{"id":12836,"date":"2005-09-29T11:11:00","date_gmt":"2005-09-29T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12836"},"modified":"2022-06-12T02:15:49","modified_gmt":"2022-06-12T00:15:49","slug":"h-r-f-keating-inspector-ghote-hoert-auf-sein-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/09\/h-r-f-keating-inspector-ghote-hoert-auf-sein-herz\/","title":{"rendered":"H.R.F. Keating: Inspector Ghote h\u00f6rt auf sein Herz"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3293203485.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/3293203485.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"230\"\/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Als Kritiker kann man die Inspector-Ghote-Krimis von H.R.F. Keating gelassen durchwinken. Geht in Ordnung \u2013 sowieso \u2013 genau, ganz nach dem Klassiker von Eckhard Henscheid. Man br\u00e4uchte sie nicht einmal zu lesen, kein vern\u00fcnftiger Mensch w\u00fcrde einem widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nat\u00fcrlich liest man sie doch. \u201eInspector Ghote h\u00f6rt auf sein Herz\u201c verspricht der neue Band in der metro-Reihe des Unionsverlages. Doch h\u00f6ren wir etwas weniger auf unser Herz und mehr auf unseren Verstand, in dem \u00fcber 180 Seiten Lekt\u00fcre eine Frage bohrte: Wie macht der das eigentlich, der Keating?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wuchert er mit seinem besten Pfund, dem Inspector pers\u00f6nlich. Den hat man des \u00f6fteren als einen Vorl\u00e4ufer des fernsehber\u00fchmten Inspector Columbo gepriesen, beide geben sich bieder und einf\u00e4ltig, servil und leicht abwesend, mit dem Unterschied, dass Columbo all diese Eigenschaften nur spielt. Sie sind Teil seiner Strategie, einen T\u00e4ter in Sicherheit zu wiegen. Ghote hingegen spielt nicht. Er IST bieder und servil, vielleicht nicht einf\u00e4ltig und abwesend, aber in seinem Denken doch ein wenig beschr\u00e4nkt. Auch bei seinem neuesten Fall, der von einer Kindesentf\u00fchrung handelt, die dadurch kompliziert wird, dass das \u201efalsche\u201c Kind entf\u00fchrt wurde, der Sohn eines armen Schneiders, und der Vater des eigentlich vorgesehenen reichen Kindes soll nun ein Verm\u00f6gen f\u00fcr dieses fremde Balg zahlen, und das auch noch in Indien.<\/p>\n\n\n\n<p>Indien ist das Stichwort. Ghotes Unterw\u00fcrfigkeit und Unauff\u00e4lligkeit ist kulturell bedingt, seine Beschr\u00e4nktheit das Resultat eines inneren Konflikts. Man widerspricht nicht dem Vorgesetzten, selbst dann nicht, wenn seine Ma\u00dfnahmen das Leben des Kindes gef\u00e4hrden. Man zweifelt manchmal an ihnen und korrigiert sie in den entscheidenden Situationen so, dass das eigene bessere Wissen letztlich eine Chance bekommt. Der Leser beginnt mit Ghote zu leiden, denn diese Strategie, die eigentlich keine ist, sondern ein verzweifelter Balanceakt zwischen den zwei \u00dcberzeugungen im Kopf (der kulturell gepr\u00e4gten und der individuell erarbeiteten), diese Strategie setzt auch bei uns eine Saite in Schwingungen. Wir sind Ghote. Irgendwie, irgendwie ganz anders vielleicht, aber letztlich, beide Seiten abstrahiert und verglichen, doch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist aber nicht alles. Auch der reiche Industrielle, der f\u00fcr den Schneiderssohn zahlen soll, befindet sich in einem Dilemma. Sein Verstand sagt ihm, dass nichts ihn zur Zahlung verpflichtet (seine junge Frau sagt es ihm auch), sein Herz dagegen spricht eine andere Sprache. Im Verlauf der Handlung wird der Reiche seine Entscheidung mehrmals \u00e4ndern, er ist hin und her gerissen wie Ghote selbst, und dass beide \u00fcber weite Strecken der Romanzeit unmittelbar in Kontakt zueinander stehen, beg\u00fcnstigt jene Reibungen, aus denen letztlich Spannung entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende wird in Ghote diese Spannung nicht mehr zu b\u00e4ndigen sein. Er, der Devote, der so Unauff\u00e4llige, wird nun zum Akteur, der sich nicht mehr um die Obrigkeit k\u00fcmmert, ja, nicht einmal um Gesetz und Moral. Wenn man etwas aus jemandem herauspr\u00fcgeln kann, dann tut man es eben, der Erfolg heiligt die Mittel etc. Und das zupft nun wieder eine Saite in uns, man braucht es eigentlich nicht zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>So macht es Keating. Sehr unaufgeregt, sehr effektvoll. Dass er mit den M\u00f6glichkeiten, die ein solcher Entf\u00fchrungsfall f\u00fcr den Autor bereith\u00e4lt, souver\u00e4n umgeht, versteht sich von selbst. Anrufe der Entf\u00fchrer, Indizien, gescheiterte L\u00f6segeld\u00fcbergaben, eine sich dramatisch zuspitzende Situation \u2013 aus dem Handgelenk gesch\u00fcttelt \u2013 nein, vollendetes Handwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>Ghote gewinnt, Ghote verliert, Ghote gewinnt \u2013 bis zum n\u00e4chsten Fall. Den wir auch wieder durchwinken werden.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">H.R.F. Keating: Inspector Ghote h\u00f6rt auf sein Herz. Unionsverlag 2005. 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Kritiker kann man die Inspector-Ghote-Krimis von H.R.F. Keating gelassen durchwinken. Geht in Ordnung \u2013 sowieso \u2013 genau, ganz nach dem Klassiker von Eckhard Henscheid. Man br\u00e4uchte sie nicht einmal zu lesen, kein vern\u00fcnftiger Mensch w\u00fcrde einem widersprechen. 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