{"id":12754,"date":"2005-09-21T11:11:00","date_gmt":"2005-09-21T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12754"},"modified":"2022-06-07T15:48:34","modified_gmt":"2022-06-07T13:48:34","slug":"wahlkrimi-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/wahlkrimi-eine-rezension\/","title":{"rendered":"Wahlkrimi &#8211; eine Rezension"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/168.gif\" alt=\"168.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Lieber W\u00e4hler. Du magst zwar der Souver\u00e4n dieses Landes sein (steht jedenfalls irgendwo), als Krimiautor bist du allerdings ein Versager. \u201eWahl 05\u201c, dein aktuelles Werk, ist das typische Beispiel daf\u00fcr, was der Au\u00dfenminister \u2013 der vielleicht gar nicht mehr Au\u00dfenminister ist, aber so genau wei\u00df man das im Moment nicht, und das liegt an dir, W\u00e4hler \u2013 was also dieser Herr Fischer einmal den springenden L\u00f6wen nannte, der als Bettvorleger landet. Zum Schnarchen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dabei hast du zun\u00e4chst fast alles richtig gemacht. Dein Protagonist, Herr Sch., wird von dir und deinem Wahlverhalten derma\u00dfen in die Enge getrieben, dass er sich entschlie\u00dft, Neuwahlen auszurufen. Seine Chancen sind gleich null, und wir fragen uns schon hier: Wieso macht der eigentlich so etwas? Ist das nicht allzu sehr an der Realit\u00e4t vorbei fabuliert? Du brauchst einen Plot, okay, das verstehen wir, aber h\u00e4tte es nicht ein simpler Mord auch getan? Muss es gleich die Vergewaltigung des gesamten Grundgesetzes sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Bedenken werden aber zerstreut, wenn wir weiterlesen und feststellen, wie sch\u00f6n du den Spannungsbogen aufbaust. Sch. also chancenlos, seine Gegenspielerin M. siegesgewiss wie nur je eine Krimi-B\u00f6sewichtin. Altes Schema: Der aufrechte Held k\u00e4mpft gegen das organisierte Verbrechen namens \u201eSchwarz-Gelb\u201c. Weitere finstere Akteure treten auf den Plan: Dein Exkumpel L. etwa und der undurchsichtige G., dessen Gehirn sogar schon in der BILD-Zeitung zu bewundern war. Was f\u00fchren sie im Schilde? Sind sie wirklich deine Feinde oder helfen sie dir am Ende unfreiwillig in deinem Kampf gegen Schwarz-Gelb?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei denen ist nicht alles eitel Sonnenschein. Regionalboss S. ver\u00e4rgert den Osten und dann bringt Chefin M. ohne Not einen windigen Typen namens K. ins Spiel, stellt ihm am Ende aber einen noch windigeren Typen namens M. (mit der Chefin weder verwandt noch verschw\u00e4gert) zur Seite. Die Chefin ist angeschlagen, was nicht zuletzt daran liegt, dass Held Sch. beim ersten direkten Aufeinandertreffen Pluspunkte hat sammeln k\u00f6nnen, vor allem, weil er gesagt hat, dass er seine Frau liebt. Das schafft Emotionen und Sympathie, das ist fast &#8222;cozy&#8220;, wie man in der Krimikennerbranche sagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann naht der Showdown. Wir Leser sind hin und her gerissen, du, mein lieber W\u00e4hler, hast den Spannungsbogen wunderbar gezogen, ohne ihn zu \u00fcberspannen. Gelingt es Sch., dessen Lage nicht mehr ganz so hoffnungslos ist, das Unm\u00f6gliche zu erreichen? Oder obsiegt am Ende doch das B\u00f6se? Der Leser bleibt mit seinem Urteil in der Schwebe. Er wei\u00df es nicht. Er wartet auf das entscheidende letzte Kapitel, das an einem h\u00fcbsch wolkenlosen Sonntagabend spielt, Punkt 18 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Und jetzt, lieber W\u00e4hler, versagst du v\u00f6llig. Anstatt die Spannung peu \u00e0 peu zu steigern und dich der Beantwortung der entscheidenden Frage \u2013 gewinnt Sch. oder M.? &#8211; thrillerm\u00e4\u00dfig zu n\u00e4hern, verschie\u00dft du dein Pulver schon um 18 Uhr 01, also schon am Beginn des Kapitels. Weder noch! Sch. gewinnt nicht, M. gewinnt nicht. Der Krimi ist am Ende, aber noch nicht zu Ende. Der Leser kann sich nun zusammenreimen, wie die Geschichte ausgeht. Schafft es Sch., den feisten F. bei der Stange zu halten und den blasierten W. auf seine Seite zu ziehen, obwohl der partout nicht m\u00f6chte? Oder macht M. dem immer feister werdenden F. derart sch\u00f6ne Augen, dass der&#8230; Und was ist mit L. und G.? Sind die nun gut oder b\u00f6se? Helfen Sie Sch., tolerieren sie ihn oder lachen sie sich ins rote geballte F\u00e4ustchen?<\/p>\n\n\n\n<p>Um Gotteswillen, W\u00e4hler! Am Ende eines Krimis m\u00fcssen alle Fragen beantwortet sein! Das ist das ehernste Gesetz des Genres! Und bei dir? Auf der letzten Seite sehen wir die sauert\u00f6pfische M., die ja auch gewonnen haben k\u00f6nnte, und den wie unter Drogen dr\u00f6hnenden Sch., der ja vielleicht voll auf die Schnauze gefallen ist. Ja, wie nun? Wir wissen es nicht, und du, W\u00e4hler, wei\u00dft es offenkundig auch nicht. Dann schreib aber auch keinen Krimi, wenn du nicht wei\u00dft, wie er ausgeht! Amerikanische Autoren sind da viel cleverer, ich erinnere nur an die Sache mit der Stimmenausz\u00e4hlung in Florida! Das nenne ich suspence! Und bei dir? Nachwahl in Dresden. Mein Gott, wie provinziell!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieber W\u00e4hler. 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