{"id":13334,"date":"2000-02-26T04:15:21","date_gmt":"2000-02-26T03:15:21","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=13334"},"modified":"2022-05-26T00:30:55","modified_gmt":"2022-05-25T22:30:55","slug":"live-wire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2000\/02\/live-wire\/","title":{"rendered":"Live: Wire"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">London, Royal Festival Hall, South Bank Centre, 26.2.2000<\/h2>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><b>G\u00e4ste:<\/b><br \/>Immersion (Colin Newman\/Malka Spigel)<br \/>He Said (Graham Lewis and Friends)<br \/>DJ x DJ (Seth Hodder\/Daniel Miller)<br \/>Michael Clark<\/pre>\n\n\n\n<p>Seit 23 Jahren arbeiten Wire konsequent daran, ihr Publikum insoweit zu &#8218;erziehen&#8216;, dass blo\u00df niemand mit irgendeiner Art von Erwartungshaltung zu einem ihrer Konzerte kommt. So weigerten sie sich Ende der 70er Jahre konsequent, Songs aus bereits ver\u00f6ffentlichen Alben live zu spielen und pr\u00e4sentierten auf der B\u00fchne durchweg neues Material. Nach drei hervorragenden Ver\u00f6ffentlichungen zwischen 1977 und 1979 inszenierte die Band ihr erstes vorl\u00e4ufiges Ende mit einem dadaistisch angehauchten Experimentalevent im Camden Electric Ballroom (als Konserve zu h\u00f6ren auf &#8218;Document and Eyewitness&#8216;).<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Angewidert von der Tatsache, dass viele ehemalige Punk-Bands &#8211; wobei Wire niemals in die P-Schublade passten &#8211; zu langweiligen Rock-Outfits verkamen, tauchten die Mitglieder der st\u00f6rrischen Viererbande in diversen, zum Gro\u00dfteil brillianten Soloprojekten ab, um sich 1985 als selbstdefinierte Beatcombo neu zu inszenieren. Die EP &#8218;Snakedrill&#8216; und das Album &#8218;The Ideal Copy&#8216; l\u00e4uteten eine hochproduktive Phase ein, die mit &#8218;A bell is a cup until it is struck&#8216; ihren Abschluss fand. &#8218;It&#8217;s beginning to and back again&#8216; wies den Weg in zunehmend elektronische Gefilde, wobei sich Schlagwerker Robert Gotobed schlussendlich \u00fcberfl\u00fcssig vorkam und die Band 1990 verlie\u00df. Nach einem weiteren Album unter dem neuen Logo &#8218;Wir&#8216; war dann erstmal Sense, obwohl sich das Trio mit dem wenig beachteten Wirvien-Album 1996 noch einmal kurz zur\u00fcckmeldete.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/hinternet.de\/live\/images\/drill.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n\n<p>Wie pikant dann die Tatsache, dass sich Wire dieses Jahr in der Urbesetzung f\u00fcr die Konzertreihe &#8218;The living legends&#8216; (sic) des Londoner South Bank Center zu einem eigentlich als One-Off-Gig angek\u00fcndigten Konzert anheuern lie\u00dfen. Und sich zum ersten Mal bereiterkl\u00e4rten, Songs aus ihrer fr\u00fchen Vergangenheit zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen der Vorbereitungen auf den Gig lie\u00df Gitarrist Bruce Gilbert dann im NME verlauten, dass sich die Band ja nie offiziell getrennt h\u00e4tte (was sind schon 10 Jahre Pause f\u00fcr eine Band, deren Karriere aus fast genau so vielen inaktiven Phasen wie produktivem Zusammenspiel bestand?) und dass man beabsichtige, mit den neuen alten Wire auf Tour zu gehen. Und damit bei dem Gig in Londons hochsubventionierten Betonpalast der sch\u00f6nen K\u00fcnste am S\u00fcdufer der Themse (von den Einheimischen immer noch despektierlich &#8218;South Bonk Center&#8216; genannt) bloss nichts schiefging, gab es 2 inoffizielle Aufw\u00e4rmkonzerte in Dublin und Nottingham.