00e4hnt, ist eine weitere Abw\u00e4gung f\u00e4llig. Die n\u00e4mlich, ob man einfach nur erw\u00e4hnt, ohne das Gesamturteil zu schm\u00e4lern oder ob man sie erw\u00e4hnt und gleichzeitig dieses Urteil nach oben \/ unten relativiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiele aus der Praxis. Vor geraumer Zeit habe ich Bernhard Jaumanns \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/08\/sommerkrimi-6.php\">\u201eDie Vipern von Montesecco\u201c<\/a>sowie Christine Lehmanns \u2192&lt; a href=&#8220;http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/08\/christine-lehmann-harte-schule.php&#8220;&gt; \u201eHarte Schule\u201c an dieser Stelle besprochen. Im ersten Fall habe ich zwei erz\u00e4hlerische M\u00e4ngel des Autors benannt und belegt, bin jedoch von meinem insgesamt positiven Urteil nicht abger\u00fcckt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eDie Geschichte selbst ist stark genug, den Leser bis zum Ende bei der Stange zu halten.\u201c<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das ist jetzt nat\u00fcrlich so eine Sache, weil ich hier quasi f\u00fcr DEN Leser spreche, weil ich mich wirklich nicht selber meine. Mich hat es n\u00e4mlich gest\u00f6rt. Ein wenig. Grunds\u00e4tzlich. Vielleicht weil drau\u00dfen die Sonne schien, ich Urlaub hatte, fiel mein abschlie\u00dfendes aber letztlich doch positiv aus. Die M\u00e4ngel unerw\u00e4hnt lassen, das wollte ich indes nicht. Wer sich als Leser davon gest\u00f6rt f\u00fchlen k\u00f6nnte, wei\u00df jetzt, was ihn erwartet. Mit dieser Strategie kann ich gut leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fall von Christiane Lehmann lag die Sache anders. Sie beginnt stark, h\u00e4lt diese St\u00e4rke stilistisch durchaus, verheddert sich aber mit fortlaufender Handlung immer heilloser im \u00fcberladenen Plot. Ihr Krimi ist nicht misslungen \u2013 aber auch nicht so gelungen, dass man \u00fcber die Schw\u00e4chen hinwegsehen k\u00f6nnte. Also habe ich sie genannt und gleichzeitig ein negatives Gesamturteil gef\u00e4llt, nicht ohne indes darauf zu verweisen, dass ich die Autorin f\u00fcr talentiert genug halte, uns demn\u00e4chst einen wirklich guten Krimi zu pr\u00e4sentieren. Auch hier mag der Leser eine andere Einsch\u00e4tzung treffen. Vielleicht st\u00f6rt ihn die handlungs- und konfliktf\u00e4denschwangere Story nicht \u2013 seine Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schreibe also f\u00fcr Leser. Und wie reagieren Autoren auf solche Relativierungen des Kritikerurteils? Zugegeben: Das kommt immer etwas oberlehrerhaft daher, wie man so sagt, als h\u00e4tte ich die Weisheit mit s\u00e4mtlichen mir zur Verf\u00fcgung stehenden L\u00f6ffeln gefressen, sei ein Erbsenz\u00e4hler, Pedant, schlimmstenfalls einer, den eine gute Beurteilung so ver\u00e4rgert, dass er sie sofort abschw\u00e4chen muss. Ist nat\u00fcrlich Unsinn. Tats\u00e4chlich m\u00f6chte ich wenigstens den Versuch machen, mit dem Autor zu kommunizieren, wenn er den die Kritiken seiner B\u00fccher liest (die meisten tun es). Da ich selbst auch Autor von erz\u00e4hlender Literatur bin, wei\u00df ich inzwischen solche Ratschl\u00e4ge durchaus zu sch\u00e4tzen. Aber bis zu diesem Punkt war es ein langer Prozess. Ich wei\u00df, dass ich als Autor stets der schlechteste Kritiker meiner Arbeit bin, und eine vern\u00fcnftige Kritik aus der Distanz nehme ich immer zur Kenntnis. Vielleicht sogar einen veritablen Verriss? Hm. \u00dcberlegen. Was ist \u00fcberhaupt ein Verriss? Dazu das n\u00e4chste Mal mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lesen ist Arbeit. Schreiben ist Arbeit. Arbeit kann Spa\u00df machen, muss aber nicht. Wer ein missratenes Buch liest und bespricht, hat keinen Spa\u00df. Dann wird Arbeit ungeliebte Arbeit, aber sie muss nun einmal erledigt werden. Der Verriss ist die K\u00f6nigsdisziplin des Rezensierens. 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