{"id":13083,"date":"2005-10-14T11:11:00","date_gmt":"2005-10-14T09:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=13083"},"modified":"2022-05-16T02:24:32","modified_gmt":"2022-05-16T00:24:32","slug":"krimikultur-der-literaturbegriff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2005\/10\/krimikultur-der-literaturbegriff\/","title":{"rendered":"Krimikultur &#8211; der Literaturbegriff"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2005\/cover\/freitagsessay.gif\" alt=\"freitagsessay.gif\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wenn ich Literatur malen m\u00fcsste, w\u00e4re sie ein wirres und irres System kommunizierender R\u00f6hren, und irgendwo in diesem eifrig blubbernden, emsig gebenden, nehmenden Chaos l\u00e4ge der Krimi. Leider muss ich Literatur nicht malen, sondern mit dem vorliebnehmen, was man mir als Augenschmaus anbietet: ein wohlgeordnetes B\u00fccherregal.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Eine funktionierende Krimikultur w\u00e4re von dem Irrglauben abgekommen, Literatur richte sich nach den Bed\u00fcrfnissen von Lehrpl\u00e4nen. Sie w\u00fcsste unter anderem, dass der Krimi nicht 1841 mit Edgar Allan Poe beginnt. Sie w\u00fcsste, dass in jedem modernen Krimi ein St\u00fcckchen Moralisieren steckt, ein St\u00fcckchen Romantik, ein St\u00fcckchen Schauerroman, ein St\u00fcckchen Schund, ein St\u00fcckchen Aufkl\u00e4rung, ein St\u00fcckchen Realismus &#8230;. und ein St\u00fcckchen Poe, unbestritten. So wie es halt ist bei kommunizierenden R\u00f6hren.<\/p>\n\n\n\n<p>So etwas wie \u201eRomantik\u201c etwa gibt es in der Literatur nicht. In der Literaturgeschichte, ja, und dagegen sei auch nichts gesagt. Aber ein Ludwig Tieck steht einem Wilhelm Raabe wahrscheinlich n\u00e4her als einem Novalis; es ist eine Frage der Blickrichtung, der Fokussierung. Beim Krimi ebenfalls. Wenn ich die Kriminalromane Friedrich D\u00fcrrenmatts einordnen m\u00fcsste, t\u00e4te ich es ganz gewiss nicht neben Heinrich B\u00f6ll, Max Frisch oder Jean Paul Sartre. Ich w\u00fcrde sie irgendwo zwischen Schiller, Kleist, Glauser und Jerry Cotton setzen, letzteres nicht als Provokation, sondern eingedenk der Tatsache, dass das, was wir Spannung nennen, sich letztlich aus der Trivialisierung des Kriminalromanes herleitet, die ihrerseits sehr stark von Elementen der \u201eHochliteratur\u201c gepr\u00e4gt ist, die selbst mehr von der Trivialliteratur profitiert hat, als manchem feinsinnigen Connaisseur lieb sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es ist schwierig, weil alles eben \u2013 siehe oben \u2013 ein reichlich chaotisches System ist, mit undurchschaubaren Kommunikationswegen, und so bleibt letztlich jede Ann\u00e4herung eine zwar verst\u00e4ndliche, doch im Grunde unstatthafte Methode, etwas nachzuvollziehen, das man nicht nachvollziehen kann. Aber akzeptieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich akzeptiere, dass sich Literatur st\u00e4ndig ver\u00e4ndert, indem sie alle m\u00f6glichen Einfl\u00fcsse in sich aufnimmt und sich auch nicht zu schade ist, eigene Werte abzugeben, dann wird mein Blick auf die sogenannte minore Literatur, das Triviale also, ein anderer. Ein Heftchenkrimi, der seine Ziele perfekt umsetzt, ist mir lieber als ein im Durchschnitt des common sense dahinschwimmender \u201eliterarischer Krimi\u201c. Ich muss ihn nicht m\u00f6gen, ich muss ihn nicht einmal f\u00fcr \u201ewertvoll\u201c halten, aber wenn ich ihn ignoriere, passiert genau das, was schon passiert ist: Man rei\u00dft notwendige Teile des R\u00f6hrensystems aus der Literatur heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ginge es nach der allgemeinen Literaturbetrachtung, h\u00e4tten wir etwa niemals eine Tradition des Kriminalromans gehabt. Wir haben sie aber, und sie ist auf- und anregender als man vielleicht im ersten Moment denken mag. Sie hat AUCH etwas mit den Klassikern zu tun, die man immer wieder nennt, mit Schiller und E.T.A. Hoffmann und Kleist und Fontane. Aber eben nicht nur. Im \u00fcbrigen w\u00e4re der Kriminalschriftsteller Schiller ohne den Schauerroman nicht denkbar, und der Unterhaltungskrimi des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts wiederum nicht ohne Schiller, aber auch nicht ohne Poe oder Eug\u00e8ne Sue oder Charles Dickens oder &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; man nehme Edgar Allan Poe. Der niemals ein Autor von&nbsp;<em>Kriminal<\/em>erz\u00e4hlungen war, sondern von Erz\u00e4hlungen. Poe war, als er &#8222;Rue Morgue&#8220; schrieb, nicht davon beseelt, in irgendwelchen Guinessb\u00fcchern literarischer Rekorde und Ersttaten aufzutauchen. Er war beeinflusst von der deutschen Romantik, dem Schauerroman und gleichzeitig ein Pionier der psychologischen, analysierenden Literatur, deren Herkommen wiederum aus der Aufkl\u00e4rung ebenso wie aus der Romantik hergeleitet werden kann und die, nimmt man es genau, bei James Joyce nicht endet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn also heute Jerry Cotton aus einem Whiskyglas mit Lippenstiftspuren, einer angebrochenen Packung Chesterfield und einem langen blonden Haar am Kragen des Toten den Schluss zieht, T\u00e4terin k\u00f6nne nur eine rauchende Frau sein, dann weist das unter anderem zur\u00fcck in die Romantik und die wiederum zeigt mit dem Finger auf Joyce, der seinerseits \u00fcbrigens das Triviale sch\u00e4tzte und ausschlachtete und also mit dem Finger zur\u00fcckweist.<\/p>\n\n\n\n<p>Und noch etwas: Wo Ideen ineinandergreifen, entstehen Bastarde. Texte, die Krimis sind und doch nicht, Texte, die keine Krimis sind und doch welche. Es kommuniziert halt. Es gibt und nimmt. Das nicht zu achten, bedeutet: keine Kultur. Nicht einmal Krimikultur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich Literatur malen m\u00fcsste, w\u00e4re sie ein wirres und irres System kommunizierender R\u00f6hren, und irgendwo in diesem eifrig blubbernden, emsig gebenden, nehmenden Chaos l\u00e4ge der Krimi. 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