<\/p>\n\n\n\n<p>So blieb denn auch beim Londoner Live-Event nichts dem Zufall bzw. \u0096 Gott bewahre! \u0096 auch nur einem Hauch von Spontaneit\u00e4t \u00fcberlassen. P\u00fcnktlichst um halb 8 begann die Show mit einer halbst\u00fcndigen Videopr\u00e4sentation von &#8218;Wire live im Rockpalast&#8216;. Reichlich Zeit f\u00fcr Nostalgiker, sich die mit finstersten Mienen vorgetragenen brillianten St\u00fccke aus der \u00c4ra um &#8218;Pink Flag&#8216; und &#8218;Chairs Missing&#8216; reinzuziehen. Diverse Konzertbesucher versuchten derweil, im Dunkeln zu ihren nummerierten Sitzpl\u00e4tzen in der regul\u00e4r f\u00fcr klassische Konzerte vorgesehenen Halle zu finden. Ich sa\u00df zum ersten Mal in meinem Leben in einer Loge hoch \u00fcber dem Geschehen, das w\u00e4hrend des zweist\u00fcndigen Vorprogramms bis zum Auftritt von Wire einem wimmelnden Ameisenhaufen nicht un\u00e4hnlich war. Das Gef\u00fchl, einer mit der Stoppuhr geplanten, ohne Herzblut inszenierten Show von Leuten, die von ihrer Cleverness \u00fcberzeugt sind, beizuwohnen, wollte einfach nicht weggehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Besucher hatten nicht das Sitzfleisch, um sich die reichlich entt\u00e4uschenden Klang- und Videoausfl\u00fcge von Immersion im Anschluss an die Geschichtsstunde aus der Vergangenheit des deutschen Fernsehens ohne Pause anzutun. Malka Spigel und Colin Newman hielten es f\u00fcr eine gute Idee, eine halbe Stunde lang mit dem R\u00fccken zum Publikum reichlich ambiente Sound- und Videosamples abzuspielen. Und damit bloss jeder mitbekommt, wie das Projekt hei\u00dft, hatten sich die beiden ihr &#8218;Immersion-Logo&#8216; auf die R\u00fcckseiten ihrer 70er-Jahre-Satinbomberjacken pinseln lassen. Also. Immersion. Immersion. Immersion. Viele, oft wiederhole Bildschnipsel von anfahrenden Z\u00fcgen, W\u00e4nden mit abbl\u00e4tternder Farbe und Plastikgoldfischen (einer von diversen Hinweisen auf das eigene Label ~swim) erg\u00e4nzten die Sampleloops auf das allerangemessenste. Auf das allerangemessenste. Auf das allerangemessenste. Sicher, man k\u00f6nnte es Immersion gleichtun und den Begriff der &#8218;Konzeptkunst&#8216; an den Haaren herbeiziehen. F\u00fcr den gibt es meiner Ansicht nach aber bereits verdientere Anw\u00e4rter.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ambient bem\u00fchte Duo verschwand so wortlos, wie es gekommen war, und jetzt gab es wirklich einen Leckerbissen f\u00fcr&#8217;s Auge. Ein Video der androgynen T\u00e4nzerin Gunilla Leander mit Musik von Edvard Graham Lewis, gefolgt von einer ebenso erfreulichen Projektion des He Said-Projekts des Wire-Bassisten, der kurz darauf selbst die B\u00fchne betrat und tats\u00e4chlich mit seinem Publikum kommunizierte. Das Highlight des Abends in jeder Hinsicht: vielseitig, emotional, elektronisch und zeitgem\u00e4\u00df. He Said in seinen diversen Inkarnationen geh\u00f6rt f\u00fcr mich neben Dome zu den besten der zahlreichen Nebenprojekte der Wire-Macher.<\/p>\n\n\n\n<p>Nahtlos gefolgt von DJ x DJ, die einen musikalisch herausragenden Mix von Songs aus &#8218;The Ideal Copy&#8216; und &#8218;Manscape&#8216; hinlegten. Visuell stelle man sich zwei Leute im Halbdunkel hinter einem DJ-Pult vor, von denen einer (Seth Hodder) die Samples mixt, der andere (Daniel Miller) mit einem Laptop-Computer wahlweise einen, zwei oder drei wei\u00dfe Punkte auf schwarzem Hintergrund hin und her h\u00fcpfen l\u00e4sst, was dann im Gro\u00dfformat auf die Leinwand \u00fcber der B\u00fchne projiziiert wird. Damit es auch der D\u00fcmmste rafft: dies ist ein Abend der Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen. Trotz oder gerade deswegen w\u00e4re ich dem Mute-Label-Chef f\u00fcr diese visuelle Zumutung gerne nach drei Minuten bei Straffreiheit an die Gurgel gesprungen. Aber vielleicht hat es bisher ja auch niemand f\u00fcr n\u00f6tig gehalten oder gewagt, diesen m\u00e4chtigen Plattenfirmenboss dar\u00fcber zu informieren, dass solche manirierten Manipulationen schon seit Anfang der 90er tr\u00e8s pass\u00e9, daaahling sind. Trotzdem, die Sounds waren gut genug, eine halbe Stunde die Augen zu schlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann, endlich, und passend \u0096 &#8218;How many dead or alive?