{"id":12927,"date":"2005-10-10T11:11:00","date_gmt":"2005-10-10T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=12927"},"modified":"2022-05-15T17:29:48","modified_gmt":"2022-05-15T15:29:48","slug":"schule-der-rezensenten-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/schule-der-rezensenten-8\/","title":{"rendered":"Schule der Rezensenten -8-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/rezensent1.GIF\" alt=\"rezensent1.GIF\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Das perfekte St\u00fcck Literatur gibt es nicht. Und wenn es doch einmal auftauchen sollte: dann gibt es den perfekten Rezensenten nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist das schlimm? Nicht als Faktum an sich; nur die Folgen sind bisweilen unangenehm. Ein durchschnittlich gelungenes Buch hat St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, ein durchschnittlich begabter Rezensent desgleichen. Was aber hei\u00dft: Prallen Buch und Rezensent aufeinander, wei\u00df man nie, was dabei herauskommt, es gibt einfach zuviele M\u00f6glichkeiten. Vielleicht hat der Besprecher keinen Sinn f\u00fcr Sprache; dann mag ein Werk noch so kunstvoll geschrieben sein, der Kritiker wird es nicht erkennen, geschweige denn sch\u00e4tzen, stattdessen sticht ihm vielleicht der etwas zu von Zuf\u00e4lligkeiten zusammengehaltene Spannungsbogen ins Auge \u2013 und schon weist der Pfeil nach unten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Vieles ist auch reine Geschmackssache oder geschieht mit R\u00fccksicht auf den geneigten Leser, die geneigte Leserin; nehmen wir \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/10\/petra-wuerth-juergen-kehrer-blutmond.php\">meine letzte Rezension<\/a>, die Petra W\u00fcrths und J\u00fcrgen Kehrers gemeinsamen Krimi \u201eBlutmond\u201c \u2013 nun ja, nicht verriss, aber doch als \u201eKunstwerk\u201c relativierte und in die Ecke \u201etextgewordenes Fernsehen\u201c abdr\u00e4ngte, wo es gut hinpasst und nicht einmal eine schlechte Figur macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Leser mag diese Vorgehensweise verwirren, denn augenscheinlich hat das Buch meinen Anspr\u00fcchen nicht gen\u00fcgt. Zutreffend. Ich musste mich also mit der Frage \u201eVerf\u00fcgt der Text \u00fcber Qualit\u00e4ten au\u00dferhalb meines literarischen Geschmackshorizonts?\u201c besch\u00e4ftigen und habe, denke ich, eine solche Qualit\u00e4t entdeckt. Bis auf die kriminalistischen Basics skelettiert, Normkrimi f\u00fcr Normleser, was keine Beleidigung sein soll, sondern lediglich eine Feststellung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu, dass ich dabei nicht konsequent bin. Manchmal sind mir die Leser schnuppe \u2013 das hei\u00dft: die, die ein Buch eventuell ansprechen k\u00f6nnte. Nehmen wir den in deutschen Krimiblogs inzwischen schon fast legend\u00e4ren \u201eSchafskrimi\u201c der Frau Swann oder nehmen wir \u2013 f\u00e4ngt komischerweise auch mit \u201eSw\u201c an \u2013 Sobo Swobodniks v\u00f6llig misslungenes \u201eOktoberfest\u201c. Bei Titeln wie \u201eBlutmond\u201c vermag ich mir vorzustellen, dass ein Leser, eine Leserin nichts weiter m\u00f6chte als gute, konventionelle Unterhaltung, ohne literarisch hohen Anspruch, ohne den Hintergedanken, allzu sehr die grauen Zellen bei der Lekt\u00fcre anstrengen zu m\u00fcssen. Ein legitimes Bed\u00fcrfnis, und wer w\u00e4re ich, es vollst\u00e4ndig aus meiner Perspektive zu verbannen?<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Perspektive. Das ist nat\u00fcrlich eine Untertreibung, denn wie die meisten Menschen habe ich mehrere. Demzufolge hat meine \u201eObjektivit\u00e4t\u201c die freie Auswahl aus diesen Perspektiven. Ich kann mich auf eine konzentrieren, kann zwei oder drei oder vier zusammenf\u00fcgen \u2013 ich kann also problemlos mehrere Rezensionen zu einem Krimi verfassen, mehrere Rezensionen, die, mag sein, das Objekt ihrer Bem\u00fchungen in sich eigentlich gegenseitig ausschlie\u00dfende kritische Beleuchtungen tauchen. Denn da ja auch kein Werk perfekt ist, bietet es diverse Angriffsfl\u00e4chen f\u00fcr meine kritischen Eingriffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber aufgepasst! Ist das Werk nicht perfekt, kann, wie oben erw\u00e4hnt, es der Rezensent auch nicht sein. Hei\u00dft: Manchmal sieht er Qualit\u00e4ten, die unbezweifelbar vorhanden sind, in einem Krimi nicht. Beispiel: Ian Rankin. Ich werde einfach nicht warm mit ihm. Obwohl ich ja erkenne, warum man ihn allerorten lobpreist. Aber k\u00f6nnte es sein, dass er beim Spannungsaufbau etwas nachl\u00e4ssig ist? K\u00f6nnte es sein, dass ein Schottland-Trauma im Tiefsten meiner Seele w\u00fctet (obwohl wir gegen Schottland, so weit ich wei\u00df, noch nie ein Fu\u00dfballspiel verloren haben)? W\u00fcrde ich ihn also kritisieren, s\u00e4he ich mich in der Verlegenheit, diese meine Unf\u00e4higkeit des Nicht-warm-werden-K\u00f6nnens in Worte zu fassen oder die nicht zu leugnenden Vorz\u00fcge des Rankinschen Erz\u00e4hlens zu analysieren, ohne meine Bedenken zu \u00e4u\u00dfern. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich auch beides in einem Aufwasch \u2013 doch wozu? F\u00fcr wen?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es ist schon recht kompliziert. Kn\u00fcpfen wir das n\u00e4chste Mal an dieser Stelle an und schauen, wie wir uns geschickt aus der Aff\u00e4re ziehen k\u00f6nnen. Und weil der Mensch, wenn ihm alles \u00fcber den Kopf w\u00e4chst, sich immer eine hilfreiche Maschine baut, will ich auch eine vorstellen: die 3-S-Rezensionsmaschine. Bleibt dran!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das perfekte St\u00fcck Literatur gibt es nicht. Und wenn es doch einmal auftauchen sollte: dann gibt es den perfekten Rezensenten nicht. Ist das schlimm? 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