{"id":13455,"date":"2004-06-09T11:49:36","date_gmt":"2004-06-09T09:49:36","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=13455"},"modified":"2022-05-31T14:44:28","modified_gmt":"2022-05-31T12:44:28","slug":"live-chris-eckman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/06\/live-chris-eckman\/","title":{"rendered":"Live: Chris Eckman"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Bielefeld, Forum. 20. 5. 2004.<\/h2>\n\n\n\n<p>K\u00fcrzlich durfte ich ein intimes Konzert eines von mir durchaus gesch\u00e4tzten K\u00fcnstlers besuchen, der es doch tats\u00e4chlich schaffte, in Bielefeld ca. 40-50 Leute anzulocken, w\u00e4hrend z.B. in Frankfurt keine 10 G\u00e4ste kamen. Daf\u00fcr, dass ich von der geringen Zahl der Zuschauer \u00fcberrascht war, lief es also noch ziemlich gut. Alles weitere \u00fcberlasse ich meiner Begleiterin an jenem Abend, die folgendes zu berichten wei\u00df:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Chris Eckman \u0096 ein Konzertbericht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem pathetischen, protzigen und peinlichen Titel \u0084Mastermind of the Walkabouts\u0093 wurde f\u00fcr den Solo-Auftritt Eckmanns geworben. Gut, er war von Anfang an dabei und schreibt die meisten St\u00fccke, aber der Rest der Band ist ja wohl kaum als blo\u00dfes Anh\u00e4ngsel Eckmanns zu verachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spielte auf der kleinen B\u00fchne, was diesem anma\u00dfend klingendem Titel widersprach, denn auf den Walkabouts-Konzerten in Bielefeld war in den letzten Jahren immer recht viel los.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Chris Eckmann aus dem Backstagebereich auftauchte, lief er allerdings mit dem Gutes verhei\u00dfenden fiesen Gesichtsausdruck herum, denn offenbar hat er mit Bob Dylan eines gemeinsam: je miesepetriger er heruml\u00e4uft, desto besser sind seine Konzerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er nach dem unspektakul\u00e4ren und etwas unsicheren Andy White loslegte, wurde jeder fiese Gedanke \u00fcber das schlechte Plakat (hoffen wir mal, dass es nicht Eckmanns Idee war) vom Tisch gefegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er begann mit dem \u0096 in der Walkaboutsversion rockigen \u0096 Song \u0084The Stopping-Off-Place\u0093, den er in einer ruhigen, ja fast zarten Version spielte, die mich \u0096 und wie\u00b4s aussah den Rest des Publikums auch \u0096 in seinen Bann schlug, der den Rest des Konzertes anhalten sollte (nur ab und zu gest\u00f6rt vom Gel\u00e4rme der Forumsmannschaft an der Theke).<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite St\u00fcck \u0084Up in the Graveyard\u0093 leitete Eckmann mit der \u00c4u\u00dferung ein, er habe es im ersten Golfkrieg geschrieben, dann setzte er selbstironisch dazu, dass das nat\u00fcrlich sehr pathetisch sei, das jetzt so zu sagen, und machte mit diesem leisen Humor deutlich, dass er eigentlich nicht dazu neigt, sich zu \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er begl\u00fcckte uns (DAS klingt jetzt auch pathetisch, ist aber in diesem Falle einfach wahr) mit vielen seiner wunderbaren Songs:<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem von der portugiesischen Fado &#8211; Musik inspirierten \u0084Fadista\u0093 &#8211; meiner Ansicht nach das Artischockenherz seines Soloalbums \u0084A Janela\u0093.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem kaum wieder zu erkennenden \u0084Grand Theft Auto\u0093. Man kennt es ja von den Walkabouts: selbst bei zwei Konzerten der gleichen Tour h\u00f6rt man kaum ein Lied identisch wiederholt. So unterscheiden sich die krachigere Studiowalkaboutsversion von \u0084Grand Theft Auto\u0093 von der Chris und Carla live in Llubljana &#8211; Variante mehr von einander als bei anderen Bands die einzelnen Lieder und Covers vom Original. Ich \u00fcbertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass es diesmal kaum wieder zu erkennen war: tats\u00e4chlich war ich mir erst sicher, als der Text einsetzte. Diesmal setzte Eckmann ganz selbstverst\u00e4ndlich die zur Verf\u00fcgung stehende Technik ein, nicht um der Technik Willen, nein, er benutzte sie zur Kreation der Musik, nur als Mittel zum Zweck, indem er auf geniale Art und Weise sein eigenes Intro sampelte und loopte, um darauf das Solo zu spielen, was ihm so bruchlos gelang, dass ich im ersten Moment dachte: H\u00f6rt sich an, als w\u00fcrde er vierh\u00e4ndig spielen, wie macht er das nur?