{"id":13595,"date":"2004-10-12T13:44:40","date_gmt":"2004-10-12T11:44:40","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/?p=13595"},"modified":"2022-06-14T22:55:48","modified_gmt":"2022-06-14T20:55:48","slug":"elke-schwab-kullmanns-letzter-fall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2004\/10\/elke-schwab-kullmanns-letzter-fall\/","title":{"rendered":"Elke Schwab: Kullmanns letzter Fall"},"content":{"rendered":"\n<p>Wahlweise morgens oder abends. Du enterst einen Nahverkehrszug, der dich in f\u00fcnfundzwanzig Minuten zur Arbeit \/ nach Hause bringen soll (aber nur, wenn der Chauffeur nicht mittendrin mal wieder &#8222;dringend aufs Klo&#8220; muss, wo er dann gem\u00fctlich die Bildzeitung liest und eine qualmt). Du bist dem Sch\u00fclergeschrei \/ dem Omaschnattern hilflos ausgesetzt, der Blick aus dem Fenster bietet weder Ablenkung noch Trost. Also: Buch her. Krimi bevorzugt. Deine Anspr\u00fcche sind gering.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auf das Wohlgedrechselte der Sprache kommt es dir ebenso wenig an wie auf psychologische Feinheiten, einigerma\u00dfen glatt muss sich das Ding lesen lassen, ein wenig Spannung, etwas Action schaden auch nicht. Mehr wird nicht verlangt. Aber das ist meistens schon zuviel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei scheint Elke Schwabs &#8222;Saarlandkrimi&#8220; &#8222;Kullmanns letzter Fall&#8220; die moderaten Erwartungen vordergr\u00fcndig zu erf\u00fcllen. Der Plot ist nicht spannender oder langweiliger als die meisten Plots, die logischen Br\u00fcche sind nicht auff\u00e4lliger als anderswo, und das Personal besitzt die gleiche holzschnittartige Beschaffenheit wie in ca. 90% der Produkte dieses Genres. F\u00fcr die Bahn sollte es also reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4ren da nicht zwei Dinge, die selbst dem bescheidensten Leser irgendwann so m\u00e4chtig auf den Senkel gehen, dass er Sch\u00fclergeschrei \/ Omaschnattern den Vorzug gibt. Zum einen die ungeheure Geschw\u00e4tzigkeit der Autorin, die alles, aber auch wirklich alles ausplaudert, was der Leser am besten nicht wissen sollte beziehungsweise sich mit etwas Phantasie selbst zusammenreimen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon beim Eintritt in den Roman, noch bevor die erste Leiche (ein Polizist namens Walter Nimmsgern) zu beklagen ist, teilt uns die Autorin mit, was Sache ist:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Walter Nimmsgern konnte seine Freude kaum z\u00fcgeln, weil er schon seit Monaten an dem Fall Luise Spengler gearbeitet hatte. Z\u00e4h hatte er seine Idee verfolgt, der Weg zur L\u00f6sung lag ihm klar vor Augen, es fehlte nur dieses Ergebnis.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Einmal ganz davon abgesehen, dass von &#8222;Z\u00e4higkeit&#8220; und &#8222;Weg zur L\u00f6sung&#8220; keine Rede sein kann, wie wir im Verlauf des Buches erfahren, ist es einfach unvern\u00fcnftig, dem Leser bereits zu Anfang br\u00fchwarm aufzutischen, warum jemand ins Gras bei\u00dfen muss. Aber es kommt noch schlimmer. Jede Gem\u00fctsregung der &#8222;Heldin&#8220; Anke Deister wird uns genauestens beschrieben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Nach Feierabend beschloss Anke kurzerhand, in den Stall zu fahren. Sie hoffte, Robert wieder zu sehen. Seit sie den gutaussehenden Mann kennen gelernt hatte, wollte er nicht mehr aus ihrem Kopf. Schon lange hatte sie dieses Gef\u00fchl nicht mehr gekannt, das Kribbeln im Bauch, als seien dort