{"id":13264,"date":"2009-05-26T05:34:32","date_gmt":"2009-05-26T05:35:08","guid":{"rendered":""},"modified":"2022-05-23T04:17:30","modified_gmt":"2022-05-23T02:17:30","slug":"fred-vargas-der-verbotene-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/05\/fred-vargas-der-verbotene-ort\/","title":{"rendered":"Fred Vargas: Der verbotene Ort"},"content":{"rendered":"\n<p>Vorweg: Ich glaube an die Existenz von Vampiren. Mit ihrem neuen Roman, &#8222;Der verbotene Ort&#8220; hat mich Fred Vargas davon \u00fcberzeugt, dass es diese Untoten gibt- jedenfalls in der Wirklichkeit des Textes. Das ist keine geringe Leistung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit dem Protagonisten. Jean-Baptiste Adamsberg, wer oder was ist das? Diese Frage k\u00f6nnen wir nur beantworten, wenn wir feststellen, wer oder was er nicht ist. Er ist kein wandelndes Lexikon; diese Rolle f\u00e4llt seinem Mitarbeiter Danglard zu. Er reimt sich die Dinge nicht wie Sonette zusammen; daf\u00fcr hat er Veyrenc. Er k\u00fcmmert sich nicht um die physische Erhaltung sein K\u00f6rpers; f\u00fcr die Fressalien sorgt Froissy. Naiv ist er auch nicht; naiv ist Estal\u00e8re. Ist Adamsberg m\u00fctterlich-besch\u00fctzend? Nein; aber Retancourt. Logisch ist Mercadet, daf\u00fcr aber auch extrem schlafbed\u00fcrftig. Redegewandt, ausgleichend, liebensw\u00fcrdig, kompetent, mit einem Faible f\u00fcr Mythen und M\u00e4rchen? Mordant; nicht Adamsberg. Normalerweise.<\/p>\n\n\n\n<p>So geht es weiter, die ganze Brigade durch, deren Kopf Adamsberg&#8230; nein, schon falsch. Adamsberg ist nicht der Kopf, er ist ein Teil davon. Zust\u00e4ndig f\u00fcr das Wolkenschaufeln, die Annahme jedweden Impulses, seine Verdrehung, seine Verbindung mit anderen Impulsen, bis aus dem ganzen Geweb am Ende eine Geschichte geworden ist. In &#8222;Der verbotene Ort&#8220; werden wir u.a. mit einem Verbrechen schrecklichster Art konfrontiert, der physischen Zerst\u00f6rung eines Mannes, seiner Fastpulverisierung in Hunderte von Kleinteilen \u2013 nun, ganz so viele sind es bei Adamsberg nicht, aber auch er ist lediglich ein Teil eines menschlichen Gehirns, das &#8222;kreative Zentrum&#8220;, dem die anderen Teile \u2013 Danglard et Cie. \u2013 zuarbeiten. Das ist eine vor allem f\u00fcr Kriminalliteratur tragf\u00e4hige Variante des bekannten Ph\u00e4nomens, Teile einer Pers\u00f6nlichkeit in andere Figuren auszulagern. Der Wolkenschaufler Adamsberg n\u00e4hrt sich von den Dingen, die ihm seine Ratio, meine Emotionalit\u00e4t zutragen. An die Gesetze, nach denen diese Zutr\u00e4ger funktionieren, ist es jedoch nicht gebunden. Was ihm etwa Danglard an Wissen preisgibt, verwendet Adamsberg ganz im Sinne seiner Imagination.<\/p>\n\n\n\n<p>So schreibt Fred Vargas seit Jahren einen einzigen Roman, von dem sie immer wieder neue und unterhaltsame, zumeist auch verbl\u00fcffende Varianten ver\u00f6ffentlicht. Das Verbl\u00fcffendste daran mag der Erfolg sein, ein quer durch alle Leserschichten zu h\u00f6render Applaus, der unter anderem auf eine breite und in der Summe kontroverse Interpretierbarkeit der Texte schlie\u00dfen l\u00e4sst. Einig d\u00fcrfte man sich sein, dass Vargas&#8216; Romane zwar nach der normalen Alltagserfahrung &#8222;unlogisch&#8220; sind, in ihrer Binnenwelt aber stringent folgerichtig. Vielleicht k\u00f6nnte man es mit einem Menschen vergleichen, der sich f\u00fcr Napoleon h\u00e4lt, also ein Fall f\u00fcr die Psychiatrie ist. Er handelt in seiner Wahnvorstellung so lange logisch, wie er tats\u00e4chlich seine Rolle spielt, also z.B. NICHT pl\u00f6tzlich in die eines Julius Caesar f\u00e4llt. Dennoch vermag ein solcher &#8222;Irrer&#8220;, dessen Existenz nicht mit dem Normativen vereinbar scheint, durchaus &#8222;logisch&#8220; mit dieser Wirklichkeit kooperieren. In unserem Beispiel: Der Mann, der sich f\u00fcr Napoleon h\u00e4lt, wird wohl beim \u00dcberqueren einer Stra\u00dfe auch darauf achten, nicht unter die R\u00e4der eines Autos zu kommen. Seine Wahrnehmung der Au\u00dfenwelt ist also