{"id":13322,"date":"2004-02-28T03:59:12","date_gmt":"2004-02-28T02:59:12","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=13322"},"modified":"2022-05-26T15:19:55","modified_gmt":"2022-05-26T13:19:55","slug":"live-sean-tyrrell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/02\/live-sean-tyrrell\/","title":{"rendered":"Live: Se\u00e1n Tyrrell"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">St. Wendel-Alsfassen, Felsenm\u00fchle. 7.12.2001<\/h2>\n\n\n\n<p><i>&#8222;If Guinness could sing it would sound like Se\u00e1n!&#8220;<\/i><\/p>\n\n\n\n<p>Es wirkte abgespannt und m\u00fcde, was kein Wunder war, hatte er doch am Abend zuvor noch im winterlichen Innsbruck gastiert. Jetzt war Se\u00e1n Tyrrell mit seinem Kompagnon Fergus Feeley in St. Wendel-Alsfassen eingetroffen, und er wusste, dass er hier eine Art &#8222;Heimspiel&#8220; vor sich hatte. Zum vierten Male trat Se\u00e1n in der &#8222;Felsenm\u00fchle&#8220;, dieser urigen Musikkneipe in historischem Gem\u00e4uer, auf. Die gem\u00fctliche Atmosph\u00e4re lie\u00df ihn und Fergus bald entspannen, und nach einem kurzen Soundcheck ging&#8217;s denn auch los.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die &#8222;Felsenm\u00fchle&#8220; war nur sp\u00e4rlich gef\u00fcllt, eigentlich schade angesichts der Klasse des irischen Singer\/Songwriters. In seiner Heimat hat Se\u00e1n fast einen \u00e4hnlich hohen Stellenwert wie Christy Moore, Paul Brady oder Andy Irvine. 1995 hatte er mit &#8222;Cry Of A Dreamer&#8220; ein exzellentes, mehrfach ausgezeichnetes Album ver\u00f6ffentlicht, das auch international Beachtung fand. Schlechte Erfahrungen mit einer gro\u00dfen Plattenfirma bewogen ihn allerdings, fortan nur noch in v\u00f6lliger Eigenverantwortung CDs zu ver\u00f6ffentlichen. Neben seiner Singer\/Songwriter-T\u00e4tigkeit ist er \u00fcbrigens auch dem irischen Theater sehr verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Jahreszeit angepasst er\u00f6ffneten Se\u00e1n &amp; Fergus den Set mit &#8222;The Lights Of Little Christmas&#8220;, einer Ballade, die die Abgeschiedenheit der irischen Westk\u00fcste beschreibt und die Hoffnungen der hin- und hergerissenen Menschen beschw\u00f6rt, die mit brennenden Kerzen in den Fenstern ihrer ausgewanderten Angeh\u00f6rigen gedenken. Se\u00e1n ist kein happy-go-lucky-Typ mit losen Spr\u00fcchen, kein Entertainer wie Christy Moore, der sich \u00fcber allerlei Dinge &#8211; auch ernste, politische Themen &#8211; lustig macht. Se\u00e1ns Repertoire ist durch und durch melancholisch eingestimmt. Verflossene Liebschaften, in die Br\u00fcche gegangene Beziehungen, Einsamkeit, innere Leere, \u00c4ngste vor der Zukunft &#8211; wie sie beispielsweise Emigranten plagten &#8211; alles Themen, die kaum Freude aufkommen lassen. Tja, und dann auch noch das wechselhafte irische Wetter, das einem ziemlich zusetzen kann: mit &#8222;November Rain&#8220; bringt er &#8211; wenn auch zeitlich nicht mehr ganz stimmig &#8211; dieses Unbehagen eindrucksvoll her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit es aber nicht ganz so schwerm\u00fctig wird, h\u00e4ngt S\u00e9an gerne an so manchen getragenen Song ein Instrumental an, einen Reel, einen Jig oder einen Hornpipe. Das bringt, bedingt auch durch die Tempiwechsel, etwas Schwung in die Sache. Dem wundersch\u00f6nen