tausend Schmetterlinge zum Leben erwacht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier nun begegnen wir auch der zweiten Unzumutbarkeit des Romans: seiner Sprache. Diese ist v\u00f6llig ohne eigenen Charakter und besteht aus Versatzst\u00fccken &#8211; &#8222;gutaussehender Mann&#8220;, &#8222;Kribbeln im Bauch&#8220;, &#8222;tausend Schmetterlinge&#8220; -, immer wieder durch Schludereien aufgelockert. Man kann nichts &#8222;schon lange nicht mehr gekannt&#8220; haben. Entweder man kennt es schon (was hier der Fall ist) oder man lernt es zum erstenmal kennen. Korrekt m\u00fcsste es wohl hei\u00dfen: &#8222;Schon lange hatte sie dieses Gef\u00fchl nicht gesp\u00fcrt&#8230;&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Passagen findet man in Schwabs Buch erschreckend h\u00e4ufig, und meistens sind sie Ausdruck der bereits beklagten Geschw\u00e4tzigkeit:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Nach diesem entt\u00e4uschenden Intermezzo fuhr sie wieder zur\u00fcck in ihre kleine Wohnung. Kaum war sie dort angekommen, geschah genau das, was sie mit dieser Reitstunde zu vermeiden versucht hatte. Der Sturz vom Pferd hatte ihr inneres Chaos verst\u00e4rkt. W\u00e4hrend sie sich auszog und in die Duschkabine stieg, sp\u00fcrte sie tiefe Niedergeschlagenheit. Dieser Abwurf passte genau in ihre derzeitige Verfassung, dachte sie zerknirscht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Hier wird es dem Leser nicht einmal zugemutet, eine Verbindung zwischen Reitunfall und psychischer Situation herzustellen. Und nat\u00fcrlich ist, wie in jedem Penn\u00e4leraufsatz, die Niedergeschlagenheit &#8222;tief&#8220; und das Denken &#8222;zerknirscht&#8220;.<br \/>Da verwundert es nicht, dass auch s\u00e4mtliche Figuren dieses Romanes reden, als h\u00e4tten sie einen Stock verschluckt. Der Titelheld, Kommissar Kullmann, etwa so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Es ist immer wieder sch\u00f6n, von einer jungen Frau wie Ihnen so nett aufgemuntert zu werden; trotzdem merke ich meine Jahre.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Dass man Jahre &#8222;merken&#8220; kann, mag ja umgangssprachlich noch angehen, sollte aber in einem Werk vermieden werden, das vorgibt, &#8222;Literatur&#8220; zu sein und seine Protagonisten nicht selten so gestelzt daherreden l\u00e4sst, als wankten sie nicht durch Saarbr\u00fccken, sondern durchs Elysium.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal kulminiert das Ganze, wie z.B. in einem zw\u00f6lfzeiligen Absatz auf Seite 23, der uns nicht weniger als siebenmal W\u00f6rter mit dem Stamm &#8222;Reit-&#8220; zumutet (Reiter, Reitplatz, Reitanlage) und f\u00fcnfmal &#8222;Pferde&#8220; erw\u00e4hnt. Ich bin wahrlich kein Erbsenz\u00e4hler, aber hier wird die sprachliche Phantasielosigkeit der Autorin einfach zu offensichtlich. Und gibt es beim Conte Verlag eigentlich einen Vertreter \/ eine Vertreterin des ehedem in solchen Etablissements gepflegten Berufs des Lektors \/ der Lektorin? Scheinbar nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Fazit: Wem die Sprache wurscht ist und wer viel in l\u00e4rmenden Z\u00fcgen f\u00e4hrt, dem sei Elke Schwabs Buch empfohlen. Wir anderen starren lieber aus dem Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Elke Schwab: Kullmanns letzter Fall. Ein Saarlandkrimi.<br \/>Conte 2004, 355 Seiten, 9,90 \u0080<\/pre>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahlweise morgens oder abends. 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