&#8216; \u0096 mit dem Titelsong von Pink Flag \u0096 die lebende Legende (pruuust) kehrt zur\u00fcck, das Publikum lebt auf bzw. str\u00f6mt in Scharen zur\u00fcck in den Konzertsaal. Fernab von jeglicher Elektronik, angetrieben von der pr\u00e4zisen Schlagkraft von Robert, der jetzt nicht mehr Gotobed sondern Grey hei\u00dft und hauptberuflich als Bio-Bauer arbeitet, bieten Wire einen Querschnitt durch alles von &#8218;Pink Flag&#8216; bis zu &#8218;A Bell Is A Cup&#8216;. Und Songs wie &#8218;Silk Skin Paws&#8216;, &#8218;Strange&#8216; oder &#8218;Lowdown&#8216; klingen erstaunlich frisch und aktuell, was mit Sicherheit zum Teil Bands wie Blur und Elastica zu verdanken ist, welche die Erinnerung an Wire lebendig gehalten haben (Elastica wurden f\u00fcr ihre \u00fcberm\u00e4\u00dfig originalgetreuen Anleihen zwar von Wire&#8217;s Plattenfirma vor den Kadi gezerrt, aber das ist eine andere Geschichte). Besonders gelungen: eine abgedrehte, neue Version von &#8218;Heartbeat&#8216;, zu der Ballettstar Michael Clark zusammen mit seinen Kolleginnen Lorena Randi und Kate Coyne einen viel zu kurzen, grandiosen Auftritt hinlegt. Clark wurde in den 80ern als das Wunderkind der Ballettszene gefeiert und kollaborierte mit Lewis und Gilbert. Auch f\u00fcr ihn war der Abend eine &#8218;R\u00fcckkehr aus der Gruft&#8216;, denn um den T\u00e4nzer war es aufgrund privater Probleme jahrelang still geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seinem Auftritt war es Zeit f\u00fcr eine weitere Geschichtslektion: ein Video von &#8218;Snakedrill&#8216;, das Wire bei einem Auftritt in den USA zeigt. Anr\u00fchrend-komisch die amerikanische Moderatorin im Weibchenlook, deren \u00fcbersch\u00e4umende Lebendigkeit auf das Heftigste mit den unterk\u00fchlt-smarten B\u00fchnenpers\u00f6nlichkeiten der Wire-Leute kontrastierte. Das Mini-Interview als Farce. Wie putzig&#8230;Und wehe dem, der erwartet hatte, dass die aktuelle, reifere Inkarnation der Band zu einem entspannteren Umgang mit ihrem Publikum bereit (oder f\u00e4hig?) w\u00e4re. Wire arbeiten sich genauso konzentriert und distanziert durch ihren Set wie in ihren Anfangstagen. Zwischenrufe von Fans werden ignoriert, eine Kommunikation findet nicht statt. Und das, obwohl mittlerweile gut 50 Begeisterte vor der B\u00fchne tanzen. Irgendwann hat das Prinzip &#8218;the medium is the message&#8216; zumindest f\u00fcr mich seinen Reiz verloren. Wie zu erwarten endet der Abend mit dem St\u00fcck, das die Band seit gut 20 Jahren prinzipiell nie live aufgef\u00fchrt hat \u0096 12XU. Der Kreis hat sich geschlossen, und ich bin mir nicht sicher, ob dies ein Grund zur Freude oder zur Nachdenklichkeit ist. Gerade bei dieser Band f\u00e4llt es schwer, altes als neues zu akzeptieren. Auch Wire&#8217;s Plattenfirma Mute scheint nicht so recht zu wissen, was sie mit dieser Version der Viererbande anfangen soll. So wirbt man im Magazin &#8218;The Wire&#8216; (doppelsic) zwar mit Erm\u00e4\u00dfigungen f\u00fcr alle Scheiben aus dem Backkatalog von Wire, auf der Website des Indiegiganten findet man jedoch nur eine veraltete Bio der Band.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Wire definitv wieder im Musikgeschehen mitmischen wollen, zeigt die Pr\u00e4senz einer von der Band selbst ins Leben gerufenen Website (<a href=\"http:\/\/www.pinkflag.com\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.pinkflag.com<\/a>), auf der zahlreiche Tourdaten angek\u00fcndigt sind. Die n\u00e4chste Dosis Wire pur und ohne Vorprogramm k\u00f6nnen sich Interessierte vom 26. bis 28. Mai im Londoner Club &#8218;The Garage&#8216; reinziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>(mo)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>London, Royal Festival Hall, South Bank Centre, 26.2.2000 G\u00e4ste:Immersion (Colin Newman\/Malka Spigel)He Said (Graham Lewis and Friends)DJ x DJ (Seth Hodder\/Daniel Miller)Michael Clark Seit 23 Jahren arbeiten Wire konsequent daran, ihr Publikum insoweit zu &#8218;erziehen&#8216;, dass blo\u00df niemand mit irgendeiner Art von Erwartungshaltung zu einem ihrer Konzerte kommt. 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