Liebeslied &#8222;Wild Mountain Thyme&#8220;, ein Folk-Klassiker, den auch Joan Baez gerne sang, folgt passend die Instrumentalfassung eines Tanzliedes (&#8222;Love Will Ye Marry Me&#8220;). Und bisweilen singt Se\u00e1n Songs, die so richtig die Stimmung heben, wo es swingt und die Beine zu wippen beginnen, Songs, die Optimismus und Lebenslust verbreiten, obwohl sie inhaltlich immer noch recht nachdenklich ausgerichtet sind: z. B. &#8222;Fortune For The Finder&#8220; oder &#8222;Only From Day To Day&#8220;, jeweils mit sehr einschmeichelnden Melodien (Ronnie Lane l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen!).<\/p>\n\n\n\n<p>Se\u00e1n schreibt eher selten seine Texte selbst, lieber komponiert er zu Gedichten, die er in irgendwelchen Lyrikb\u00e4nden ausgr\u00e4bt, eine &#8211; f\u00fcr ihn -passende Musik. Zu seinen Lieblingsdichtern z\u00e4hlt er u. a. John Boyle O&#8217;Reilly, John Frazier oder auch William Butler Yeats. Nat\u00fcrlich sind die Live-Arrangements im Vergleich zu den CD-Aufnahmen etwas spr\u00f6de; hie und da vermisst man ein Melodieinstrument wie das Akkordeon, die Fiddle oder den Dudelsack. Gleichwohl imponiert aber auch das Saitenspiel auf eher ungew\u00f6hnlichen Instrumenten wie der Tenorgitarre, der Mandocello oder der Mandola. Se\u00e1n hat da, f\u00fcr meine Begriffe, sogar einen eigenen Stil entwickelt. W\u00e4hrend er etwas versunken und in sich gekehrt auf seinem Stuhl sitzt, sinniert Fergus &#8211; ganz locker und cool &#8211; auf seinem Barhocker, oft die Augen verschlossen, und garniert Se\u00e1ns Vorgaben durch oft improvisierte Soli und kongeniale Harmonien.<\/p>\n\n\n\n<p>Se\u00e1n ist w\u00e4hrend des Konzertes eher wortkarg, gibt keine gro\u00dfen Erkl\u00e4rungen zu den einzelnen St\u00fccke ab. Es sei denn, es handelt sich um einen der f\u00fcr ihn eher seltenen Songs mit einer politischen Message. &#8222;Woman Cry&#8220; ist so ein Lied; es stammt aus der Feder von Bobby Sands, der 1981 w\u00e4hrend eines Hungerstreiks im ber\u00fcchtigten Gef\u00e4ngnis Long Kesh verstarb. Oder &#8222;The Dead Kings&#8220;, wiederum ein von ihm vertontes Gedicht, diesmal von dem im 1. Weltkrieg in Flandern gefallenen Dichter Francis Ledwidge. Mit dem belgischen Musiker Alfred den Ouden hatte Se\u00e1n diesem in Vergessenheit geratenen Poeten 1999 ein ganzes Album (&#8222;Songs Of Peace&#8220;) gewidmet.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, Se\u00e1n ist kein einfacher K\u00fcnstler, kein Exponent der popul\u00e4ren, bierseligen, irischen Schunkel-Folklore. Man muss ihm zuh\u00f6ren (wollen), sich auf die Intensit\u00e4t seines Singens, die oft anr\u00fchrt, manchmal sogar schmerzt, einlassen. Robert Wyatt oder Roy Harper fallen mir da ein, wenn ich Vergleiche anstellen wollte, auch wenn diese K\u00fcnstler ja eher dem Rockgenre zugeordnet werden. N\u00e4chstes Jahr wird Se\u00e1n sein drittes Soloalbum vorlegen, und im Herbst 2002 dann wieder auf Deutschlandtour kommen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St. Wendel-Alsfassen, Felsenm\u00fchle. 7.12.2001 &#8222;If Guinness could sing it would sound like Se\u00e1n!&#8220; Es wirkte abgespannt und m\u00fcde, was kein Wunder war, hatte er doch am Abend zuvor noch im winterlichen Innsbruck gastiert. 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