<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die mir bisher unbekannten Songs von seinem neuen Soloalbum \u0084The Black Field\u0093 spielte Eckmann mitrei\u00dfend, insbesondere das umwerfend klagende \u0084Restless\u0093, in dem dem lyrischen Ich (nat\u00fcrlich w\u00e4re es Eckmann zuzutrauen, dass der Song autobiographisch ist, muss ja aber nicht sein) vorgeworfen wird, dass es rastlos sei, als es sich gerade w\u00fcnscht, es w\u00e4re tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es waren nicht nur die sagenhaft poetischen Texte Eckmanns, die bezauberten: manchmal musste man nur die Augen schlie\u00dfen und Chris Eckmann schuf mit seiner Gitarre das ganze Universum neu \u0096 wie beim kleinen Zauberer, der den Tieren die ganze Welt zaubert, nachdem sie hinter den geschlossenen Augenlidern verschwunden ist &#8211; und seine Stimme legte sich auf diese Klanglandschaft wie Morgentau.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem sympathisch trockenem Humor sparte er allerdings auch weniger als sonst: Als er mit John, der die Platten verkaufte, die Go-Betweens coverte (es ist so angenehm, dass Eckmann trotz seines Dylanschen Sauertopfgesichts nicht wirklich Starall\u00fcren hat, sondern vor und nach dem Konzert im Publikum ruml\u00e4uft und Lieder mit dem Merchandisingmann spielt), erz\u00e4hlte er vom Abend zuvor, an dem er in Fulda gewesen sei. Auf dem Konzert seien nur neun Leute gewesen, deshalb habe er begonnen Songs zu spielen, die er selbst nicht kannte \u0096 einer davon dieser. Fulda sei ein schwarzes Loch und die H\u00f6lle. Er riet uns niemals dort hinzugehen, selbst wenn wir unbedingt m\u00fcssten.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er sich kurz darauf bei uns bedankte und sagte, wir seien ein gro\u00dfartiges Publikum, rief ein Mann vor uns, sie seien aus Fulda gekommen. Eckmann erz\u00e4hlte sofort cool, dass sie sich noch eben im Auto dar\u00fcber unterhalten h\u00e4tten, wie sch\u00f6n es in Fulda gewesen sei, vor allem ihr Zimmer dort&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Er coverte \u0084Girls just wanna have fun\u0093. Bei einem Lied erz\u00e4hlte er, h\u00e4tten ihn in Griechenland Leute angesprochen, welcher griechische Philosoph den Text geschrieben h\u00e4tte, und es stellte sich heraus, dass der Song von den Buzzcocks war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur am Ende, bei der etwa tausendsten Zugabe \u0096 ich dachte noch: von mir aus k\u00f6nnte er die ganze Nacht weiterspielen &#8211; erlitt ich eine pers\u00f6nliche Entt\u00e4uschung. Zum kr\u00f6nenden Abschlu\u00df spielte Chris Eckmann so sauer, wie ich ihn selten auf der B\u00fchne erlebt habe, \u0084A glad nation&#8217;s death song\u0093. In meiner vertrauensseeligen Gutgl\u00e4ubigkeit hatte ich dieses Lied immer f\u00fcr ein antinationalistisches, gar antinationales Lied gehalten. Leider leitete Eckmann es mit den Worten ein: \u0084Fuck George Bush, fuck Donald Rumsfeld!\u0093 Man kann einwenden, dass Eckmann als Amerikaner (auch wenn er wohl gerade in Llubljana wohnt) das darf: der Hauptfeind ist das eigene Land. Aber diese Form der Personalisierung, die im einig antiamerikanischen Deutschland auf billige Art Stimmung produziert, ist hier mehr als platt, denn sie kommt schnell einem Schulterschluss mit den deutschen Nationalistischen und den SPD-Anh\u00e4ngern, die sich auf Old Europe einen runterholen, gleich. Zumal Eckmann schon als es um den Feiertag ging eine naiv idealistische Vorstellung von Europa gezeigt hatte, da er meinte, es sei sehr europ\u00e4isch, wenn viele an dem Tag zwischen Feiertag und Wochenende auch frei h\u00e4tten: als wenn irgendwo auf der Welt so ein Arbeitsfetischismus zelebriert w\u00fcrde wie in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>So ist das eben oft mit K\u00fcnstlern: manchmal wissen sie wohl nicht was sie tun, wenn sie Lieder schreiben, die etwas revolution\u00e4rer sind als die K\u00fcnstler. Und wenn sie sie dann vor einen politischen Wagen spannen wollen, geht&#8217;s steil bergab. Schade um diesen G\u00fclletropfen in einem gro\u00dfartigen Konzert.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Links:<br \/><a href=\"http:\/\/www.forum-bielefeld.com\/\">www.forum-bielefeld.com<\/a><br \/><a href=\"http:\/\/www.thewalkabouts.com\/\">www.thewalkabouts.com<\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bielefeld, Forum. 20. 5. 2004. K\u00fcrzlich durfte ich ein intimes Konzert eines von mir durchaus gesch\u00e4tzten K\u00fcnstlers besuchen, der es doch tats\u00e4chlich schaffte, in Bielefeld ca. 40-50 Leute anzulocken, w\u00e4hrend z.B. in Frankfurt keine 10 G\u00e4ste kamen. Daf\u00fcr, dass ich von der geringen Zahl der Zuschauer \u00fcberrascht war, lief es also noch ziemlich gut. 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