{"id":13315,"date":"2002-04-16T03:53:35","date_gmt":"2002-04-16T01:53:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=13315"},"modified":"2022-07-30T17:26:06","modified_gmt":"2022-07-30T15:26:06","slug":"live-godspeed-you-black-emperor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2002\/04\/live-godspeed-you-black-emperor\/","title":{"rendered":"Live: Godspeed You Black Emperor!"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Esch-Alzette (Luxemburg), Kulturfabrik. 16.04.2002<\/h2>\n\n\n\n<p>Die wichtigste Nachricht vorweg: Die Kulturfabrik in Esch-Alzette hat ihre Pforten wieder ge\u00f6ffnet. Nachdem es Streit mit Anwohnern und Ordnungsh\u00fctern gab und eine Zwangspause zwecks Renovierung und Beseitigen der Missst\u00e4nde eingehalten werden musste, ist seit Anfang April ein geregelter Spielbetrieb garantiert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t wurde mit einer Stippvisite der kanadischen Band Godspeed You Black Empereror! gefeiert. Zuvor hatte das T\u00fcftler-Duo Stereopheric Gelegenheit, mit warmen und abstrakten Elektronik-Sounds die Menge in Stimmung zu versetzen. W\u00e4hrend auf die Leinwand die Schwarzwei\u00df-Romanze &#8222;Love Affair&#8220; (aus dem Jahr 1939) projiziert wurde (erst in doppelter, dann in dreifacher Geschwindigkeit), knieten die beiden Protagonisten auf dem Boden, tief \u00fcber ihr Equipment gebeugt und hantierten herum, um den Ger\u00e4ten die von ihnen gew\u00fcnschten T\u00f6ne &#8211; Knister-Sound unterlegt mit Beat-Skeletten &#8211; zu entlocken. Am Ende wusste das Publikum nicht, ob die Stille noch dazu geh\u00f6rte oder nicht und wartete mit dem Klatschen bis sich einer der beiden erhob und verbeugte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Umbaupause war kurz. Das neunk\u00f6pfige Kollektiv aus Montreal betrat die B\u00fchne, nahm Platz &#8211; vier von ihnen sa\u00dfen am vorderen B\u00fchnenrand auf St\u00fchlen &#8211; stimmte unisono die Instrumente und ging kurz in sich. Dann legten sie bed\u00e4chtig und zart los. So behutsam und leise, dass selbst das Quietschen eines WahWah-Pedals zu vernehmen war. Knisternde Atmosph\u00e4re, die bald darauf von einem infernalischen Klanggewitter verdr\u00e4ngt wurde. Das bekannte Laut-leise-Spielchen konnte also losgehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Schlagzeuger (inklusive Percussions und Glockenspiel), zwei Bassisten (einer mit Violinenbogen), drei Gitarristen (auch wieder einer mit Bogen), eine Cellistin und eine Geigerin sorgten weit \u00fcber zwei Stunden lang f\u00fcr eine bittern\u00f6tige Reinwaschung der Seele -ihrer und unserer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der in der Mitte der B\u00fchne positionierte Gitarist (rote Haare, M\u00fctze) lockte mit dem Bogen die seltsamsten T\u00f6ne aus der elektrischen Gitarre. Immer wieder trat er mit seinen blanken und vor Dreck pechschwarzen F\u00fc\u00dfen auf die unz\u00e4hligen Effektger\u00e4te vor ihm. Sobald die Band in einem Spielrausch gefangen war und vom Crescendo in einen kathartischen L\u00e4rm \u00fcberging, hockte er mit geschlossenen Beinen und Augen geb\u00fcckt auf seinem Stuhl und pendelte wie ein kleiner Wicht ganz schnell von rechts nach links hin und her. In diesen Momenten waren GYBE! den Kaliforniern Neurosis und den Finnen Sigur Ros n\u00e4her als den Schotten Mogwai. Aber ohne Gesang wohlgemerkt. Es war schlichtweg faszinierend.<\/p>\n\n\n\n<p>War besagter Gitarrist f\u00fcr die hohen T\u00f6ne verantwortlich, widmeten sich die verbliebenen Gitarrenspieler den stark verzerrten, lauten T\u00f6nen und dem Rhythmusger\u00fcst. Im Hintergrund flimmerten morbide und d\u00fcstere Filmsequenzen, die mit der Musik zu eine Ganzen verschmolzen. Insbesondere die vom Nebel verhangenen und vom Wind umwehten Wolkenkratzerspitzen f\u00fcgten sich in das fesselnde Klangbild bestens ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verst\u00e4ndnis unter den neun MusikerInnen schien blind zu sein. Selten erkannte man ein bestimmendes Nicken, eine Geste, die den folgenden Ausbruch oder die Einkehr von Stille andeutete. s war &#8211; so bl\u00f6d es klingt &#8211; der melodischste Krach, den mir seit langem untergekommen ist. Oft wird von der reinwaschenden Funktion von Musik gesprochen, selten wurde es so gut vorexerziert und auf den Punkt gebracht wie an diesem Abend. N\u00e4chstes Mal vielleicht nicht mehr ganz so lang und in einem bestuhlten Saal. Denn das Vorgetragene kostete Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Esch-Alzette (Luxemburg), Kulturfabrik. 16.04.2002 Die wichtigste Nachricht vorweg: Die Kulturfabrik in Esch-Alzette hat ihre Pforten wieder ge\u00f6ffnet. 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