gegeben und bei\u00dft sich nicht mit der Tatsache, dass er als Napoleon gar nicht wissen d\u00fcrfte, was ein Auto ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In &#8222;Der verbotene Ort&#8220; spielen, wie stets, &#8222;Zuf\u00e4lle&#8220; eine bedeutende Rolle. Es sind nat\u00fcrlich keine Zuf\u00e4lle, sondern die Ergebnisse synaptischer Aktivit\u00e4ten, eine Art Sinnsuche und Sinnfindung. Adamsberg und Danglard weilen zu einem Arbeitstreffen in London. Am legend\u00e4ren Friedhof Highgate, auch als bevorzugter Aufenthaltsort von Vampiren bekannt und Ruhest\u00e4tte von Karl Marx, Charles Dickens und anderen, entdecken sie siebzehn Schuhe, in denen F\u00fc\u00dfe stecken. Zumeist schon skelettiert oder doch verwest, als habe man sie l\u00e4ngere Zeit tiefgek\u00fchlt. Ein Paar der Schuhe identifiziert Danglard als fr\u00fcher im Besitz seines serbischen Onkels befindlich. Zufall?<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Paris werden Adamsberg und seine Brigade Criminelle mit einem entsetzlichen Verbrechen konfrontiert. Ein \u00e4lterer Journalist, Sonderling, findet sich in Hunderte von Teilen zerlegt, die teilweise systematisch pulverisiert wurden, in seiner Wohnung. Auch hier sp\u00fcrt die Spur nach Serbien, in jenes serbische Dorf, aus dem auch Danglards Onkel stammt. Womit beide F\u00e4lle zusammengeh\u00f6ren, was in Krimis beinahe selbstverst\u00e4ndlich ist. Noch ein Zufall?<\/p>\n\n\n\n<p>Adamsberg macht sich auf nach Serbien und kommt einer alten Fehde auf die Spur, die sich durch die Jahrhunderte zieht und, kurz gesagt, etwas mit dem Wesen und Unwesen von Vampiren zu tun hat. Inzwischen ist Adamsberg aber selbst zum Verfolgten geworden, &#8222;h\u00f6here Kreise&#8220; sind sehr daran interessiert, ihn zu desavouieren und selbst als \u00dcbelt\u00e4ter an den Pranger zu stellen. Er k\u00e4mpft also an mehreren Fronten, ger\u00e4t in eine aussichtslose Situation, was bei Adamsberg immer auch hei\u00dft, dass die Imagination, f\u00fcr die er steht, in einer Sackgasse gelandet ist und Hilfe von au\u00dfen bedarf. In diesem Falle ist es Veyrenc, der zwar nicht mehr zur Brigade geh\u00f6rt, aber wie deus ex machina aus einem anderen Bezirk des Gehirns auftaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer wird der Fall am Schn\u00fcrchen allgemeiner logischer Gesetze bis zum Ende durchgezogen. Ein T\u00e4ter, ein Motiv, eine Bestrafung. Und das Erstaunen, dass es wieder einmal pr\u00e4chtig funktioniert hat. Adamsberg wandert wie seit jeher durch die Wirklichkeit, indem er eine andere zusammenschaufelt, eine, die s\u00e4mtliche Zulieferungen aus dieser Wirklichkeit dreht und wendet, bevor er sie zusammensetzt. Das gebiert den seltsamen Effekt, dass wir als Leser uns bisweilen v\u00f6llig im Hier und Jetzt f\u00fchlen, um sofort wieder herausgerissen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das ist kein neckisch-folgenloses Spielchen. Die rationale Welt, die zu irrationalen gerinnt, die wiederum nach rationalen Gesetzen funktioniert, die alles andere als rational sind \u2013 es ist eine verwirrende Abbildung von Wirklichkeit \u00fcberhaupt. Da erkl\u00e4rt Ihnen jemand, wie &#8222;der Markt&#8220; funktioniert, Angebot und Nachfrage etc., und pl\u00f6tzlich erkennen Sie, was sich nicht erkl\u00e4ren l\u00e4sst: Dass das Irrationale die sch\u00f6ne logische Ordnung geschaffen hat &#8211; oder andersrum. Und schon steckt Kommissar Adamsberg seine Nase mitten in die Finanzkrise. Sehr merkw\u00fcrdig. Und da soll man nicht an Vampire glauben?<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Fred Vargas: Der verbotene Ort. Aufbau 2009 (Un lieu incertain, 2008. Deutsch von Waltraud Schwarze). 423 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorweg: Ich glaube an die Existenz von Vampiren. Mit ihrem neuen Roman, &#8222;Der verbotene Ort&#8220; hat mich Fred Vargas davon \u00fcberzeugt, dass es diese Untoten gibt- jedenfalls in der Wirklichkeit des Textes. 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